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Stottern: „Ich hatte Angst vor dem Sprechen“

Marc Knepper aus Dresden ist einer von 800.000 Stotterern in Deutschland. Ein Verein will in Sachsen mit neuen Methoden helfen.

Von Kornelia Noack
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Selbstbewusst stottern: Marc Knepper vor dem Vereinsdomizil. Der Dresdner hat seinen eigenen Weg gefunden, mit seiner Einschränkung umzugehen.
Selbstbewusst stottern: Marc Knepper vor dem Vereinsdomizil. Der Dresdner hat seinen eigenen Weg gefunden, mit seiner Einschränkung umzugehen. © Ronald Bonß

Wenn Marc Knepper mit Geschäftspartnern telefoniert, spricht er flüssig und fehlerfrei. „Es ist, als würde ich in eine Rolle schlüpfen. Das funktioniert gut“, sagt der Grafiker und Programmierer. „Außerdem kann ich mich darauf vorbereiten.“ Wenn Marc Knepper jedoch mit Bekannten, Fremden oder seiner Familie redet, ist das häufig anders: Dann verharrt er länger auf einem Buchstaben, wiederholt Wörter oder dehnt Vokale. Zeitweise scheint es so, als muss sich der 32-Jährige mühevoll die Sätze abringen.

Marc Knepper ist Stotterer, einer von rund 800.000 in Deutschland. Der junge Dresdner geht offensiv mit seiner Einschränkung um. „Es ist eine Frage der Einstellung. Ich habe inzwischen gelernt, die Sprechprobleme als Teil meiner Persönlichkeit zu akzeptieren“, sagt er. Bis dahin war es jedoch ein langer Weg. Wie bei vielen Stotterern hat es bereits in jungen Jahren begonnen. Meist verschwindet das Problem bis zur Pubertät wieder. Nicht so bei Marc Knepper.

Schwierigkeiten gab es besonders in der Schule. Sollte er vor der Klasse ein Gedicht aufsagen, lernte er es einfach nicht. Sollte er einen Vortrag vorbereiten, sagte er dem Lehrer, er hätte vergessen, sich vorzubereiten. „Ich habe lieber eine schlechte Note in Kauf genommen, als vor anderen sprechen zu müssen“, sagt Knepper. Seine Mutter, die ihn und seine zwei Geschwister allein aufgezogen hat, war meistens arbeiten. Er blieb daheim, spielte lieber an der Playstation als eine Therapie bei einem Logopäden zu besuchen. Gearbeitet habe er trotzdem an sich – und tue dies nach wie vor, jeden Tag. Sogar Vorträge hält er heute. „Ich hatte Angst vor dem Sprechen. Davon soll aber mein Leben nicht bestimmt werden“, sagt er.

Konkurrenzbetonte Gesellschaft

Stottern ist eine Krankheit, eine neurologisch bedingte Störung des Redeflusses. Trotzdem ist nur wenig über die Krankheit bekannt. Klar ist nur, dass Stottern veranlagt ist, also in einigen Familien häufiger vorkommt als in anderen. In der Regel beruht Stottern nicht auf psychischen Problemen, vielmehr liegen die Ursachen in der Hirnkoordination.

Mutig und entspannt zu kommunizieren, das ist die größte Herausforderung für stotternde Menschen. „Wer sich in der heutigen, sehr konkurrenzbetonten Gesellschaft sprachlich nicht etablieren kann, hat ganz schlechte Karten“, sagt Manfred Hammer. Der 69-Jährige hat vor zwei Jahren gemeinsam mit der Landesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfe den Verein Stotterer Selbsthilfe Sachsen gegründet.

Neuen Menschen begegnen, Selbstvertrauen aufbauen, Gemeinschaft spüren, Fragen stellen, Verschüttetes aufholen – die selbst gesteckten Ziele sind hoch. Doch Hammer bringt viel persönliche Erfahrung mit ein. Bereits zu DDR-Zeiten hatte er eine Gruppe von etwa 20 Leuten aufgebaut, die sich regelmäßig in der Nähe von Meißen getroffen hat. 1991 hat sich daraus einer der ersten Behinderten-Selbsthilfevereine in Sachsen gegründet, der aber später aufgelöst wurde.

War selbst Stotterer: Vereinsgründer Manfred Hammer aus Dresden.
War selbst Stotterer: Vereinsgründer Manfred Hammer aus Dresden. © Ronald Bonß

Als Manfred Hammer jung war, hat er selbst gestottert. Eine Belastung, die ihn viel Kraft gekostet hat. Erst mit 27 Jahren hatte der Dresdner das Glück, zu einem therapeutisch untersetzten Lehrgang an die Charité in Berlin zu kommen. Der Leiter war ein anerkannter Logopäde und selbst sprechgestört, er machte Eindruck auf Hammer. „Als ich ihn sah, wusste ich: Ich bekomme das auch hin.“ Seine Persönlichkeit und seine Methoden hätten wie ein Impuls gewirkt. Er habe gespürt, dass es von nun an besser werden würde. Tatsächlich: Wenn Manfred Hammer heute spricht, ist von seinen einstigen Problemen und Zweifeln nichts mehr zu merken.

