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Wer hat Angst vor "Little Anne"?

Helfen ist Pflicht. Es zu üben aber nicht. Ein ernüchternder Versuch zum Tag der Ersten Hilfe in Pirnas Fußgängerzone.

So geht Lebensrettung: Ausbilder Benjamin Christoph und Sanitätshelferin Sophie Koch von den Johannitern demonstrieren in der Pirnaer Fußgängerzone eine Herz-Lungen-Wiederbelebung an der Übungspuppe "Little Anne".
So geht Lebensrettung: Ausbilder Benjamin Christoph und Sanitätshelferin Sophie Koch von den Johannitern demonstrieren in der Pirnaer Fußgängerzone eine Herz-Lungen-Wiederbelebung an der Übungspuppe "Little Anne". © Norbert Millauer

Ich habe einen Disco-Hit im Ohr: Stayin' Alive von den Bee Gees. "Ha, ha, ha, ha, stayin' alive, stayin' alive..." Das ist der Rhythmus, der ein stehen gebliebenes Herz wieder zum Schlagen bringen soll, in diesem Fall das von "Little Anne". Einen Handballen mittig auf den Brustkorb setzen, die andere Hand darüber legen, und dann drücken, im Disco-Takt, dreißigmal, dann zweimal Atemspende, dann wieder drücken, immer weiter, bis der Notarzt kommt.

Wer es schafft, "Little Anne" zurückzuholen, darf ab morgen seine Erste-Hilfe-Kurse geben, sagt Benjamin Christoph. Eine Wette, die der junge Mann in der Johanniterjacke immer gewinnt. "Little Anne" ist eine Puppe, einst erfunden von einem Arzt und einem Spielzeugfabrikanten, zum Üben der Herz-Lungen-Wiederbelebung. Der Weg ist das Ziel. Und das Ziel ist weit. Erste Hilfe ist noch immer eine Art Tabu, sagt Benjamin. Krankheit, Unfall, Gefahr - daran denken die Menschen ungern. "Man hofft, nie in die Situation zu kommen."

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In nur vierzig Prozent der Herzattacken wird geholfen

Und doch kann es jederzeit passieren, auch zu Hause. Schätzungen des Robert-Koch-Instituts zufolge verunglücken jährlich mehr als drei Millionen Menschen in Deutschland daheim. Das Risiko, bei der Hausarbeit verletzt zu werden oder zu sterben, ist wesentlich höher als im Straßenverkehr. Herzstillstände, wenn sie nicht im Krankenhaus passieren, passieren zu über 60 Prozent zu Hause. Doch in nur 40 Prozent der Fälle haben 2019 laut Daten des Deutschen Reanimationsregisters Ersthelfer die Wiederbelebung eingeleitet.

Wie war das noch mal mit der stabilen Seitenlage? Auch SZ-Reporter Jörg Stock offenbart Wissenslücken bei der Ersten Hilfe.
Wie war das noch mal mit der stabilen Seitenlage? Auch SZ-Reporter Jörg Stock offenbart Wissenslücken bei der Ersten Hilfe. © Norbert Millauer

Seit zwanzig Jahren gibt es den Tag der Ersten Hilfe. Es ist stets der zweite Samstag im September. Er soll die Leute daran erinnern, wie wichtig das Helfen im Notfall ist. Zwei Tage zuvor stehen Benjamin Christoph, Ausbilder, und Sophie Koch, Sanitätshelferin, von der Johanniter-Unfall-Hilfe an einer Straßenecke in Pirnas Einkaufsmeile. Sie haben Merkzettel für alle gängigen Notfälle dabei, Rettungswagen zum Zusammenbasteln, Pflasterpäckchen, Bonbons. Und sie haben "Little Anne". Wer wird sich der Puppe annehmen?

Noch während der Reporter sich selbst versucht, guckt ihm eine ältere Dame über die Schulter. Mund zu Mund Beatmung ist doch das Schönste, scherzt sie. Selbst probieren? Ach nein. Im Betrieb war sie Sanitätshelferin. "Ich kenn' das." Das "Kennen" könnte augenscheinlich zwanzig Jahre her sein. Auch ein mittelalter Herr winkt lächelnd ab. In Erster Hilfe hatte er doch erst kürzlich einen Kurs, sagt er.

Ältere fangen oft wieder bei null an

Für die zwei am Stand ist die Zurückhaltung nichts Neues. Schon in den Kursen, sagt Benjamin Christoph, sei es schwierig, Leute zu etwas Praktischem zu bewegen. In der Öffentlichkeit wird die Sache nicht leichter, zumal wenn man weiß, dass man Wissenslücken hat. Dass diese Lücken oft groß sind, merkt der Ausbilder zum Beispiel, wenn er Ersthelfer in Firmen schult. Vor allem die Älteren, die seit der Fahrschule nichts mehr mit Erster Hilfe zu tun hatten, kennen kaum mehr als ein paar Grundbegriffe. "Da kann man fast bei null anfangen."

