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Warum ist es bei Kinderärzten jetzt so voll?

Die Praxen werden derzeit regelrecht überrannt. Eine Leipziger Kinderärztin erklärt, warum es noch schlimmer werden könnte.

Rasselt da was in der Brust? Kinderärzte beobachten derzeit viele Kinder mit einer RS-Virusinfektion.
Rasselt da was in der Brust? Kinderärzte beobachten derzeit viele Kinder mit einer RS-Virusinfektion. © Symbolbild: dpa/Patrick Pleul

Eine Dresdner Kinderarztpraxis kurz vor acht Uhr: Eine Schlange von Eltern mit hustenden, verschnupften und quengelnden Kindern steht bis zur Praxistüre hinaus. Wegen der Abstandsregeln gibt es weniger Sitzplätze im Wartezimmer. Doch auf dem Gang und im Treppenhaus sind die Abstände zweitrangig.

Kein Einzelfall: Kinderärzte werden derzeit regelrecht überrannt. Die Sprecherin der sächsischen Kinderärzte, Dr. Melanie Ahaus aus Leipzig, erklärt im SZ-Gespräch die Gründe.

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Frau Doktor Ahaus, ist die aktuelle Situation nur eine Momentaufnahme, oder können Kinderärzte in Sachsen dem Ansturm jetzt wirklich kaum noch gerecht werden?

Das ist leider nicht nur eine Momentaufnahme. Die Infektwelle hat uns alle voll im Griff. Kinder mit Erkältungskrankheiten, Magen-Darm-Infekten, aber auch ansteckenden Krankheiten werden uns jetzt vermehrt vorgestellt.

Wie ist das zu erklären?

Durch den Lockdown und die damit verbundene Abschottung der Kinder von Gleichaltrigen hat das Immunsystem verlernt, Infekte zu erkennen. Es wurde nicht so trainiert, was sich Ende 2020 und Anfang 2021 auch durch viel weniger Krankmeldungen gezeigt hat. Das holen die Kinder jetzt alles nach.

Aber ist es nicht etwas Positives, wenn Kinder nicht krank sind?

Teil, teils. Für das Kind selbst und die Eltern ist es natürlich angenehmer, wenn das Kind nicht hustet und niest. Aber das Immunsystem braucht diese Herausforderung. In den ersten beiden Kitajahren kennen die Eltern ihre Kinder fast nur mit laufender Nase. Damit lernt das Immunsystem anhand eigener Erfahrungen. Und wie wir sehen, bleiben Infekte den Kindern durch Isolierung ja nicht erspart, die Kinder werden dann eben zu einem späteren Zeitpunkt krank. Das beobachten wir zum Beispiel bei den sogenannten RS-Viren.

Was sind RS-Viren?

Übersetzt heißt RS Respiratorisches Synzytial-Virus. Die Erkrankung ähnelt einer Erkältung, kann aber für sehr kleine Kinder gefährlich werden, weil sie eine Lungenentzündung zur Folge haben kann, die dann auch oft im Krankenhaus behandelt werden muss. Vor Corona beobachteten wir die RS-Viruserkrankungen hauptsächlich bei Frühgeborenen, die zu Hause Kontakt mit älteren Geschwistern haben. Diesen Babys – oder auch schwer herzkranken Säuglingen und Kleinkindern – geben wir in den ersten zwei Lebensjahren eine Immunprophylaxe. Jetzt sehen wir aber auch schwere Verläufe bei sonst gesunden Säuglingen und Kleinkindern. Das ist ungewöhnlich.

Wie werden RS-Viren nachgewiesen?

Das passiert mit dem PCR-Test, wie wir ihn schon durch Corona kennen. Doch diese Tests werden nicht bei jedem erkälteten Kind durchgeführt, sondern nur bei Risikogruppen, also herzkranken oder frühgeborenen Kindern. Erfahrene Kinderärzte nehmen aber auch bei anderen Kindern die für RS-Viruserkrankungen typischen feuchten Rasselgeräusche in der Lunge wahr, sodass dann auch Abstriche genommen werden.

Wenn die Landesuntersuchungsanstalt (LUA) Sachsen allein für die vierte Septemberwoche 308 Neuerkrankungen meldet, ist das dann nur ein Bruchteil der wirklichen Infektionen?

