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Was macht das Leben jetzt schön, Frau Kreißig?

Daniela Kreißig aus Radebeul hatte kein Selbstvertrauen mehr und hungerte sich fast zu Tode. Heute sprüht sie vor Lebensfreude und berät andere.

Jammern ist Zeitverschwendung. Lifecoach Daniela Kreißig aus Radebeul geht mit Freude und Optimismus in jeden neuen Tag.
Jammern ist Zeitverschwendung. Lifecoach Daniela Kreißig aus Radebeul geht mit Freude und Optimismus in jeden neuen Tag. © Ronald Bonß

Als sie ganz unten war, wog sie noch 39 Kilogramm, schmeckte nichts, fühlte nichts. „Innerlich war ich tot“, sagt Daniela Kreißig. Damals, Ende 2005, war sie eine Frau von knapp 30 Jahren mit zwei kleinen Kindern, wirtschaftlich und emotional abhängig von ihrem Partner, einem Narzissten, wie sie sagt. Die Beziehung richtete sie fast zugrunde. „Ich fühlte mich hässlich, dumm, nichts wert. Ich war überzeugt, dass ich nichts richtig machen konnte und alles meine Schuld war. Das ging so weit, dass ich mich nicht einmal mehr traute, im Beisein von anderen zu telefonieren. Ich war der Meinung, dass ich dafür zu blöd sei, dass ich es nicht könne“, erinnert sie sich.

Heute perlt und gluckst ihre Stimme durchs Telefon. Die Lebensfreude, die sie versprüht, wirkt angesichts der tristen Allgemeinlage in Corona-Deutschland schon fast ein bisschen außerirdisch. Aber sie steckt an. Die Radebeulerin verdient sogar ihr Geld damit, anderen in schwierigen Situationen zur Seite zu stehen. Sie ist Lifecoach, Lebensberaterin. Ihre Qualifikation? „Ich habe beide Seiten selbst erlebt, die qualvolle dunkle, genauso wie die helle.“

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Ihre Lebensfreude, sagt sie, geht schon jeden Morgen nach dem Aufwachen los. „Ich bin einfach neugierig, was mir der Tag bringen wird, mit welchen Menschen ich Kontakt haben werde, welche Impulse ich für mich daraus ziehen kann. Wir können uns mit allem Möglichen beschäftigen, mit Astronomie, Sprachen, Geschichte, Technik, Kultur – diese unglaubliche Vielfalt und Buntheit nutzen zu dürfen, ist für mich eine riesengroße Freude“, sagt sie.

Beziehung und Job beendet

Sich auf jeden kommenden Tag zu freuen, trotz der bedrohlichen Infektionsraten, der Ausgangsbeschränkungen und wirtschaftlichen Probleme vieler Menschen – das klingt schwer umsetzbar. „Das ist es aber ganz und gar nicht“, ermutigt die 44-Jährige. „Ich muss mich nur entscheiden, wie ich die Dinge sehen möchte. Ist das Glas halb voll oder halb leer? Welche Sichtweise bringt mich weiter? Was kann ich tun, um die Situation für mich so gut wie möglich zu lösen?“.

Diese Erkenntnis hat sie sich hart erarbeitet. An den Startpunkt kann sie sich genau erinnern: Als sich vor 15 Jahren ihr Überlebenswille einschaltete, stand sie vor dem Spiegel. „Meine innere Stimme hat zu mir gesagt: Entweder du änderst jetzt sofort etwas, oder du wirst im März keine 30 Jahre alt.“ Was damals unüberwindbar schien, ist jetzt schnell erzählt: Zuerst war da die Existenzangst.

Zehn Jahre lang hatte die Betriebswirtschaftlerin die gemeinsame Firma mit aufgebaut, war aber bei ihrem Partner nur angestellt. Sie beendete also nicht nur die Beziehung, sondern war auch ihren Job los. Was würde mit den Kindern werden und mit der gemeinsamen Eigentumswohnung? Alles, wofür sie gearbeitet hatte, war scheinbar verloren. Eine Alternative hatte sie nicht. Sie musste aus dieser Beziehung raus. Also trennte sie sich, behielt die Kinder, meldete sich arbeitslos, um abgesichert zu sein.

Antworten auf unangenehme Fragen

Dann kam die Trauer. „Wochenlang habe ich geheult, manchmal in regelrechten Weinkrämpfen. Das musste alles raus.“ Sie teilte ihr Leben in kleinste Einheiten, plante maximal zwei Stunden vor, war mit allem heillos überfordert. Ein Lied von den Toten Hosen war der Soundtrack dieser Phase: „Steh auf, wenn du am Boden bist. Steh auf, auch wenn du unten liegst. Steh auf, es wird schon irgendwie weitergehen.“ An manchen Tagen hörte sie es acht- bis zehnmal, die Lautstärke auf Anschlag, wenn sie sich besonders schlecht fühlte. Langsam ging es aufwärts.

„Und dann ging die richtige Arbeit los“, erinnert sich Daniela Kreißig. Sie musste Antworten finden auf unangenehme Fragen, die an der Substanz kratzten: Wie konnte es so weit kommen? Warum hatte sie das mit sich machen lassen? Warum war sie es sich nicht Wert, Stopp zu sagen? Anstrengend, schmerzvoll und langwierig sei das gewesen, aber unerlässlich.

