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Alarm für den fliegenden Doktor

Christoph 62 ist der rettende Engel für die Sächsische Schweiz und die Lausitz. Ein Job der Extreme. Wer macht ihn?

Die Ruhe vor dem Piep: Auf dem Flugfeld von Bautzen dämmert für Christoph 62 der Tag. Er wird Einsätze in der Lausitz und in der Sächsischen Schweiz bringen.
Die Ruhe vor dem Piep: Auf dem Flugfeld von Bautzen dämmert für Christoph 62 der Tag. Er wird Einsätze in der Lausitz und in der Sächsischen Schweiz bringen. © Steffen Unger

Eben habe ich gelernt, wo das böse Ende des Hubschraubers ist, nämlich hinten, am Heckrotor, der fast siebenmal schneller läuft als der große und alles einsaugt, was lose ist. Da dudelt der Pieper. Vergessen sind Kaffeepott, Brötchen und Briefing. Helm auf! Einsteigen!

Der Notarzt strafft mein Gurtzeug. "Kabine klar!" Schon haben wir keinen Boden mehr unter den Kufen, sondern nur noch Lausitzer Luft, und funken Status 3: Einsatz übernommen - wir sind auf dem Weg.

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Christoph 62 ist ein Unikum. Nachtflugfähig und mit Winde ausgerüstet, steht der Hubschrauber der DRF Luftrettung als einziger in Sachsen rund um die Uhr abrufbereit. Zu Hause auf dem alten NVA-Flugfeld bei Bautzen ist Ostsachsen sein Revier, Sächsische Schweiz inklusive. Voriges Jahr flog die Maschine mehr als 1.500 Einsätze. Bis Ende September waren es schon wieder deutlich über tausend.

Dienstbeginn für Pascal Roth. Der 36-Jährige, ehemals Pilot der Bundeswehr, checkt seinen Hubschrauber.
Dienstbeginn für Pascal Roth. Der 36-Jährige, ehemals Pilot der Bundeswehr, checkt seinen Hubschrauber. © Steffen Unger

Im Kopfhörer kommt das Wetter, vorgetragen von Pascal. An Bord herrscht Duzpflicht. Pascal ist der Pilot. Er sagt "Kutscher". Einst Hauptmann der Bundeswehr, ist er seit fünf Jahren Rettungsflieger. Wir haben "CAVOK-Wetter" - Ceiling and Visibility okay. Auf Deutsch: Sichtflug ohne Limits. Das wird auch Freizeitpiloten locken. Luftraumbeobachtung ist heute erste Fliegerpflicht.

Schichtbeginn mit Verdacht auf Herzinfarkt

Wir fliegen nach Lauta, Grenzgebiet zu Brandenburg. Unter uns flutet die Sonne das drei Grad kalte Land. Seen, Steinbrüche, Solarkraftwerke. In Lauta hat ein 93-Jähriger ausstrahlende Brustschmerzen. Verdacht auf kardiales Ereignis, sagt Radovan, womöglich Herzinfarkt. Radovan, gebürtig aus Prag, Facharzt für Anästhesie, ist heute der fliegende Doktor. Er zeigt aus dem Fenster auf eine Eigenheimsiedlung. Mittendrin steht der Rettungswagen.

Ideales Flugwetter: Auf der ersten Mission des Tages passiert Christoph 62 den Stausee Bautzen (Hintergrund) mit seinen vorgelagerten Teichen.
Ideales Flugwetter: Auf der ersten Mission des Tages passiert Christoph 62 den Stausee Bautzen (Hintergrund) mit seinen vorgelagerten Teichen. © SZ/Jörg Stock

Es ist schwieriges Gelände für Pascal. Landen kann er in der engen Gasse nicht. Er zieht Kreise, bespricht mit Franz, Notfallsanitäter, Techniker und quasi Copilot, den Plan. Landen auf der Wiese? Zu viel Gebüsch. Landen beim Aldi? Notfalls ja. Aber es gibt die Info von unten: Keinen Stress, Patient ist stabil. Also peilt Pascal den Schotterplatz neben den Glasmüllkübeln an.

