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Zu krank, um zu arbeiten

Für Schwerbehinderte gibt es zwei Möglichkeiten, früher auszusteigen. Welche lohnt sich mehr?

Schwerbehinderte, die kurz vor dem Rentenalter stehen, fallen öfter längere Zeit aus und fühlen sich auf Dauer zu krank zum Arbeiten.
Schwerbehinderte, die kurz vor dem Rentenalter stehen, fallen öfter längere Zeit aus und fühlen sich auf Dauer zu krank zum Arbeiten. © www.pixabay.com

Ob Spätfolgen einer Tumorerkrankung, chronische Schmerzen nach einer Hüftoperation oder seelische Störungen wegen psychischer Belastungen im Job: Schwerbehinderte, die kurz vor dem Rentenalter stehen, fallen öfter längere Zeit aus und fühlen sich auf Dauer zu krank zum Arbeiten. Das gesetzliche Krankengeld können sie maximal 78 Wochen beziehen. Der Weg in die Arbeitslosigkeit ist nicht gewollt. Also was dann?

Eine Möglichkeit, um die finanziellen Einbußen gering zu halten, ist die Altersrente für schwerbehinderte Menschen. Damit können kranke Arbeitnehmer zwei Jahre vor der Regelaltersgrenze ohne Einbußen in den Ruhestand gehen. Wer Abschläge in Kauf nimmt, kann sogar noch eher aussteigen. Die Altersgrenze steigt mit den Jahrgängen an (siehe Tabelle). Die zweite Möglichkeit ist der Antrag auf eine Erwerbsminderungsrente. „Bei Beschäftigten über 60 kann das sinnvoll sein. Bei Erreichen der Regelaltersgrenze wird sie in eine Altersrente umgewandelt“, sagt Rentenberater Christian Lindner aus Dresden.

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Als schwerbehindert gilt, wer mindestens einen Grad der Behinderung (GdB) von 50 hat. Zwar besteht dann nicht automatisch ein Anspruch auf eine Erwerbsminderungsrente. Doch Christian Lindner rät dazu, zweigleisig zu fahren und beide Renten parallel zu beantragen. Hintergrund ist eine Gesetzesänderung 2019. Demnach kann für ältere Arbeitnehmer mit einem Handicap die Erwerbsminderungsrente sogar höher ausfallen. „Und für den Fall, dass sie nicht genehmigt wird, gibt es dann eben die Schwerbehindertenrente“, so Lindner.

Das klingt vielversprechend, ganz so einfach ist es aber nicht. Um eine der beiden Rentenarten zu bekommen, müssen bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein.

Die Schwerbehindertenrente

In Deutschland beziehen etwa 1,8 Millionen Menschen eine Schwerbehindertenrente. Die wichtigste Bedingung: Zum Zeitpunkt des Eintritts muss ein GdB von mindestens 50 vorliegen. Der Rententräger prüft das anhand des Schwerbehindertenausweises. Sollte der GdB im Laufe der Jahre herabgestuft werden, die Rente aber bereits bewilligt sein, macht das nichts.

Außerdem muss der Beschäftigte 35 Versicherungsjahre in der Deutschen Rentenversicherung nachweisen können. „Die meisten Arbeitnehmer bekommen diese Wartezeit zusammen, da alle rentenrechtlichen Zeiten berücksichtigt werden“, sagt Lindner. Das heißt, Jahre mit einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung zählen ebenso wie Zeiten der Kindererziehung oder mit Bezug von Kranken- oder Arbeitslosengeld, aber auch Zeiten der Schul-, Fachschul- oder Hochschulausbildung nach Vollendung des 17. Lebensjahres.

Die Erwerbsminderungsrente

Ob die Voraussetzungen dafür vorliegen, prüft die Deutsche Rentenversicherung penibel. Rund 350.000 Versicherte stellen jährlich einen Antrag auf eine Erwerbsminderungsrente, etwa jeder Zweite wird abgelehnt. Für die Bewilligung ist nicht von Bedeutung, ob ein Grad der Behinderung vorliegt, sondern wie schwer die gesundheitlichen Einschränkungen tatsächlich sind. Eine Rente wegen voller Erwerbsminderung kann nur beziehen, wer nicht mehr in der Lage ist, mindestens drei Stunden täglich einer Beschäftigung unter den üblichen Bedingungen des allgemeinen Arbeitsmarktes nachzugehen. Liegt die sogenannte Restarbeitsfähigkeit zwischen drei und sechs Stunden, kann eine teilweise Erwerbsminderungsrente gezahlt werden. Die ist nur halb so hoch. Zudem gilt „Reha vor Rente“: Zunächst wird also geprüft, ob die Arbeitsfähigkeit mit medizinischer oder beruflicher Rehabilitation wiederhergestellt werden kann.

Weitere Voraussetzungen: Arbeitnehmer müssen mindestens fünf Jahre lang rentenversichert gewesen sein und in den letzten fünf Jahren vor Eintritt der Erwerbsminderung mindestens drei Jahre lang einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung nachgegangen sein. Zudem müssen kurz vor dem gesetzlichen Rentenalter Abschläge in Kauf genommen werden, die vom Zeitpunkt des Rentenbeginns und vom Alter abhängen. Die Altersgrenze wird schrittweise auf 65 Jahre angehoben (siehe Tabelle). Jeder Monat davor kostet 0,3 Prozent, maximal jedoch 10,8 Prozent. Das betrifft den Großteil der Erwerbsminderungsrentner. Laut Stiftung Warentest erhalten nur etwa vier Prozent eine ungekürzte Rente. Eine Ausnahme gilt für Arbeitnehmer, die 35 Pflichtbeitragsjahre haben – sie können weiter mit 63 Jahren abschlagsfrei gehen.

