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Operation Tansania: Wie ein Pirnaer Arzt in Afrika hilft

Jens-Peter Sieber, Chefarzt für plastische Chirurgie im Klinikum Pirna, wird nun 14 Tage im Akkord operieren. Das ist anstrengend, aber auch erfüllend.

Von Thomas Möckel
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Chefarzt Dr. Jens-Peter Sieber: "Es ist für mich die größte Belohnung, wenn ich sehe, dass wir den Menschen helfen konnten."
Chefarzt Dr. Jens-Peter Sieber: "Es ist für mich die größte Belohnung, wenn ich sehe, dass wir den Menschen helfen konnten." © Klinikum Pirna

Wenn Dr. Jens-Peter Sieber angekommen ist, wird eine beschwerliche Reise hinter ihm liegen: eine Fahrt von Dresden nach Berlin, ein Flug von Berlin nach Amsterdam, ein Flug von Amsterdam nach Daressalam in Tansania, danach ein Inlandsflug nach Mbeya, von dort aus folgt noch eine mehrstündige Autofahrt. Dann hat er sein Ziel erreicht, die Stadt Ilembula, reichlich 18.000 Einwohner, im südlichen Hochland von Tansania, genauer gesagt, das Krankenhaus in Ilembula.

Über 30 Stunden werden einschließlich der Wartezeiten auf den Flughäfen zwischen Abflug und Ankunft liegen. Sieber empfindet diese Dauer als belastend, er wird ziemlich mürbe in Afrika ankommen, weil er im Flugzeug nicht schlafen kann. Doch der Mediziner nimmt solche Strapazen nicht zum ersten Mal in Kauf, denn er will vor allem eines: helfen. In Ilembula warten mindestens 200 Kranke und Verletzte auf ihn und sein Team.

Sieber, Chefarzt der Klinik für plastische und rekonstruktive Chirurgie im Helios Klinikum Pirna, engagiert sich seit Jahren bei "INTERPLAST Germany", eine gemeinnützige Vereinigung plastischer Chirurgen, die bei Hilfseinsätzen vorrangig Menschen in Entwicklungsländern operieren. Sämtliche Einsätze werden über Spenden finanziert, die mitreisenden Ärzte, Schwestern und Pfleger arbeiten alle ehrenamtlich.

Für INTERPLAST war Sieber schon in Indien, Brasilien und im Iran, zuvor schon für "Ärzte ohne Grenzen" und die Hilfsorganisation "Cap Anamur" in verschiedenen Ländern. Nun geht es am 5. November erneut nach Afrika, organisiert hat den Einsatz die INTERPLAST-Germany-Sektion Sachsen mit finanzieller Unterstützung der Sektionen Bad Kreuznach und Schopfheim.

Mehr Hilfsmittel, weniger Klamotten

Ilembula ist für den Mediziner Neuland, für INTERPLAST nicht mehr. Für die Hilfsorganisation war bereits vor einiger Zeit ein Chirurgen-Team in diesem für afrikanische Verhältnisse recht modernen Hospital. Daher ist die Klinik ganz gut bestückt, beispielsweise mit Narkosemitteln.

Zudem gibt es in diesem Krankenhaus einen Mitarbeiter, der auch den neuen Einsatz schon vororganisiert und geeignete Patienten vorauswählt. Er hat sogar schon Bilder von den Verletzungen geschickt. „Aber auch wenn ich schon ein wenig vorinformiert bin, wird es eine spannende Reise“, sagt Sieber. Denn was sie genau dort erwartet, wissen weder er noch seine Begleiter.

Zu Siebers Team, das er leitet, gehören Dr. Siegbert Seiler, ein pensionierter Kinder- und Allgemeinchirurg, die Anästhesisten Dr. Sabine Wetter und Dr. Tassilo Henkel, sowie die Anästhesie- und OP-Schwestern Marlen Splitt und Annett Richter. Alles, was sie für den Einsatz brauchen, nehmen sie selbst mit: OP-Instrumente, Fäden, Narkosemittel, Desinfektionslösungen, sterile Kittel, Handschuhe. Jeder darf zweimal 23 Kilo Gepäck mit in den Flieger nehmen, das bedeutet: möglichst viele Hilfsmittel einpacken, möglichst wenig private Sachen.

Viel Auswahl bei der Garderobe werden die Einsatzkräfte ohnehin nicht brauchen. Tagsüber stehen sie meist im OP und tragen entsprechende Kleidung. „Und abends braucht man nur ein Hemd und eine lange Hose, damit einen die Moskitos nicht stechen“, sagt Sieber. Viel wichtiger ist, dass er vor Ort die Instrumente sterilisieren kann und genügend Equipment vorhanden ist.