Seinen Sitz hat der noch junge Selbsthilfe-Verein in Gohla, einem Ortsteil von Nossen. Es ist ein idyllisches Fleckchen Erde, das Manfred Hammer dort vor 27 Jahren entdeckt hat. Ein Grundstück mit einem alten, zerfallenen Haus, abseits vom Trubel gelegen. „Es war damals Liebe auf den ersten Blick“, sagt der Architekt. Stück für Stück baute er es wieder auf. Heute ist es ein Ort zum Durchatmen, zum Runterkommen. Genau das, was Hammer und seine Mitstreiter brauchen.

Im Erwachsenenalter ist Stottern schwieriger heilbar

Das große Ziel des Vereins ist es, vor allem jüngeren Sprechbehinderte, die noch ihren Ausbildungs- und Berufsweg vor sich haben, Hilfestellungen zu geben. „Es gehört viel Kraft und Überwindung dazu, erste Schritte zu gehen. Wir möchten dabei unterstützen“, sagt Hammer. Der Verein will vor allem aber den Austausch unter den Generationen fördern. Alle mit Sprechproblemen oder von Sprechangst Betroffenen ab etwa 16 Jahren aus ganz Sachsen seien willkommen. Jüngere natürlich auch, aber für sie gibt es auch ein gut ausgeprägtes logopädisches Netz.

Im Erwachsenenalter ist Stottern schwieriger heilbar. Es gibt jedoch Therapien und Möglichkeiten, um es einzudämmen oder sich zumindest wohler damit zu fühlen. „Wer stottert, sollte lernen, mit den verschiedenen Methoden und psychischen und sprechmotorischen Möglichkeiten virtuos umzugehen“, sagt Hammer. „Wie ein Musiker mit seinem Instrument.“ Typisch für Stotterer ist, unangenehme Situationen zu vermeiden, etwa nicht ans Telefon zu gehen, jemand anderen zum Brötchen holen zu schicken. Oder das Verschleiern des Stotterns, indem man blitzschnell Wörter austauscht oder Füllwörter nutzt.

Sven Döring kennt solches Verhalten nur zu gut. Der 45-Jährige arbeitet im Vorstand des neuen Vereins mit. „Wir möchten weg von dem alten Bild der Selbsthilfe, bei der alle betroffen in einem Kreis sitzen“, sagt er. „Wir organisieren Fachvorträge, wollen gemeinsame Unternehmungen planen, einfach in lockerer Atmosphäre ins Gespräch kommen“. In Dresden hat er den Verein MuSe gegründet – die Abkürzung steht für Mut und Selbstvertrauen. Ziel ist es, Menschen zu bestärken und zu motivieren, Potenziale in ihnen zu wecken, Talente auszubauen.

Raus aus der Komfortzone

Von seiner Umwelt verlangt Döring: „Bitte nicht Sätze weiterführen, Stotternde ausreden lassen – und sich einfach Zeit für sie nehmen.“ Sven Döring hat vor allem während der Studienzeit unter seinen Sprechängsten gelitten. Am schlimmsten sei der Druck bei mündlichen Prüfungen gewesen. Dennoch schloss er sein Studium erfolgreich ab, arbeitet heute als Lehrer. „Vor ein paar Jahren bot man mir den Posten als stellvertretenden Schulleiter an, das bedeutete auch Elterngespräche. Da wusste ich, dass ich was tun muss“, sagt Döring. Ihm half damals die von Klaus Bruhs entwickelte, sogenannte Bonner Therapie – eine von vielen verschiedenen Methoden. Sie dauert Wochen.

„Im Grunde ist es leicht, jemanden mit einer Therapie zu flüssigem Sprechen zu bringen. Das Schwierige ist, das Gelernte dann in den Alltag zu transportieren“, sagt Döring, dem man seine Einschränkungen heute nicht mehr anmerkt.

Für Marc Knepper ist Sven Döring zu einem Vorbild geworden. Irgendwann würde der 32-Jährige gern selbst zu einem für andere werden. „Man muss einfach aus seiner Komfortzone herauskommen und reden. Sonst ändert sich nichts“, sagt Knepper. Auch er engagiert sich im Selbsthilfe-Verein, hat unter anderem die Internetpräsentation erarbeitet. Auch über die Dresdner Flow-Gruppe der Bundesvereinigung Stottern & Selbsthilfe – eine Sprechgruppe für junge stotternde Menschen – hat er bereits etliche Kontakte geschlossen. „Viel sprechen hilft viel“, sagt Knepper. Wichtig sei es, Herausforderungen zu suchen, anstatt schweigend durchs Leben zu gehen.