Mit Abstand die häufigsten Gründe für die Bewilligung sind nach Angaben der Deutschen Rentenversicherung psychische Störungen wie Burn-out, Depressionen und Suchterkrankungen – bei Frauen und Männern gleichermaßen. Aber auch aufgrund von Krebs- und orthopädischen Erkrankungen scheiden viele Menschen aus dem Berufsleben aus. Deutschlandweit beziehen 1,8 Millionen Menschen eine Erwerbsminderungsrente. Ob und in welchem Umfang jemand erwerbsgemindert ist, untersucht die Deutsche Rentenversicherung mit eigenen medizinischen Gutachtern. „Parallel sollten Antragsteller aber Unterstützung bei ihren Ärzten, von Sozialverbänden, Fachanwälten für Sozialrecht oder Rentenberatern suchen“, rät Lindner.

Der Vergleich

Warum nun also zweigleisig fahren? Der Knackpunkt ist die Rentenberechnung. Für die Schwerbehindertenrente werden die bis zum Renteneintritt zurückgelegten Zeiten berücksichtigt. „ Bei einer Erwerbsminderungsrente kommt dann noch die sogenannte Zurechnungszeit hinzu“, sagt Lindner. „Man tut so, als wenn der Beschäftigte bis zur Regelaltersgrenze weitergearbeitet und Beiträge eingezahlt hat. Das sorgt in der Regel für ein deutliches Rentenplus.“

Ein Beispiel soll das verdeutlichen (siehe„Die Unterschiede“). Ein im Dezember 1959 geborener Mann hat am 1.9.1976 seine erste Beschäftigung aufgenommen. Er kann die Schwerbehindertenrente mit 61 Jahren und zwei Monaten in Anspruch nehmen – also ab dem 1.3.2021 mit 10,8 Prozent Abschlag. Als Durchschnittsverdiener erhält er pro gearbeitetes Kalenderjahr einen Entgeltpunkt. Für die Zeit vom September 1976 bis Februar 2021 macht das 44,5 Rentenpunkte. Die 4,806 Punkte Abschlag abgezogen, bleiben 39,694, die multipliziert mit dem Rentenwert eine Bruttorente von 1,319,03 Euro ergeben.

Würde derselbe Beschäftigte nun eine Rente wegen voller Erwerbsminderung erhalten, käme noch die Zurechnungszeit hinzu. Die endet bei einem Renteneintritt 2021 bei 65 Jahren und zehn Monaten. Bei der Berechnung wird die Zeit vom März 2021 bis Ende Oktober 2025 zusätzlich berücksichtigt. Das ergibt 49,1648 Entgeltpunkte. Der Abschlag richtet sich aufgrund der 35 Beitragsjahre nach der Grenze von 63. Die Rente wird also 22 Monate vorzeitig in Anspruch genommen – 22 multipliziert mit 0,3 Prozent ergibt 6,6 Prozent. Die verbleibenden 45,9199 Entgeltpunkte ergeben eine Bruttorente von 1.525,92 Euro. „Die Erwerbsminderungsrente liegt um etwa 207 Euro höher“, rechnet Lindner vor.

© SZ

Werden beide Renten beantragt und eine Erwerbsminderungsrente bewilligt, hat das einen weiteren Vorteil: Die Entgeltpunkte, die durch die Zurechnungszeit höher ausfallen, sind besitzgeschützt. Bei einer späteren Umwandlung in die Regelaltersrente fließen sie in die Neuberechnung mit ein und erhöhen die Altersrente.

Sollte diese geringer ausfallen, wird weiter der höhere Betrag der Erwerbsminderungsrente ausgezahlt. „Der Betroffene wird also in keinem Fall schlechter gestellt“, betont Lindner. Auch wichtig: Wird die Schwerbehindertenrente bewilligt, bevor über den Antrag auf Erwerbsminderungsrente entschieden wurde, sollten Versicherte Widerspruch einlegen und das Ruhen des Verfahrens bis zur Entscheidung über die Erwerbsminderungsrente beantragen. Sonst könnten erhebliche Nachteile entstehen.

Höhere Hinzuverdienstgrenze

Es gibt aber auch einen Grund, andersherum von der Erwerbsminderungsrente in die Schwerbehindertenrente zu wechseln: der mögliche Hinzuverdienst. Im bundesweiten Durchschnitt lag die Erwerbsminderungsrente 2019 bei rund 834 Euro pro Monat. Zum Leben reicht das kaum, daher beziehen viele Frührentner Grundsicherung – oder verdienen etwas Geld dazu. „Pro Jahr sind 6.300 Euro erlaubt. Was darüber liegt, wird zu 40 Prozent auf die Rente angerechnet“, sagt Lindner.

Anders sieht es bei einer Schwerbehindertenrente aus. Aufgrund der Corona-Krise hat der Gesetzgeber die Verdienstgrenze bis Ende 2021 auf 46.060 Euro angehoben. „Wer seine Erwerbsminderungsrente also nun beizeiten umwandelt, kann noch von der höheren Hinzuverdienstgrenze profitieren“, sagt Lindner. Vorausgesetzt immer natürlich, der Gesundheitszustand lässt dies überhaupt zu.

Weitere bisher erschienene Teile der Serie "Hilfe, Handicap!":

  • Teil 1: Der lange Kampf der schwer Kranken
    Ingo Philipp aus Wilsdruff ist unheilbar krank. Wie über 80.000 Sachsen im Jahr hat er einen Behindertengrad beantragt. Doch die Anerkennung ist oft mühsam. Zum Artikel

  • Teil 2: Menschen mit Handicap sparen jetzt mehr Steuern
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    Unkündbar, mehr Urlaub, keine Überstunden: Was ist wirklich dran an den Sonderrechten? Zum Artikel

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