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Grüner Star muss nicht zur Erblindung führen

Eine Million Deutsche leiden unter einem Glaukom. Das Risiko, daran zu erkranken, ist auch erblich bedingt.

Von Kornelia Noack
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Mit Blaulicht macht Professor Pillunat einen vorab verabreichten Farbstoff im Auge von Susanne Balke sichtbar – und kann so den Augenhintergrund untersuchen.
Mit Blaulicht macht Professor Pillunat einen vorab verabreichten Farbstoff im Auge von Susanne Balke sichtbar – und kann so den Augenhintergrund untersuchen. © Jürgen Lösel

Bei einer Routineuntersuchung der Augen fiel es plötzlich auf: Susanne Balke konnte mit ihrem rechten Auge den Rand eines Bildes nicht mehr wahrnehmen. „Im oberen Bereich fehlte einfach ein Stück“, erinnert sich die 59-Jährige. Bis dahin hatte sie gar nicht bemerkt, dass Teile ihres Gesichtsfeldes ausgefallen waren. Ihr Augenarzt untersuchte sie weiter – auffallend war vor allem der deutlich erhöhte Augeninnendruck. Die Diagnose liegt inzwischen 20 Jahre zurück und war eindeutig: Susanne Balke litt unter einem Glaukom, im Volksmund auch Grüner Star genannt.

Für die junge Frau, die aus der Nähe von Fulda stammt, brach eine Welt zusammen. Gerade einmal 40 Jahre alt, war ihre Angst, das Augenlicht zu verlieren, groß. Nach der altersbedingten Makuladegeneration gilt das Glaukom hierzulande als häufigste Erblindungsursache. Allerdings: „Wird ein Glaukom früh erkannt und richtig therapiert, muss es nicht zwangsläufig zu einer Erblindung führen“, sagt Professor Lutz Pillunat. Er ist Direktor der Augenklinik am Uniklinikum Dresden – eine von drei Universitätskliniken im Land, die schwerpunktmäßig zum Glaukom und seiner Therapie forscht. Der Spezialist behandelt Susanne Balke bereits seit vielen Jahren.

Glaukom-Risiko steigt im Alter

Knapp eine Million Deutsche sind laut dem Berufsverband der Augenärzte (BVA) von einem Glaukom betroffen. Das Risiko steigt mit dem Alter. Knapp vier Prozent der 75- bis 89-Jährigen haben ein Glaukom. „Auch Patienten mit Diabetes oder einer starken Kurzsichtigkeit ab minus acht Dioptrien haben ein erhöhtes Risiko“, sagt Pillunat. Laut BVA sei bei 1,3 Millionen Menschen ein Frühstadium zu erkennen.

„Jeder Mensch sollte zwischen dem 40. und 50. Lebensjahr die Glaukom-Früherkennung beim Augenarzt wahrnehmen“, rät Pillunat. Sei die Erstuntersuchung unauffällig, reiche eine Wiederholung nach fünf Jahren. Wer familiär vorbelastet sei, sollte laut BVA den Check-up ab dem 30. Lebensjahr einmal im Jahr machen lassen.

Bei der Vorsorge wird nicht nur der Augeninnendruck gemessen, sondern der Augenarzt sieht sich auch im Rahmen einer Ophthalmoskopie den Sehnerv genau an. Besteht der Verdacht auf ein Glaukom, sind weitere Untersuchungen der Nervenfaserschicht und der Hornhautdicke sinnvoll.

Rund 90 Prozent aller Patienten hierzulande leiden unter dem sogenannten Offenwinkelglaukom. „Die wichtigste Ursache, die wir kennen, ist der Augeninnendruck“, sagt Pillunat. Je höher er ist, desto größer das Erkrankungsrisiko. Der Innendruck dient dazu, Form und Sehfunktion des Auges zu erhalten. Erzeugt wird er durch ein Gleichgewicht zwischen produziertem und abfließendem Kammerwasser. Im Laufe des Lebens werden das System weniger durchlässig und der Sehnerv empfindlicher. Das Kammerwasser fließt nicht mehr richtig ab. Dadurch steigt der Innendruck an. Fasern und Zellen des Sehnervs sowie der Netzhaut werden geschädigt.

