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Hilfe, ich habe eine Abo für Potenzpillen

Eine Firma aus Lettland setzt auf Scham und Angst, um vermeintliche Wundermittel zu verkaufen. Verbraucherschützer überschreiten Grenzen, um sie zu stoppen.

Nur echt mit Lineal: Diese blauen Pillen aus Lettland bescherten Hunderten Deutschen schlaflose Nächte.
Nur echt mit Lineal: Diese blauen Pillen aus Lettland bescherten Hunderten Deutschen schlaflose Nächte. © Bildstelle

Die Corona-Krise hat dem Onlineshopping einen enormen Schub gegeben. Gleichzeitig häufen sich Fälle von grenzüberschreitender Abzocke. Einen besonders dreisten Versuch und dessen Konsequenzen schildert Sabine Blanke, Juristin beim Europäischen Verbraucherzentrum Deutschland, im Interview mit Sächsische.de.

Frau Blanke, Spam-Mails mit Werbung für Potenzmittel kennt vermutlich fast jeder Internetnutzer. Aber dass man tatsächlich solche Pillen zugesandt bekommt – wo gibt’s denn so was?

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Auf diese Frage wird Ihnen niemand präzise Auskunft geben. Wer „nur mal so probieren“ wollte, erzählt das ja in der Regel nicht. Da existiert eine Schamgrenze. Fakt ist, dass manch einer wohl tatsächlich eine Probepackung bestellt hat. Die kostet um die 30 Euro. Andere haben irgendwo ihre Adressdaten eingetragen und sind auf diesem Weg in die Abofalle geraten.

Sabine Blanke ist Juristin. Die gebürtige Erfurterin arbeitet seit 2016 für das Europäische Verbraucherzentrum Deutschland.
Sabine Blanke ist Juristin. Die gebürtige Erfurterin arbeitet seit 2016 für das Europäische Verbraucherzentrum Deutschland. © EVZ

Selbst diejenigen, die beteuern, nichts bestellt zu haben, werden zumindest mal auf der Internetseite des Anbieters gewesen sein. In jedem Fall werden Monat für Monat weitere Packungen geliefert. Wer nicht zahlt, bekommt es mit einem Inkassobüro aus dem Raum München zu tun. Die verschicken dann Mahnungen, und damit wird die Rechnung sehr schnell ziemlich hoch.

Wie hoch?

Teilweise mehrere Hundert Euro.

Woher kommen die Pillen?

Immer von derselben Firma aus Lettland, der Aliaz Cooperation SIA. Schon im Herbst 2020 hatten wir über 700 Beschwerden aus ganz Deutschland zu Aliaz. Inzwischen ist die Zahl vierstellig. Das EVZ bearbeitet solche grenzüberschreitenden Fälle von Verbraucherärger. Es ging dabei nicht nur um Potenzmittel, sondern auch um Lifestyle-Produkte wie Zahnweißer oder Kosmetika. Irgendwann konzentrierte sich das aber auf diese „Horsepower-Pillen“. Skandinavische Verbraucherschützer haben sogar die Inhaltsstoffe analysieren lassen.

Und was ist drin?

Nicht Besonderes. Jedenfalls nichts, was bei Potenzproblemen helfen würde.

Was gibt es über das lettische Unternehmen zu sagen, das diese Potenzmittel verschickt?

Für uns ist Aliaz eine Firma, die tatsächlich existiert und auch kontaktierbar ist. Wir reden hier nicht von einem Fake Shop. Allerdings verhält sich dieses Unternehmen nicht rechtskonform. Unser Job ist, darüber zu informieren und dafür zu sorgen, dass die betroffenen Verbraucher nicht zahlen müssen.

Was sollten Betroffene tun, wenn sie eine Zahlungsaufforderung bekommen?

Da kursieren unterschiedliche Ansichten. Manche Juristen sind der Auffassung, wer nichts bestellt habe, müsse auch nicht reagieren. In vielen Fällen weiß der Verbraucher aber gar nicht so genau, ob er wirklich etwas schuldet oder nicht. Man kann ja auch durchaus für eine nicht bestrittene Forderung einen Schufa-Eintrag bekommen. Das Zivilprozessrecht in Deutschland ist so, dass Sie einen Fall verlieren können, obwohl Sie eigentlich nicht zahlen müssten. Deshalb ist es aus unserer Sicht immer günstiger, die Forderung zu bestreiten. Dafür haben wir auf der Internetseite des EVZ ein Musterschreiben zum Download eingestellt. Dieses Signal, das Zustandekommen eines Vertrags zu verneinen, ist der erste Schritt. Natürlich funktioniert dieser Widerruf erst einmal nicht, weil es sich nicht um ein seriöses Unternehmen handelt.