Kurz und simpel: So geben Handzettel Tipps für die häufigsten Notlagen. Auch eine Box mit Pflaster macht sich gut in jeder Tasche.
Kurz und simpel: So geben Handzettel Tipps für die häufigsten Notlagen. Auch eine Box mit Pflaster macht sich gut in jeder Tasche. © Norbert Millauer

Das weiß ein schnittiger Radfahrer sehr gut, der sein E-Bike neben den Johannitern stoppt. Er ist Selbstständiger, erzählt er, fährt auch viel mit dem Auto rum. Was wäre, wenn er mal zu einem Unfall kommt, hat er sich oft vorgestellt. Ja, er hätte definitiv mehr nötig, als nur eine Auffrischung, gibt er zu. Aber im Moment hat er für "Little Anne" keine Zeit. Kundentermine.  

Der Dresdner Regionalverband der Johanniter hat im vergangenen Jahr mehr als 13.500 Menschen in Erster Hilfe geschult. Die Nachfrage steigt, sagt Marketingleiter Danilo Schulz. Wochenendkurse seien fast ausgebucht. Steigendes Interesse spürt auch das Rote Kreuz. Kai Kranich vom sächsischen Landesverband meldet mehr als 117.300 Kursteilnehmer für 2019. In 2017 waren es noch etwas mehr als 111.000 gewesen.

Corona-Krise bremst Erste-Hilfe-Ausbildung

Die Zahlen werden dieses Jahr wohl sinken. Wegen Corona haben die Hilfsdienste zweieinhalb Monate keine Ausbildung anbieten können. Kai Kranich vom DRK spricht von einem Rückstau, den man hoffentlich mit gesteigerter Kurszahl abbauen könne. Auch die Johanniter sind erst Anfang Juni wieder in den Kursbetrieb eingestiegen, mit reduzierter Teilnehmerzahl, Abstand, Maskenpflicht bei den Übungen und gut gelüfteten Kursräumen. "Desinfektionsmittel steht auch immer bereit", sagt Marketingchef Schulz.

Die Pflicht zum Helfen gilt trotz Corona. Spezielle Beatmungstücher mit Ventil, etwa aus der Apotheke, sorgen für die nötige Hygiene.
Die Pflicht zum Helfen gilt trotz Corona. Spezielle Beatmungstücher mit Ventil, etwa aus der Apotheke, sorgen für die nötige Hygiene. © SZ/Jörg Stock

An frischer Luft und Desinfektionslösung fehlt es auch an der Pirnaer Straßenecke nicht. Trotzdem will keiner dem Erste-Hilfe-Stand zu nahe kommen. "Ich weiß, wie es geht, aber danach ist die Puppe tot", kalauert ein Dicker von Weitem. Ein anderer, den die Sanitäter einladen, die stabile Seitenlage zu versuchen, wird von seinem Kumpel vergackeiert. "Der kommt nicht wieder hoch!" Zwei, drei Kinder holen sich immerhin einen Bastelbogen ab. Auf den Plaste-Torso am Boden schauen sie mit einer Mischung aus Faszination und Furcht. 

Ausbilder: Erste Hilfe sollte Schulstoff sein

Für Benjamin Christoph sind die Kinder die Hauptpersonen, wenn es darum geht, Erste Hilfe populär zu machen. Das merkt er, wenn er Kurse in Schulen und Kindergärten gibt. "Je eher man mit dem Thema in Berührung kommt, desto weniger Berührungsängste gibt es später", sagt er. Er selbst ist der beste Beweis dafür. Er war einmal Schulsanitäter, verarztete Schrammen auf dem Pausenhof. Jetzt peilt der 19-Jährige die Berufsausbildung beim Rettungsdienst an.

Nach über zwei Stunden kommt doch noch jemand, der "Little Anne" retten möchte. Bettina Schuhmann aus Freital. Eigentlich möchte sie ihren Mann retten, der schon über siebzig ist - falls es mal nötig wäre. "Ich habe Sorge, dass ich der Situation nicht gewachsen bin." Und schon kniet sie neben der Puppe und pumpt, diesmal zu Helene Fischers "Atemlos", das passt auch. Frau Schuhmann stöhnt. "Ist das anstrengend!" Aber froh ist sie doch über die Lektion auf dem Bürgersteig. "Ich weiß jetzt, was ich zu tun habe."

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