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Kluge Hilfsmittel machen das Aufstehen leichter

Sachsen wird immer älter. Damit steigt der Bedarf an Mobilitätshilfen für zu Hause – ob für Sofa, Bett oder Toilette. Ein Überblick über Möglichkeiten und Kosten.

Der Dresdner Medizinprodukteberater Ron Bänsch präsentiert ein Pflegebett mit Haltegriffen und Bettgalgen. Das Kopf-, Knie- und Fußteil sind verstellbar.
Der Dresdner Medizinprodukteberater Ron Bänsch präsentiert ein Pflegebett mit Haltegriffen und Bettgalgen. Das Kopf-, Knie- und Fußteil sind verstellbar. © Jürgen Lösel

Das Bett ist zu niedrig, die Couch zu weich und der Sessel zu tief: Für viele ältere Menschen werden gerade die Möbelstücke, auf denen sie besonders bequem sitzen oder liegen können, zu einem Problem – sie kommen einfach nicht mehr davon hoch. Die Beine sind ein wenig zu wacklig, in den Armen fehlt die Kraft zum Hochziehen oder die Hüfte ist nicht mehr so beweglich. Es gibt jedoch Hilfsmittel für den Alltag, mit denen Ältere leichter wieder auf die Füße kommen. Die Palette reicht dabei vom einfachen Haltegriff bis zum elektrisch gesteuerten Sessel.

Die Nachfrage ist groß: Rund neun Milliarden Euro haben die gesetzlichen Krankenkassen 2019 insgesamt für Hilfsmittel ausgegeben. Rund 57,5 Millionen Euro zahlten sie für „Mobilitätshilfen“, zu denen auch die Aufstehhilfen zählen. Dass der Bedarf nach den Geräten immer größer wird, hat auch Ron Bänsch beobachtet. Er ist Medizinprodukteberater bei der Orthopädie- und Rehatechnik Dresden GmbH. Mit 14 Standorten zwischen Freiberg und Görlitz gehört sie zu den größten Sanitätsunternehmen in Sachsen. „Die Menschen werden älter und genießen deutlich bessere Behandlungen“, sagt Bänsch. „Die Aufstehhilfen ermöglichen ihnen lange Zeit ein selbstständiges Leben in den eigenen vier Wänden.“ Zwar gelte niemand gern als gebrechlich, doch es sei keine Schande, solche Hilfen zu nutzen.

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Um besser von einem Stuhl hochzukommen, sind Keilkissen als Sitzerhöhung ein einfaches Hilfsmittel. Sie lassen sich auch gut für unterwegs mitnehmen. Außerdem gibt es sogenannte Katapultsitze: Sie erleichtern Senioren das Aufstehen, indem sich die Sitzfläche mittels einer Gasdruckfeder hochschiebt, sobald sie einen Mechanismus betätigen. „Der Katapultsitz wird je nach Körpergröße und Gewicht eingestellt“, erklärt Bänsch.

Ein, zwei, drei und hopp: Ein Katapultsitz gibt zum Aufstehen vom Stuhl den nötigen Schub. Er arbeitet über einen Gasdruckstoßdämpfer, der auf das Gewicht einstellbar ist.
Ein, zwei, drei und hopp: Ein Katapultsitz gibt zum Aufstehen vom Stuhl den nötigen Schub. Er arbeitet über einen Gasdruckstoßdämpfer, der auf das Gewicht einstellbar ist. © Rehastage

Neben mechanischen gibt es elektronische Modelle. Diese haben den Vorteil, dass man zwischendurch anhalten kann. Dafür sind sie aber auch teurer – und man braucht eine Steckdose in der Nähe. „Katapultsitze sind besonders für härtere Unterlagen wie Stühle geeignet“, sagt Bänsch. Zum Aufstehen sei ein wenig Kraft in den Armen notwendig, um sich abzustützen.

Daneben bieten sich Haltegriffe zum Hochziehen für den Sessel oder das Sofa an. Dabei werden die Füße des Möbelstücks auf den ausziehbaren Ausleger am Boden gestellt. Es gibt sogar Modelle, die mit einem schwenkbaren Tablett ausgestattet sind. Eine andere Alternative ist eine Stange, die vom Boden zur Decke geht und verschiedene Griffsysteme bietet. „Sie wirkt allerdings recht sperrig und ist immer ein Blickfang im Raum“, meint Bänsch.

Weniger Platz nehmen Aufsteh- oder Umsetzhilfen ein, die auch mobil in der Wohnung bewegt werden können. Beim Aufstehen werden die Füße auf den Ausleger gestellt, die Beine gegen ein Polster in Höhe des Schienbeins gedrückt, und an den Griffen oben zieht man sich hoch. „Wer in der Mobilität sehr eingeschränkt ist, kann auch ein Modell mit einem Gurt wählen. Der verhindert, dass man wieder nach hinten kippt“, sagt Bänsch. Die kompakteren Varianten seien aber nicht für den alleinigen Gebrauch gedacht.

Den Haltegriff gibt es auch mit einem schwenkbaren Tablett.
Den Haltegriff gibt es auch mit einem schwenkbaren Tablett. © Rehastage

Noch mehr Technik steckt in sogenannten Aufstehsesseln. Hier lassen sich Lehne und Fußteil automatisch per Fernbedienung steuern. Der Sessel kippt im Gesamten nach vorn und erleichtert so das Hochkommen. Da Aufstehsessel als Gebrauchsgegenstände gelten und nicht als Hilfsmittel im Sinne der gesetzlichen Krankenversicherung, müssen sie privat bezahlt werden. „Preislich geht es da bei etwa 900 Euro los“, sagt Bänsch.