Was ist Schritt zwei?

Sich an uns zu wenden und das spätestens, wenn das erste Inkassoschreiben kommt. Keiner der Betroffenen, die zu uns gekommen sind, musste zahlen.

Was haben Sie unternommen, um der Firma Einhalt zu gebieten?

Unsere Kollegen in Lettland haben sich der Sache angenommen. Dazu muss man wissen, dass es in jedem Land des europäischen Wirtschaftsraums eine Art Durchsetzungsbehörde gibt. Dieses Netzwerk heißt CPC, was für Consumer Protection Cooperation steht. Die lettische CPC-Behörde ist eingeschritten und hat Aliaz im September vergangenen Jahres zur Zahlung von 90.000 Euro verdonnert. Das ist fast schon der für solche Fälle mögliche Höchstsatz von 100.000 Euro. Außerdem wurde das Unternehmen aufgefordert, seine unlauteren Geschäftspraktiken sofort einzustellen. Wir erhalten nach wie vor Beschwerden, aber viel seltener. Obwohl Aliaz die Forderung fallen gelassen hat, wird vom Inkassobüro manchmal weiter gemahnt. Es ist noch nicht in den Köpfen verankert: Wenn die Forderung nicht mehr existiert, kann das Inkassobüro zehn Briefe schreiben, das ändert nichts. Viele Betroffene bekommen es aber eben doch mit der Angst zu tun.

Sollten Betroffene die Pillenpakete zurückschicken oder wegwerfen?

Man kann die Firma durchaus fragen, ob man die Ware behalten darf oder vernichten soll. Auf keinen Fall sollte etwas auf eigene Kosten zurückgeschickt werden. Das ist nie empfehlenswert, wenn man nichts bestellt hat.

Welche Fälle von grenzüberschreitendem Verbraucher-Nepp beschäftigen Sie derzeit noch?

Das Thema Sexhotlines beobachten wir momentan wieder mit Sorge. Hier ist nicht mal klar, woher die Anbieter die Daten ihrer Opfer haben. Wir wissen von Fällen, bei denen Unbekannte angerufen und sich als Postbedienstete ausgegeben und die Korrektheit der Adresse erfragt haben, um eine Postsendung zustellen zu können. Dann kam aber nur eine 90 Euro Rechnung für die angebliche Hotline-Nutzung. Diese Geschichte finde ich noch schwieriger, weil hier die Schamgrenze noch höher ist. Ein drittes Thema sind Prepaid-Kreditkarten für Verbraucher, die auf der Suche nach einem schufafreien Kredit sind.

Wie funktioniert diese Masche?

Interessenten bekommen keinen Kredit, aber eine Prepaid-Kreditkarte, für die sie ziemlich viel Geld zahlen müssen. Manche denken jedoch, der Kredit sei auf der Karte. Andere wissen nicht, was genau passiert ist. Wer dann nicht zahlt, bekommt es mit Inkassofirmen zu tun. Manche treten unter wechselnden Namen auf, andere mahnen wöchentlich. Das ist sehr lästig. Einige nennen das versuchten Betrug. Wir halten die Praxis für wettbewerbswidrig.

Das Gespräch führte Andreas Rentsch.

Das Musterformular des EVZ für den Widerspruch gegen Aliaz-Zahlungsaufforderungen finden Sie hier.

  • Das EVZ mit Sitz im baden-württembergischen Kehl ist Teil des Netzwerks der Europäischen Verbraucherzentren (ECC-Net) und hilft bei Problemen mit Firmen, die ihren Sitz im EU-Ausland haben. Das Zentrum besteht seit 2005 und hat in Deutschland rund 30 Mitarbeiter.

  • Die Juristen beraten beispielsweise bei Auseinandersetzungen um Flugverspätungen oder abgesagte Reisen, klären offene Fragen zu Garantie, Gewährleistung und Widerrufsrecht bei Onlinekäufen oder helfen dabei, einen Autokauf im EU-Ausland abzuwickeln.

  • Finanziert wird das EVZ von der EU-Kommission und vom Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz. Von März 2020 bis März 2021 hatte ECC-Net ca. 170.000 Anfragen und Beschwerden. Das ist ein Zuwachs von 44 Prozent im Vergleich zu 2019. 80 Prozent der Fälle endeten im Sinne der Verbraucher oder als akzeptable Kompromisse.

  • In einem neuen Podcast beantworten Jonas Maunichy und Nina Zeindlmeier vom EVZ Verbraucherfragen anhand praktischer Beispiele, ohne in Juristendeutsch zu verfallen. Abrufbar ist der Podcast auf Spotify, Apple Podcast, Amazon Music, Deezer, Podigee und Podimo.

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