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Jung, rebellisch, depressiv

Tausende Jugendliche kämpfen in Sachsen gegen Depressionen. Neue Online-Angebote bieten Selbsttests und Austausch.

Als Jugendliche hat Sarah Mühl wegen ihrer Depression die Schule geschmissen. Heute weiß die Frau aus Leipzig, wie sie mit der Krankheit umzugehen hat – und dass man sich dafür nicht schämen muss.
Als Jugendliche hat Sarah Mühl wegen ihrer Depression die Schule geschmissen. Heute weiß die Frau aus Leipzig, wie sie mit der Krankheit umzugehen hat – und dass man sich dafür nicht schämen muss. © Anja Jungnickel

Als Sarah Mühl aus Leipzig ihre erste depressive Episode hatte, war sie zwölf. Ihre Familie war gerade aufs Land gezogen. Für Sarah bedeutete das: vom städtischen Trubel mit vielen Freunden direkt in die dörfliche Einsamkeit. „In meinem Tagebuch von damals steht ganz viel Positives, wie aufgeregt ich war und wie sehr ich mich über das neue Zuhause gefreut habe. Aber nachts habe ich mich immer in den Schlaf geweint. Das hat sich heftiger angefühlt, als alles, was ich bis dahin erlebt hatte. Das war wie ein dunkler Umhang, der sich um einen legt“, erinnert sie sich. Sie konnte damals nicht verstehen, woher diese Emotionen kamen und warum sie so stark waren. Ihren Eltern sei das nicht aufgefallen. Denn tagsüber hatte sie die tiefe Traurigkeit einfach überspielt. Sie blieb damit lange Zeit allein.

In jeder Schulklasse gibt es statistisch gesehen zwei Schüler mit einer behandlungsbedürftigen Depression. Psychologen sind davon überzeugt, dass Corona das Problem zugespitzt hat. Seit Beginn der Pandemie leidet jedes dritte Kind unter psychischen Auffälligkeiten, vorher war es nur jedes Fünfte. Das zeigt die Copsy-Studie des Uniklinikums Hamburg-Eppendorf. Betroffene haben Ängste, Sorgen, depressive Symptome und psychosomatische Beschwerden wie Niedergeschlagenheit oder Kopf- und Bauchschmerzen.

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"Depression ist nicht heilbar"

„Eine Depression ist immer ein Zusammenspiel aus Umweltfaktoren und genetischer Veranlagung. Sie ist eine ernsthafte Erkrankung des Gehirns“, sagt Julia Ebhardt. Die Verhaltenstherapeutin für Kinder und Jugendliche kennt die Voreingenommenheit, mit der viele die Krankheit abtun, als wäre sie eine eingebildete Spinnerei oder ein Wichtigmachen. „Aber ich kann mir eine Depression weder einreden noch von selbst heraufbeschwören. Das ist Quatsch“, sagt sie. Zu denken, dass man sich nur genügend anstrengen und zusammenreißen müsse, dann ginge sie schon von allein vorbei – auch das sei eine Fehlannahme. „Depression verschwindet nicht wieder wie von Zauberhand. Sie ist nicht heilbar.“

Die Therapeutin aus Leipzig hat zusammen mit Professor Martin Holtman das Selbsthilfeforum www.fideo.de für depressive Jugendliche ab 14 Jahren entwickelt. Holtmann ist Ärztlicher Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Uniklinik Hamm. Fideo steht für „Fighting Depression Online“ – die Depression online bekämpfen. Gelingen soll das einerseits mit Aufklärung. Dafür haben die Fachleute Informationen zur Erkrankung, ihren Symptomen, Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten zusammengestellt. Andererseits bietet die Website des Vereins Diskussionsforum Depression e.V. einen Schnelltest, in dem Jugendlichen erfahren können, ob sie gefährdet sind. Zudem gibt es einen digitalen Notfallkoffer und einen vertraulichen, anonymisierten Chat.

Ein Check-up für die Seele

„Betroffene haben ein sehr gutes Gespür füreinander, sie können sich gegenseitig Halt geben“, sagt Ebhardt, die den Chat fachlich moderiert. Fideo soll diesen Austausch in einem geschützten Raum möglich machen. Ein Beratungsangebot ist die Website aber nicht. Finanziert wird sie über die Selbsthilfeförderung der Barmer. „Sie richtet sich an alle, die Erfahrungswissen von Betroffenen erwerben möchten“, sagt Fabian Magerl, Barmer-Geschäftsführer in Sachsen.

