merken
PLUS Leben und Stil

Kita ohne Masernimpfung - es gibt Ausnahmen

Einem ungeimpften Kind aus Zittau wurde die Kita verwehrt. Zu Unrecht, entschied nun ein Gericht.

„Schau mal, die schöne Blume!“ – Die herrliche Natur rings um Hainewalde bei Zittau muss für Sara (2. v. r.) und Neli Slowinski coronabedingt noch die Kita ersetzen.
„Schau mal, die schöne Blume!“ – Die herrliche Natur rings um Hainewalde bei Zittau muss für Sara (2. v. r.) und Neli Slowinski coronabedingt noch die Kita ersetzen. © Matthias Weber

Familie Slowinski lebt mit ihrer vierjährigen Tochter Sara seit Januar in Hainewalde bei Zittau. Dass sie sofort einen Kita-Platz bekamen, überraschte sie sehr. Denn in Bayern, ihrem ursprünglichen Wohnort, sind die Wartezeiten lang. Doch die Freude währte nur kurz. Denn nach dem dritten Tag der Eingewöhnungsphase durfte das Mädchen nicht mehr kommen.

Der Grund: Ihr fehlte der Nachweis über die vollständige Masernimpfung. Mit Verweis auf das Masernschutzgesetz verwehrte man ihr den Zutritt. Es bestehe ein Gesundheitsrisiko. Zudem mache man sich strafbar, wenn Kinder ohne Masernimpfung aufgenommen würden, habe die Kita-Leitung ihren Schritt begründet.

LandMAXX - Baumärkte und Baustoffzentren
Mitten in Sachsen, ganz nah am Menschen
Mitten in Sachsen, ganz nah am Menschen

LandMAXX ist der freundliche, kreative und innovative Nahversorger für alle, die in Haus, Hof und Garten gern selbst anpacken.

"Keine Masernimpfung mehr nötig"

Doch sie wussten offenbar nicht, dass das Masernschutzgesetz neben der Impfung auch eine nachgewiesene Masernimmunität akzeptiert, um Zutritt zur Kita zu erhalten. Und diese Immunität konnte Sara Slowinski vorweisen. Ein Arzt in Bayern hatte ihr dieses Attest nach erfolgter Blutuntersuchung ausgestellt. Der Nachweis wurde aber nicht anerkannt. Selbst eine Vorsprache in der Stadtverwaltung brachte nichts. „Der Besuch der Kita ist möglich, aber nur mit Impfung“, steht in dem Schreiben.

So schnell wollten die Slowinskis nicht aufgeben. Eine neuerliche Blutuntersuchung sollte den vorliegenden Befund bestätigen. Ihr Kinderarzt lehnte sie aber ab, sodass die Familie mit ihrer Tochter zum Hausarzt ging. Als Selbstzahlerleistung konnte das Blut Saras nochmals untersucht werden. Zwischen 15 und 25 Euro kostet solch ein Test.

Der Befund blieb der gleiche: "Eine Masernimmunität ist anzunehmen. Keine Masernimpfung mehr nötig“, steht auf dem Laborbericht. Doch die Bedenken der Kita blieben, sie wollten das Kind nicht aufnehmen. Erst als die Eltern rechtliche Schritte einleiten wollten, lenkte man ein.

Tödliche Spätkomplikation

Diese Auseinandersetzung wäre nicht nötig gewesen, denn „das Masernschutzgesetz erlaubt ebenso Kindern mit einer Masernimmunität den Zutritt zur Kita“, bestätigt auch Dr. Melanie Ahaus, Sprecherin der Kinderärzte in Sachsen. Das sei möglicherweise noch nicht so bekannt. „Ein Test auf Masern-Antikörper ist eine Kassenleistung, genauso wie die Masernimpfung“, denn beides beruhe auf einer gesetzlichen Grundlage, ergänzt die Kinderärztin.

Doch der Arzt sei nicht verpflichtet, eine solche Blutuntersuchung vorzunehmen. „Das ist ja immer mit Schmerzen für das Kind verbunden. Und wenn kein Hinweis darauf besteht, dass das Kind die Erkrankung durchgemacht hat, kann der Arzt die Blutentnahme ablehnen“, so Ahaus.

„Eine Immunität gegen Masern erreicht man nur durch Impfung oder das Durchmachen der Krankheit“, sagt Professor Thomas Luther, Immunologe und Leiter des Medizinischen Labors Ostsachsen. Bis etwa ein Jahr nach der Geburt haben Kinder einen sogenannten Nestschutz, wenn die Mutter über Masern-Antikörper verfügt. „Das ist aber nur ein sogenannter Leih-Titer. Der baut sich allmählich wieder ab.“ Deshalb ist eine Blutuntersuchung im ersten Lebensjahr nicht sinnvoll.

Es gebe unterschiedliche Testverfahren mit unterschiedlichen Grenzwerten. Doch alle zugelassenen Laboruntersuchungen seien sicher. „Die Familie kann sich darauf verlassen, dass ihr Kind nicht erneut an Masern erkranken kann“, sagt der Facharzt für Immunologie.

Eine tödlich verlaufende Gehirnentzündung

Bei Familie Slowinski gab es aber noch eine andere Besonderheit: Die Mutter kann sich nicht an eine Masernerkrankung ihrer Tochter mit üblicherweise hohem Fieber und Hautausschlag erinnern. Für Professor Luther nichts Ungewöhnliches: „Infektionen, selbst die Masern, können auch leicht, fast unbemerkt verlaufen. Wenn das Kind einen Infekt hatte und der Hautausschlag nicht so auffällig war, kann das durchaus übersehen werden.“

Doch selbst eine überstandene Masernerkrankung birgt noch Gefahren. Denn bei etwa einem von 3.300 Kindern tritt vier bis zehn Jahre danach eine Spätkomplikation auf: SSPE – subakute sklerosierende Panenzephalitis.

Das ist eine tödlich verlaufende Gehirnentzündung, gegen die es keine Behandlung gibt. Laut Ärzteblatt tritt sie nur bei Infektionen mit Wildviren auf. Bei der Impfung würden abgetötete Erreger verwendet, die dieses Risiko nicht bergen.

Weniger Impfungen

Wer für die Kita die Masernimpfung nachholen möchte, hat noch bis zum Jahresende Zeit. Ursprünglich mussten Kinder und Beschäftigte, die bereits zum 1. März 2020 in der Kita waren, bis zum 31. Juli 2021 einen vollständigen Masernschutz nachweisen.

Coronabedingt wurde die Frist bis zum 31. Dezember 2021 verlängert, informiert das Bundesgesundheitsministerium. "Damit wird dem Umstand Rechnung getragen, dass die Organisation der Prüfung der Nachweispflicht wegen der andauernden Covid-19-Pandemie erschwert sein kann", heißt es in einer Mitteilung.

Die Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendmedizin kritisiert das. „Der Termin ist seit März 2020 bekannt und hätte längst umgesetzt sein können“, erklärt Professor Hans Hupperts, Generalsekretär der Akademie. Durch die Erschütterungen des Gesundheitssystems während der Corona-Pandemie sei es auch zu einer Verminderung der Impftätigkeit gekommen. Nachholimpfungen sollten schnellstens angeboten werden.

Mehr zum Thema Leben und Stil