Glasmüll wegwerfen stört Landemanöver

Der Platz ist groß und leer. Doch grade als Christoph im Begriff ist, niederzugehen, kommt eine Frau und wirft ihre Pullen ein. Abbruch! Dass unten keiner merkt, was er oben will, ist für Pascal nichts Neues. "Die Leute sind sehr festgefahren in ihren Mustern." Er fliegt eine Warteschleife, dann sinkt die Maschine, einen Sturmwind aus grauem Staub entfachend, langsam zu Boden.

Staubige Landung: Auf dieser Schotterfläche in Lauta entfacht der Hubschrauber einen kleinen Wirbelsturm.
Staubige Landung: Auf dieser Schotterfläche in Lauta entfacht der Hubschrauber einen kleinen Wirbelsturm. © SZ/Jörg Stock

Während Radovan mit Franz zum Notfall eilt, bewacht Pascal den Hubschrauber. Er hat nichts dagegen, dass die Leute kommen und gucken. Aber manche Leute gucken mit den Fingern, sagt er. Und das geht nicht. Medizinausrüstung inbegriffen kostet Christoph 62 neun Millionen Euro.

Bird Strike: Mauersegler triff Rettungsflieger

Der Rettungswagen fährt den Herzpatienten ins Krankenhaus. Radovan fährt mit. Christoph fliegt hinterdrein, ihn einzusammeln. Dank einer Marschgeschwindigkeit von um die 220 Stundenkilometer stehen wir ruckzuck auf dem Hoyerswerdaer Klinikdach. Jetzt heim, frühstücken.

Blick aus der Kabine ins Cockpit von Pascal Roth, hier rechts im Bild. "Die meiste Zeit fliegt der Autopilot."
Blick aus der Kabine ins Cockpit von Pascal Roth, hier rechts im Bild. "Die meiste Zeit fliegt der Autopilot." © SZ/Jörg Stock

Die Stimmung ist bestens, da passiert es: Bird Strike! Ein Mauersegler prallt an die Kanzel. Kaum gelandet, sucht Pascal nach Schäden. Schlimmstenfalls müsste die Maschine am Boden bleiben. Doch alles ist okay. Der Vogel hat den Crash zwar nicht überlebt, wie eine Schliere an der Cockpitflanke zeigt. Wir aber können weiter Leben retten.

Die letzten Tage gab es im Schnitt 4,77 Einsätze für Christoph je 24 Stunden. Wir arbeiten daran, den Schnitt zu erfüllen. Gerade sind die Brötchen aufgegessen, da kommt die nächste Mission: Ein 53-Jähriger mit neuer Herzklappe war zur Reha, liegt jetzt aber im Krankenhaus Sebnitz mit Blut im Lungenbereich. Er muss ins Herzzentrum Dresden, haben die Ärzte entschieden, schnell und schonend - ein Fall für Christoph 62.

Landeanflug am Krankenhaus Sebnitz: Ein Intensivpatient muss dringend ins Dresdner Herzzentrum gebracht werden.
Landeanflug am Krankenhaus Sebnitz: Ein Intensivpatient muss dringend ins Dresdner Herzzentrum gebracht werden. © SZ/Jörg Stock

Sieben Minuten Flug, eine davon in Tschechien, und wir setzen neben der Sebnitzer Klinik auf. Mit Sauerstoff und mobilem EKG geht es auf die Intensivstation. Wachsbleich liegt der Kranke im Bett. Die Crew packt ihn auf ihre Rolltrage, schließt die Apparate an. Im Hubschrauber setzt Radovan dem Passagier Ohrenschützer auf. "Sie brauchen keine Angst zu haben", sagt er zu ihm, "es ist alles sicher."

Motorrad bricht seinem Fahrer das Bein

Während die Maschine zur Uniklinik düst, über den Fernsehturm und die Elbschlösser hinweg, hat der Notarzt seine Augen auf den Monitor mit den Lebenszeichen des Patienten geheftet. Es wäre kaum genug Platz hier drin, würde es "kompliziert" werden, sagt er. Doch in 90 Prozent der Verlegungen geht alles glatt. So auch diesmal.