Um morgens einfacher aus dem Bett zu kommen, gibt es eine Reihe von Seitengittern und Griffen zum Hochziehen, die direkt am Bett befestigt werden. Sie bieten einen festen Halt und zudem Schutz vor Stürzen. Auch der Einsatz einer Boden-Decken-Stange ist hier möglich. Bettgalgen, von denen ein Griff herunterbaumelt, sind dagegen nicht für jeden geeignet. „Das kostet ein wenig Kraft und kann sehr auf die Schulter gehen“, sagt Bänsch. Bettgalgen können direkt am Bett, an der Wand dahinter oder frei stehend eingerichtet sein.

Sitzerhöhung für die Toilette

Die technisch aufwendigste Lösung sind spezielle Pflegebetten, bei denen der Lattenrost automatisch verstellbar ist. Darüber hinaus besteht aber auch die Möglichkeit, das eigene Bett umzurüsten. „Der Lattenrost wird herausgenommen und ein elektrisch verstellbarer Einlegerahmen eingebaut“, erklärt Bänsch. Nicht jedes Bett sei jedoch dafür geeignet.

Hilfreich beim Aufrichten kann auch eine Strickleiter fürs Bett sein, an der sich Senioren Stück für Stück hochziehen. Neben Modellen mit Holzstücken werden auch Varianten angeboten, die ganz aus festem Stoff sind. Die Leiter wird am besten am Bettende festgemacht, nicht an der Decke.

Damit das Aufstehen von der Toilette nicht zu mühsam ist, helfen manchmal schon einfache Sitzerhöhungen aus Kunststoff. Diese gibt es auch in Kombination mit fest an der Wand montierten Armlehnen. Bei einigen Modellen lassen diese sich bei Bedarf herunter- und wieder hochklappen. Auch Boden-Decken-Stangen mit verschiedenen Haltmöglichkeiten bieten sich an.

Die Boden-Decken-Stange mit den Haltegriffen wird nur eingeklemmt.
Die Boden-Decken-Stange mit den Haltegriffen wird nur eingeklemmt. © Rehastage

Für die Badewanne werden eine ganze Reihe verschiedener Haltegriffe angeboten. Viele davon lassen sich auch ohne Bohren und Dübeln, sondern per Saugnapf anbringen. In dem Fall werden sie aber aus versicherungstechnischen Gründen nicht von der Pflegekasse bezahlt, wie Bänsch betont. Zudem gibt es spezielle Lifts. Sie sehen aus wie eine Art Klappstuhl, der in der Wanne befestigt wird. Der Sitz lässt sich bei Bedarf herunter- und hochfahren, damit Ältere leichter ein- und aussteigen können.

Allerdings: Beim Kauf der Hilfsmittel in Eigenregie können Senioren viel falsch machen – und sollten auf Siegel achten. Das CE-Zeichen gibt etwa an, dass Produkte die EG-Richtlinien erfüllen – das heißt, dass ein Mindestmaß an Sicherheits- und Gesundheitsstandards garantiert wird. Auch die Deutsche Gesellschaft für Gerontotechnik prüft Hilfsmittel und vergibt ein Siegel.

Vorsicht ist gerade beim Kauf im Internet angebracht. Ein Beispiel sind Haltegriffe fürs Bad, die mit Saugnäpfen befestigt werden. Da gibt es Modelle mit Tüv-Siegel, die einen sicheren Halt bieten. Im Netz sind jedoch viele ähnlich aussehende Griffe zu deutlich niedrigeren Preisen zu finden. Auch auf die Bezeichnung sollte man achten. Manche Griffe sind lediglich als „Gleichgewichtsstütze“ ausgewiesen und damit weniger belastbar. Das kann im schlimmsten Fall zu Stürzen führen. „Von Schnäppchen im Internet rate ich ab“, sagt Bänsch. Eine Aufstehhilfe müsse individuell angepasst werden. „In der Regel bieten Sanitätshäuser Hausbesuche an. Mitarbeiter machen sich ein Bild von den Gegebenheiten vor Ort, können Empfehlungen aussprechen und bei der Umsetzung helfen“, so Bänsch.

Kostenübernahme mit Kasse klären

In der Regel werden die Kosten für eine Aufstehhilfe von der Krankenkasse bezahlt oder bezuschusst. Voraussetzung ist, dass der Arzt sie verordnet, daher ist er auch der erste Ansprechpartner für Senioren. Laut Angaben des Spitzenverbandes der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) wurden 2019 rund 84.300 Mobilitätshilfen verschrieben. Davon mussten 420 Patienten etwas dazu bezahlen, im Schnitt 105 Euro.

Eine erste Orientierung, welche Produkte es gibt, bietet das Hilfsmittelverzeichnis des GKV-Spitzenverbandes, das online abrufbar ist. „Soll es ein spezielles oder besonders hochwertiges Hilfsmittel sein, kann es zu Zuzahlungen kommen“, sagt Bänsch. Senioren sollten die Kostenübernahme also besser vorab mit ihrer Kranken- oder Pflegekasse klären. Da Hilfsmittel auch leihweise überlassen werden, kann es sich um gebrauchte Produkte handeln.

Und wie sieht es mit der Wartung aus? „Normalerweise bieten die Hersteller einen Wartungsplan an oder das Sanitätshaus unterstützt dabei“, sagt Bänsch. Kosten für Reparaturen und die Wartung übernehme die Krankenkasse. Es sei denn, jemand hat die Hilfe komplett selbst bezahlt. In dem Fall muss er auch allein für die Wartungskosten aufkommen. (mit dpa)

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