300 Patienten warten

Auch das benötige Material wird über Spenden finanziert, vieles muss gekauft werden, viel Geld ist nötig. Allein die Fäden, mit denen die OP-Wunden genäht werden, kosten zwischen 3.000 und 5.000 Euro. "Wenn wir alles dabeihaben, sind wir vor Ort eigentlich autark", sagt Sieber. Das vertraute Material ist für die Mediziner wichtig, viel Zeit, sich an Neues zu gewöhnen, bleibt ihnen nicht. Das Programm ist straff.

Vor Ort angekommen, geht es gleich los: Der OP wird eingeräumt, die Chirurgen begutachten die Patienten, schätzungsweise 200 bis 300 Vorausgewählte werden es in Ilembula sein. Dann legen sie die Reihenfolge fest, wer wann operiert wird, schauen, wie lange die OPs dauern. Eingriffe, bei denen große Hauttransplantationen erforderlich sind, legen die Mediziner meist an den Anfang. So können sie später im Heilungsprozess bei Bedarf noch einmal nachjustieren. Diese Voruntersuchungen laufen den ganzen Tag. "Danach", sagt Sieber, "operieren wir im Schnitt 14 Tage lang durch."

Die Arbeit beginnt 8 Uhr, sie geht oft bis nach Mitternacht, teils unter abenteuerlichen Bedingungen. Sieber hat schon Einsätze erlebt, da operierten drei Chirurgen parallel in einem Raum. Und bei einem Indien-Einsatz mitten in der Monsunzeit war Sieber zwei Wochen lang permanent durchgeschwitzt, weil die Luftfeuchtigkeit so hoch war. Am Tag darauf ist Visite, Verbandswechsel, dann wieder OPs. "Wenn wir Glück haben", sagt der Mediziner, "haben wir in den 14 Tagen mal einen halben Nachmittag frei."

Schwere Unfälle mit Benzinöfen

Wenn die plastischen Chirurgen in Entwicklungsländern operieren, dann geht es nicht um Schönheit, es geht darum, wichtige Funktionen wiederherzustellen, damit die Betroffenen leben, arbeiten, Geld verdienen, eine Familie gründen können. Die Mediziner korrigieren beispielsweise Gesichtsfehlbildungen, Gaumen- und Kieferspalten, sie beseitigen Folgen von Unfällen oder Krieg.

Welche Art von Verletzungen ihm in Tansania am meisten begegnen werden, ahnt Sieber schon: Verbrennungen. Die Menschen dort beheizen ihre Hütten und Häuser oft mit Benzinöfen, die jedoch häufig explodieren. Die Folgen sind fatal.

Spritzt das brennende Benzin breit, verursacht es schlimme Verbrennungen. Oft machen die Leidtragenden bei einem solchen Unfall Abwehrbewegungen, nehmen beispielsweise den Kopf auf die Brust oder die Arme vor den Körper, um ihn zu schützen. Durch die gewaltige Hitze zieht sich allerdings die Haut zusammen, sie wächst dann irgendwo zusammen, wo sie es eigentlich nicht soll. So kann es sein, dass das Kinn am Hals oder an der Brust festwächst, oder die Arme am Körper. Die Folge: Neben den oft unerträglichen Schmerzen sind die Opfer oft in ihrer Bewegung eingeschränkt. Derartige Fehlstellungen wollen die Mediziner korrigieren.

Kurz vor Abflug ereilte Sieber noch die Nachricht, dass wahrscheinlich ein kurz zuvor von einer Hyäne im Gesicht zerfleischter Patient noch zusätzlich auf sie wartet. Eine ungewisse Größe gibt es allerdings noch.

Nach dem Einsatz urlaubsreif

Die Teilnehmer wissen nur wenig über die derzeitige Corona-Situation im Einsatzgebiet. Da laut Sieber in Afrika generell wenig getestet werde, sei nicht bekannt, ob es eine epidemische Lage gibt.

Immerhin ist das Wetter recht einsatzfreundlich, wegen der Nähe zum Äquator ist es recht gleichbleibend. Tagsüber, so hat der Chirurg bereits recherchiert, liegen die Temperaturen etwas unter 30 Grad, abends ist es schon etwas kühler.

Gleichwohl wissen die Helfer, dass sie nach ihrem Einsatz eigentlich urlaubsreif sind. Doch die kräftezehrende Arbeit nimmt Sieber gern in Kauf, ihm geht es vor allem darum, den Menschen zu helfen, denen sonst niemand helfen würde. Die Zeit, die Sieber für die Menschen investiert, sagt er, ist seine größte Spende, auf dieser Weise kann er ihnen etwas zurückgeben. "Es ist für mich die größte Belohnung", sagt Sieber, "wenn ich sehe, dass wir den Menschen helfen konnten, wieder ein fast normales Leben zu führen."