Er mag Action: Radovan Jakes, 36, Facharzt für Anästhesie, legt gern mal eine Schicht als fliegender Notarzt ein.
Er mag Action: Radovan Jakes, 36, Facharzt für Anästhesie, legt gern mal eine Schicht als fliegender Notarzt ein. © SZ/Jörg Stock

Während Christoph auf der Landeplattform seine Triebwerke kühlt und wir den Patienten abgeben, hat auf der Hohwaldstraße bei Neustadt ein junger Tscheche Pech mit seinem Motorrad. Beim Abbiegen auf einen Parkplatz stürzt er und die eigene Maschine bricht ihm den Unterschenkel. Der Rettungswagen ist alarmiert - und die Rettungsflieger sind es nun auch.

Die Bikerhose muss dran glauben

Der unglückliche Biker ist heilfroh, als er im Notarzt einen Landsmann erkennt. Allerdings ändert das nichts daran, dass seine sicher nicht ganz billige Motorradfahrerjeans mit einer großen Schere aufgetrennt wird, um den kaputten Knochen zu schienen.

Höchste Zeit für neuen Treibstoff: Pilot Pascal Roth befüllt seine Maschine an der zum Stützpunkt gehörenden Zapfstelle.
Höchste Zeit für neuen Treibstoff: Pilot Pascal Roth befüllt seine Maschine an der zum Stützpunkt gehörenden Zapfstelle. © SZ/Jörg Stock

Zurück in der Wache ist es schon zwei Uhr nachmittags und wir haben 470 Liter Kerosin verflogen. Pascal steckt die Zapfpistole der stützpunkteigenen Tankstelle in den Hubschrauberbauch. 300 Liter verbraucht sein Vogel je Stunde. Das gilt immerhin als sparsam. "Wenn ich das selber zahlen müsste, würde ich weinen."

Notfallsanitäter und Mann an der Winde

Das Telefon dudelt. Franz kennt die Nummer: Bergwacht Rathen. "Jetzt kriegen wir unseren Windeneinsatz!" Er ist nicht nur Notfallsanitäter, sondern auch Windenoperator, steht dann draußen auf den Kufen und seilt, während er den Piloten dirigiert, den Doktor ab.

Einsatz für die Nachtschicht von Christoph 62: Auf dem Sportplatz von Struppen wird ein verunglückter Motorradfahrer an Bord genommen.
Einsatz für die Nachtschicht von Christoph 62: Auf dem Sportplatz von Struppen wird ein verunglückter Motorradfahrer an Bord genommen. © Marko Förster

Die Rathener melden einen Sturz im Affensteingebiet. Verdacht auf Handgelenkfraktur. Mit der Winde, seit 2016 in Betrieb, könnte Christoph 62 das Unfallopfer aus dem Gelände heben, an Bord nehmen und zur weiteren Behandlung transportieren.

Tote Bäume erschweren Rettungsaktionen

Doch die Felsen sind kein einfaches Terrain für den Hubschrauber. Wenn man nicht Obacht gibt, werden die Retter am Boden "sandgestrahlt", sagt Pascal. Kreuzgefährlich sind die vielen toten Bäume. Der Wind, den der Helikopter macht, bricht Kronenteile ab, reißt ganze Stämme um. Der Pilot kann weniger tief sinken, der Doktor braucht mehr Seil. Schlimmstenfalls muss die Bergwacht den Verunglückten alleine retten, was viel Zeit kostet.

Diesmal wird der Einsatz abgesagt. Die Bergwacht kommt ohne Christoph klar. Stattdessen fliegt der Hubschrauber auf eine Kuhbläke bei Bautzen, wo ein kleines Mädchen Fieberkrämpfe hat, und dann zu einer alten Dame bei Reichenbach mit Megablutdruck und Wortfindungsstörung. Am Ende der Behandlung ist sie fit genug, Pralinen auszuteilen.

Halb sieben. Es dunkelt. Fünf Einsätze, knapp zweieinhalb Stunden Flugzeit. "Ein ganz normaler Tag", sagt Pascal. Für Radovan geht er noch zwölf Stunden weiter. Er wird gleich wieder abheben, nach Struppen, Verkehrsunfall, ein Biker schwer verletzt. Doch von Stress keine Spur. Der fliegende Doktor zu sein, ist sein Ding, sagt er, weil er weiß: Auf die Crew kann er bauen. "Hier zu arbeiten ist eine Ehre."

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