Teile des Blickfelds wie ausradiert

Die Folge: Dem Patienten kommt es vor, als sei ein Teil des Blickfeldes wie ausradiert. Ähnlich wie bei anderen Augenerkrankungen treten die Ausfälle schleichend auf, viele bemerken sie anfangs gar nicht. „Das Gehirn füllt die Lücken des Bildes auf“, erklärt Pillunat. Mit der Zeit werden die Ausfälle dann immer größer.

Aus Reihenuntersuchungen ist bekannt, dass der normale Augeninnendruck zwischen zehn Millimeter-Quecksilbersäule (mmHg) und 21 mmHg beträgt. Es gibt allerdings auch Patienten, die ein Glaukom entwickeln, obwohl der Augeninnendruck im Normbereich ist. Auf der anderen Seite gibt es Menschen, die einen erhöhten Augeninnendruck haben, aber kein Glaukom entwickeln. „Man geht heute davon aus, dass jeder einen Augeninnendruckbereich hat, den er verträgt und der zu keinen Schäden führt“, erklärt Pillunat.

Problematisch für die Diagnose ist, dass der Augeninnendruck im Lauf des Tages schwankt. Auch bei Susanne Balke stiegen die Werte in den Nachtstunden an. Aufgefallen ist dies den Ärzten im Uniklinikum Dresden, weil sie den Druck im Tages- und Nachtverlauf gemessen haben. Dafür war die Hessin stationär aufgenommen worden. Der höchste Wert lag bei 27 mmHg. „Auch diese vorübergehenden Erhöhungen können Schäden hervorrufen“, sagt Pillunat. Wird ein Grüner Star nicht rechtzeitig erkannt und behandelt, schreitet er fort. Sind bereits Schäden entstanden, können diese nicht mehr geheilt werden. Dann hilft nur noch Schadensbegrenzung.

Augentropfen helfen

Die Therapie der ersten Wahl sind Augentropfen. Sie helfen, den Abfluss des Kammerwassers zu verbessern oder die Produktion von Flüssigkeit zu hemmen – der Augeninnendruck sinkt dadurch. Zugelassene Wirkstoffe sind Prostaglandine, Carboanhydrasehemmer (Enzymhemmer) und Betablocker. Je nach Patient werden die Mittel auch kombiniert. Etwa 95 Prozent sprechen sehr gut darauf an. „Ziel ist es, den individuellen Augendruck zu erreichen, bei dem die Schäden am Sehnerv stabil bleiben“, sagt der Mediziner.

Verträgt ein Patient die Glaukom-Tropfen nicht oder hat Schwierigkeiten, diese ins Auge zu bekommen, kann eine Selektive Laser Trabekuloplastik (SLT) durchgeführt werden. Das Kammerwasser kann danach wieder ungehindert abfließen. Die Wirkung hält bei den meisten Patienten mehrere Jahre an. Der Eingriff dauert nur etwa zehn Minuten pro Auge, erfolgt in der Regel ambulant und kann in gewissen Zeitabständen wiederholt werden. Die Kosten dafür trägt die gesetzliche Krankenkasse.

Schlagen beide Therapieformen nicht an, stehen verschiedene Operationstechniken zur Verfügung, um den Augeninnendruck zu senken. Weltweit am häufigsten durchgeführt wird die Trabekulektomie. Dabei wird chirurgisch ein künstlicher Abfluss geschaffen, wodurch eine Art Druckventil entsteht: Wenn der Augeninnendruck zu groß wird, kann Kammerwasser abfließen, und der Druck sinkt wieder.

Bei Susanne Balke hat die Tropfentherapie sehr gut angeschlagen. Seit Jahren liegen ihre Werte bei 14 mmHG in beiden Augen. Alle sechs Monate kommt sie zur Kontrolle nach Dresden. „Meine schlimmsten Befürchtungen sind nicht eingetroffen. Ich kann bis heute mit leichten Einschränkungen sehen“, sagt Balke. Wie es weitergehen wird, kann niemand sagen. Prognosen sind nicht möglich. Sollte sich ihre Sehfähigkeit jedoch deutlich verschlechtern, will sie sich einer Laser-Behandlung unterziehen.

  • Augenyoga hilft, die Augenmuskulatur zu entspannen und Ermüdungserscheinungen vorzubeugen.
  • Schließen Sie die Augen und atmen Sie mehrere Male tief ein und aus. Anschließend reiben Sie die Hände aneinander und legen die erwärmten Handflächen über die Augen.
  • Die Übung mehrmals wiederholen. (Quelle: Kuratorium Gutes Sehen)

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