Davon würde ich ausgehen, obwohl ich keine Vergleichszahlen kenne. Wir Kinderärzte rechnen mit einer hohen Dunkelziffer. Und vor allem mit einer wachsenden Erkrankungswelle. Noch gibt es etwas Schutz durch die Masken, denn die Viren werden durch Tröpfcheninfektion übertragen. RS-Virusinfektionen haben normalerweise erst im Winter ihren Höhepunkt. Die hohe Erkrankungszahl zum jetzigen Zeitpunkt lässt da einiges erwarten.

Gilt das auch für andere Krankheiten? Bei Norovirusinfektionen verzeichnet die LUA auch einen Anstieg.

In meiner Praxis habe ich zwar bisher nur wenige Kinder mit Durchfallerkrankungen gehabt, aber das kann sich ja noch ändern. Neben den Magen-Darm-Infekten rechnen wir in diesem Winter auch mit einer starken Grippewelle, da sie im letzten Winter ja fast ausgefallen ist. Die Grippe tritt meist in Wellen auf. 2018 hatten wir in Sachsen auch sehr viele Erkrankte, darunter auch viele Kinder. Deshalb impfen wir bereits Kinder gegen Grippe. Die Sächsische Impfkommission empfiehlt die Impfung im Gegensatz zur bundesweiten Ständigen Impfkommission ab dem siebenten Lebensmonat. Zumindest aber ab dem zweiten Lebensjahr sollte man Kinder vor Influenza schützen.

Was können Eltern tun, um ihre Kinder vor Dauerinfekten zu schützen?

Apotheken und Drogeriemärkte bieten da zwar sehr viel an, aber das ist aus meiner Sicht nicht nötig. Die besten Erfahrungen machen wir immer mit den bewährten Maßnahmen: Kinder brauchen jetzt täglich frisches Obst und Gemüse. Sie sollten bei jedem Wetter an der frischen Luft spielen, denn der Temperaturreiz ist für das Immunsystem wichtig. Vor allem sollten Eltern ihre Kinder nicht zu warm anziehen. Wenn sie sich bewegen, brauchen sie meist nicht solche dicken Sachen.

Gibt es eigentlich genügend Kinderärzte in Sachsen? Manche nehmen gar keine Neugeborenen mehr auf.

Die Großstädte in Sachsen gelten eigentlich als überversorgte Gebiete. Es gibt also eher zu viele Kinderärzte, berechnet auf die Einwohnerzahl. Nicht berücksichtigt wird bei dieser Statistik aber, dass viele Kinderärzte Spezialsprechstunden anbieten, zum Beispiel für Herz-, Lungen- oder Gelenkerkrankungen. Damit nehmen sie nicht an der normalen Grundversorgung teil, weisen also vielleicht Neugeborene ohne diese Vorerkrankungen ab. Zudem gibt es viele Kinderärzte, die nur noch die geforderten 25 bis 30 Stunden pro Woche öffnen, nicht mehr 50 bis 60 wie früher. Eltern, die keinen Kinderarzt finden, können sich an ihre Krankenkasse oder an die Arztsuche der Kassenärztlichen Vereinigung unter Rufnummer 116117 wenden.

Und welchen Tipp haben Sie, wenn man volle Arztpraxen meiden will?

Wenn Kinder an einer leichten Erkältung leiden, vielleicht etwas Husten, Schnupfen oder leichtes Fieber haben, müssen sie nicht unbedingt einem Arzt vorgestellt werden. Wir Ärzte können in solchen Fällen auch nicht viel zur Beschleunigung des Heilungsverlaufes tun, nur die Beschwerden lindern. Ein paar Tage körperliche Schonung und viel Trinken reichen da meist schon aus – ohne Arztbesuch.

Brauchen berufstätige Eltern nicht eine Arbeitsbefreiung?

Ja, dazu müssen sie aber nicht in die Praxis kommen. Das ist dank Corona nach wie vor telefonisch möglich.

Der Lockdown hat den Kindern also keine Vorteile gebracht, auch wenn sie dadurch weniger krank waren?

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Die Situation ist derzeit äußerst prekär. Eltern wenden sich an die Kassenärztliche Vereinigung in Sachsen. Die gibt eine erstaunliche Antwort.

Nein. Er hat dem Immunsystem der Kinder, ihrer Psyche und ihrer allgemeinen Entwicklung erheblich geschadet. Denn am wichtigsten für eine gesundheitlich positive Entwicklung sind Kontakte und die Interaktion mit Gleichaltrigen sowie viel Bewegung an der frischen Luft, zum Beispiel im Sportverein oder auf Spielplätzen.

  • Dr. Melanie Ahaus (50) ist Kinderärztin in Leipzig und Sprecherin des Berufsverbandes Sachsen. Sie hat zwei Kinder.

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