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In Sachsen kommen viele Krankheiten häufiger vor

Eine neue Studie zeigt, wie Wohnort, Alter und Geschlecht das Gesundheitsrisiko beeinflussen. Ein Überblick.

Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind im Osten Deutschlands (außer Berlin) häufiger verbreitet als im Westen, zum Teil sind die Unterschiede sogar gravierend.
Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind im Osten Deutschlands (außer Berlin) häufiger verbreitet als im Westen, zum Teil sind die Unterschiede sogar gravierend. © Marijan Murat/dpa

Grippe, Bronchitis, Lungenentzündung: Fast zehn Millionen Mal pro Jahr suchen Patienten in Deutschland wegen dieser und anderer Erkrankungen der unteren Atemwege die Hilfe beim Arzt – und damit so oft wie bei keiner anderen Krankheit. Das geht aus einer neuen Studie des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) hervor. Für die Analyse, bei der Covid-19 noch keine Rolle spielt, wurden für 18 verbreitete Erkrankungen die Abrechnungsdaten aller 27 Millionen AOK-Versicherten auf die gesamte Bevölkerung hochgerechnet und bis auf Regionen aufgeschlüsselt.

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Im Gegensatz zu anderen Gesundheitsreporten spiegeln die Daten die Situation in der gesamten Bevölkerung ziemlich exakt wider. „Dafür haben wir ein eigens entwickeltes und zwischenzeitlich bewährtes Hochrechnungsinstrumentarium benutzt“, sagt Helmut Schröder, stellvertretender WIdO-Geschäftsführer. Letztlich sollen die Daten in ein noch umfangreicheres Zahlenwerk zur Verteilung der Krankheitslast in Deutschland – das Projekt „Burden 2020“ – einfließen. Das Fazit der aktuellen Auswertung: Erkrankungshäufigkeiten hängen stark mit Alter, Geschlecht und Wohnort zusammen.

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Wohnort

Sage mir, wo du wohnst, und ich sage dir, wie krank du bist beziehungsweise wirst: So einfach ist die Sache natürlich nicht. Aber die Häufung von Krankheiten in bestimmten Regionen ist nicht von der Hand zu weisen. Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind im Osten Deutschlands (außer Berlin) häufiger verbreitet als im Westen, zum Teil sind die Unterschiede sogar gravierend. Während in Hamburg lediglich 4,69 Prozent der Einwohner an einer koronaren Herzkrankheit leiden, ist der Anteil in Sachsen-Anhalt mit 10,2 Prozent mehr als doppelt so hoch.

Und Sachsen? Bei sieben der 18 Krankheiten hat der Freistaat einen unrühmlichen Platz im Spitzentrio, darunter bei Demenzen, Darmkrebs und Diabetes Typ 2. Prostatakrebs kommt sogar nirgendwo so oft vor wie in Sachsen. Dies könne mit der überdurchschnittlich hohen Zahl älterer Einwohner zusammenhängen, erklärt Schröder. „Aber auch kulturelle Unterschiede, etwa die Teilnahme an Vorsorgeuntersuchungen, könnten eine Rolle spielen.“ Denn je früher Prostatakrebs erkannt wird, desto größer ist die Chance, ihn erfolgreich zu behandeln. Depressionen sind in Sachsen dagegen vergleichsweise selten verbreitet. Auch innerhalb Sachsens gibt es Unterschiede. Demnach sind die Einwohner in der Region mit der Stadt Dresden sowie den Landkreisen Meißen und Sächsische Schweiz/Osterzgebirge im Schnitt seltener als in den anderen Landesteilen von den dargestellten Krankheiten betroffen.