Stimmungsschwankungen gehören zur Pubertät und haben ihre Berechtigung. Die Gefühle spielen Pingpong, wenn junge Menschen Herzensangelegenheiten, wie Verliebtheit, Verlustangst, die Abnabelung von den Eltern oder eine Trennung, zum ersten Mal erleben. „Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt“, hat Goethe diesen Zustand beschrieben. Gefährlich wird es, wenn bestimmte Symptome länger als 14 Tage anhalten. Dann sind sie krankheitswertig. „Depressionen im Jugendalter zeigen sich oft daran, dass sich ein junger Mensch zurückzieht, eigenen Interessen und Aktivitäten nicht mehr nachgeht, niedergeschlagen und antriebslos wirkt, seine Freunde nicht mehr treffen möchte und die Schulleistungen nachlassen“, sagt Ebhardt.

Ein unverstellter Blick von außen hilft

Genauso war es auch bei Sarah Mühl. Sie hat sich in ihrer Jugend schubweise immer weiter isoliert, Hobbys und Freunde aufgegeben, nichts mehr gemacht, was ihr sonst immer Freude bereitet hatte. Sie brach die Schule ab, zog irgendwann weg. Die Depression zog mit. „Nach außen hin wirkte das alles wie eine Rebellion und wurde als Findungsphase gewertet. Aber es steckte mehr dahinter“, sagt sie. Sie ist überzeugt, dass ihr ein Chatangebot, wie Fideo, damals hätte helfen können. „Es ist sehr viel Verwirrung dabei, wenn einen solche Gefühle überkommen.“ Ein emotionsfreier, unverstellter Blick von außen und der klare, fachliche Hinweis, dass ihre Symptome auf eine Depression hinweisen und sie ärztliche Hilfe brauche, hätten ihr viel Leid ersparen können.

„Fast jeder kennt Zeiten von gedrückter Stimmung“, sagt Martin Holtmann. Halten sie an, sollten Eltern ihr Kind gezielt, aber sensibel darauf ansprechen. Sie könnten sagen: „Ich sehe, dass es dir schon länger nicht gut geht. Ich mache mir Sorgen. Wollen wir nicht jemanden einschalten, der sich damit gut auskennt und helfen kann?“ Das könne der Kinderarzt sein, ein Kinder- und Jugendpsychiater, Psychotherapeut oder auch der Schulsozialarbeiter. Wird dann eine Depression diagnostiziert, reiche bei leichteren Formen oft ein Gespräch mit einer Beratungsstelle aus. Wer unter einer mittelschweren Form leidet, brauche eine Psychotherapie, schwer Betroffene darüber hinaus auch Medikamente, erklärt Julia Ebhardt. „Lieber einmal zu viel Hilfe gesucht als einmal zu wenig“, sagt sie.

Regelmäßiger Check-up für die Seele?

2019 verzeichnete die AOK Plus als größte sächsische Krankenkasse bei 20.600 ihrer jugendlichen Versicherten eine diagnostizierte Depression. Die jüngsten waren gerade zehn Jahre alt. Im gleichen Jahr sind 1.022 Kinder und Jugendliche mit einer Depression stationär in einem sächsischen Krankenhaus behandelt worden. 22 Sachsen unter 25 Jahren haben sich das Leben genommen. Jungen sehen darin deutlich häufiger die letzte Option als Mädchen.

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Heute ist Sarah Mühl 32 Jahre alt. Die dunklen Gedanken überkommen sie manchmal immer noch. Aber sie hat gelernt, damit umzugehen. Sie kann die Gefühle einordnen, weiß, dass sie vorübergehen. „Auf seine geistige Gesundheit zu achten, sollte genauso selbstverständlich werden, wie auf die körperliche Gesundheit“, sagt die junge Frau. Sie wünscht sich, dass es den regelmäßigen Check-up nicht nur für die Zähne, sondern auch für die Seele gäbe. „Ich habe durch diese Traurigkeit so viel schöne, unbeschwerte Jugendzeit verloren. Die bekomme ich nicht zurück.“

Hilfsangebote für Jugendliche und Eltern:

Stiftung Deutsche Depressionshilfe: www.deutsche-depressionshilfe.de

Info-Telefon-Depression: 0800 3344533

Bundesweite Beratungsstellensuche: www.dajeb.de

Nummer gegen Kummer: 116 111 oder www.nummergegenkummer.de

Online-Beratung für Jugendliche: www.jugendnotmail.de

Ratgeber für Eltern: www.bptk.de

Selbsthilfegruppen für Eltern: www.nakos.de

Mailberatung bei Krisen und Suizidgedanken: www.u25-deutschland.de

Die Krankenkassen bieten viele präventive und therapiebegleitende Programme, die meisten online. Eine Auswahl:

TK:TK-Depressions-Coach“ für leicht bis mittelschwer Erkrankte

IKK:Valecura“, ein Online-Betreuungsprogramm für Menschen mit Depression und Angststörung

DAK: DAKSmart4me“, Resilienztraining für Kinder ab 12 Jahren; „fitforfuture“, Stresspräventionsprogramm für weiterführende Schulen; „VEO“, Versorgungsangebot für depressive Jugendliche nach Krankenhausentlassung

Quelle: rnw

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