Sie bewarb sich, hatte Vorstellungsgespräche, entschied sich aber wegen der Kinder für die Selbstständigkeit. „Ich hatte ein Auto, einen PC, ein Telefon und meine Persönlichkeit. Daraus musste ich etwas machen.“ Sie machte. Und wurde professionelle Wünsche-Erfüllerin. Für ihre Kunden organisierte sie Tiger-Streicheln in Berlin, einen Auftritt im Fernsehen, eine LKW-Fahrt für eine 70-Jährige, einen nachgestellten NVA-Tag, an dem sie 5.30 Uhr mit einem Einberufungsbefehl an der Tür des Beschenkten klingelte.

Corona-Zeit bietet Chance zur Veränderung

Neben ihrer Wunschagentur baute sie in Dresden ein Frauennetzwerk auf. „Ladies Dinner“ betrieb sie bis 2018. Im gleichen Jahr entwickelte sie den Adelie-Preis für Unternehmerinnen. Löst man das Kürzel auf, liest es sich wie die Essenz ihrer Selbstwahrnehmung: Anfangen, Dranbleiben, Energie, Leidenschaft, Ideen und letztlich Erfolg haben. Sie organisierte eine Kinder- und eine Frauenmesse, Unternehmerinnenkongresse, lud Referentinnen ein. In Pausengesprächen beriet die Frau, die sich Jahre zuvor nichts mehr zugetraut hatte, Firmenchefinnen. Sie zeigte ihnen, wie sie im Netz besser wahrgenommen werden und es anstellen, dass potenzielle Kunden sie finden. Daraus wurde eine neue Geschäftsidee. Um besser beraten zu können, machte sie eine Coaching-Ausbildung.

„Irgendwann wurde mir klar: Im Internet gefunden zu werden, ist nur die eine Seite der Medaille. Aber die Person muss beim ersten Kundenkontakt Ausstrahlung haben und souverän wirken. Und das geht auf die Dauer nur, wenn man mit sich selbst im Reinen ist.“ Als Lebensberaterin versucht sie, genau das zu vermitteln.

Daniela Kreißig ist überzeugt, dass die Corona-Zeit für viele die Chance zur Veränderung bietet. Aber man muss bereit sein, sie zu sehen. Und ein bisschen mutig. „Ich kann jedem raten, die Zeit für Dinge zu nutzen, die einen voranbringen. Oft muss man dafür noch nicht einmal Geld ausgeben“, sagt sie. Inzwischen ist sie ihrem Expartner dankbar für die schmerzhafte Lektion. „Wenn ich nicht so tief unten gewesen wäre, hätte ich heute diese Höhen nicht. Mein Leben wäre weiterhin dahingeplätschert“, sagt sie mit fester Stimme.

Daniela Kreißigs fünf Tipps für mehr Lebensfreude:

  • Dankbar sein: Viele haben aus den Augen verloren, für die vermeintlich selbstverständlichen Dinge dankbar zu sein. Für einen guten Schlaf, das Dach über dem Kopf, die Gesundheit, die Beziehung oder die Kinder. „Unser Leben ist nicht bedroht. Manche haben das Gefühl, in ihrer Existenz bedroht zu sein, und das macht ihnen Angst. Aber man kann sich alles wieder aufbauen.“
  • Bestandsaufnahme machen: Die Zeit der erzwungenen Ruhe eignet sich gut für ehrliche Fragen an sich selbst. Was will ich in meinem Leben erreichen? Wo stehe ich? Was kann ich heute für mein Ziel tun? Vielleicht ist jetzt die ideale Zeit, die Weichen neu zu stellen. Steht eine größere Veränderung an, hilft es, sich von den Zwängen zu befreien, etwas darstellen zu müssen. „Auch mit einer kleinen Wohnung oder ohne Auto ist man noch genauso viel Wert. Aber der Kopf ist frei für Neues.“
  • Dinge positiv bewerten: Wir sind darauf konditioniert, das Negative zu sehen. Aber in dem Moment, in dem wir uns dafür entscheiden, Situationen positiv zu bewerten, nehmen wir auch die Möglichkeiten wahr. „Solange ich jammere, ziehe ich die Dinge an, die mein Jammern bestätigen.“
  • Flexibel denken: Das Leben ist nicht kontrollierbar. Wir können alles planen, aber müssen damit rechnen, dass es anders kommt. Wer flexibel bleibt, dem gelingt es eher, einen neuen Weg zu seinem Ziel zu finden. „Das ist wie eine Sackgasse im Straßenverkehr. Dann komme ich eben später an, aber ich gebe nicht auf.“
  • Sich selbst vertrauen: Egal, welche Situation eintritt, dir wird rechtzeitig eine Lösung einfallen. Die Vergangenheit ist vorbei und nicht mehr zu ändern. Was in der Zukunft passieren könnte, ist spekulativ. Das Einzige, was beeinflussbar ist, ist das Leben im Jetzt. „Wenn wir wieder lernen, auf unsere Intuition zu hören, kommen uns die richtigen Ideen.“

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