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Alter

Mit steigendem Alter wächst bei den meisten Erkrankungen auch die Zahl der Betroffenen. Bei der Mehrzahl der untersuchten Krankheiten ist das 65. Lebensjahr eine kritische Marke. Es gibt aber auch Ausnahmen. Etwa die koronare Herzkrankheit, eine Erkrankung der Herzkranzgefäße, die letztlich zum Herzinfarkt führen kann: Bei Menschen zwischen 45 und 59 Jahren liegt die Erkrankungshäufigkeit bei 3,1 Prozent, steigt aber danach kontinuierlich an. Bei Menschen ab 85 beträgt sie bereits 34,2 Prozent. Bei Alzheimer und anderen Demenzen nehmen die Erkrankungszahlen dagegen erst ab 70 spürbar zu, bei Angst- und Belastungsstörungen gehen sie ab dem 65. Lebensjahr wieder leicht zurück – ein sicheres Indiz dafür, dass die Krankheit einen Bezug zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf hat.

Geschlecht

Frauen und Männer sind anders krank. Das belegen auch die nun vorliegenden Daten. Am Beispiel der Herz-Kreislauf-Erkrankungen wird das besonders deutlich. So haben Männer im Laufe ihres Lebens ein mehr als doppelt so hohes Herzinfarktrisiko. Die Rate liegt bei ihnen bei 305 Fällen, bei den Frauen nur bei 147 Fällen, jeweils berechnet auf 100.000 Personenjahre. Generell haben Männer ein höheres Risiko für körperliche Erkrankungen, was ihre geringere Lebenserwartung erklärt.

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Frauen sind dagegen anfälliger für psychische und neurologische Erkrankungen. Bei Depressionen – unter den ausgewerteten Erkrankungen die zweithäufigste Diagnose – beträgt die Erkrankungshäufigkeit unter Frauen 11,9 Prozent. Das ist fast doppelt so hoch wie unter Männern (6,1 Prozent). Ähnlich sieht das Verhältnis bei Angst- und Belastungsstörungen und Dysthemie, einer anhaltenden depressiven Verstimmung, aus. Auch Demenzen werden bei Frauen häufiger diagnostiziert – was wiederum mit der höheren Lebenserwartung zusammenhängt.

www.krankheitslage-deutschland.de

Helmut Schröder, stellvertretender WIdO-Geschäftsführer
Helmut Schröder, stellvertretender WIdO-Geschäftsführer © PR

Interview: Ab 65 geht die Kurve deutlich nach oben

Herr Schröder, Ihr Institut ist auf die Auswertung von Gesundheitsdaten spezialisiert. Eine Erkenntnis der neuen Erhebung lautet: Je älter die Menschen werden, desto höher ist ihr Erkrankungsrisiko. Nicht wirklich neu, oder?

Nein. Bei genauerem Hinsehen wird aber klar, dass die Krankheitshäufigkeit zunächst moderat ansteigt, ab einem Alter von 65 Jahren geht die Kurve dann aber in der Regel deutlich nach oben. Es gibt auch Unterschiede zwischen Frauen und Männern sowie den Regionen.

Wie erklären Sie die regionalen Unterschiede?

Zum einen gibt es den demografischen Faktor: In manchen Bundesländern, darunter Sachsen, ist die Bevölkerung im Schnitt deutlich älter. Auch die regionale Häufung von Risikofaktoren kann die Unterschiede erklären: Wo mehr Raucher leben, kommt auch Lungenkrebs häufiger vor.

Wem nutzen solche Erkenntnisse?

Die Zahlen können Landräten und Bürgermeistern helfen, die gesundheitliche Versorgung der Bevölkerung vor Ort optimal aufzustellen: Gibt es genügend Diabetologen? Reichen die Pflegeheimplätze für Patienten mit Demenz? Insbesondere für die Prävention sind die Ergebnisse hilfreich. So ist bekannt, dass Lebensstiländerungen, wie ausreichende Bewegung, gesunde Ernährung und der Abbau von Übergewicht, helfen können, die Typ-2-Diabetes-Erkrankung zu vermeiden. Hier kann jeder selbst viel tun. Auch das regionale Angebot an Grünflächen und Sportanlagen, die körperliche Bewegung ermöglichen, oder das lokale Ernährungsangebot in Kitas, Schulen und Betrieben können gegensteuern.

Das Gespräch führte Steffen Klameth.

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