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Zwei Stunden Schlange stehen beim Kinderarzt in Döbeln

Die Situation ist derzeit äußerst prekär. Eltern wenden sich an die Kassenärztliche Vereinigung in Sachsen. Die gibt eine erstaunliche Antwort.

Die Kinderärzte in Döbeln sind derzeit stark überlastet. Durch einen Virus ist die Zahl der Patienten drastisch gestiegen. Doch die Kassenärztliche Vereinigung sieht keine Überlastung.
Die Kinderärzte in Döbeln sind derzeit stark überlastet. Durch einen Virus ist die Zahl der Patienten drastisch gestiegen. Doch die Kassenärztliche Vereinigung sieht keine Überlastung. © dpa-Zentralbild

Döbeln. Es ist ein ungewöhnliches, in den vergangenen beiden Wochen aber immer wiederkehrendes Bild. Vor den Praxen der Döbelner Kinderärzte bilden sich lange Schlangen.

„Meine Kinder sind selten krank. Deshalb bin ich darüber sehr erschrocken“, sagt Peggy Thalheim. Am Wochenende musste die junge Mutter mit ihrer vierjährigen Tochter die Notfallambulanz in der Leiniger Heliosklinik aufsuchen. Dort habe sie Medikamente bekommen, die bis zum Montag gereicht haben – und die Empfehlung, das Mädchen noch einmal dem Kinderarzt vorzustellen.

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Da Antje Wiederanders, bei der die Kinder normalerweise in Behandlung sind, an diesem Tag keine Sprechzeit hatte, entschied sich Peggy Thalheim für Dr. Margit Richter am Niedermarkt in Döbeln. Gegen 8.15 Uhr sei sie dort angekommen.

„Da standen die Eltern mit ihren Kindern von der Praxis bis in die Johannisstraße“, sagt sie. Sie habe kurz überlegt, es stattdessen bei Dr. Eckardt Erdmann zu versuchen, sei dann aber in Absprache mit ihrer Tochter in der Schlange stehengeblieben.

Zwei Stunden habe sie bis zur Anmeldung gebraucht und dabei noch Glück gehabt. „Dort habe ich mir nur einen Krankenschein und ein Rezept für die Medikamente für meine Tochter ausstellen lassen, da ich aus vorherigen Erkrankungen wusste, was sie benötigt“, sagt Peggy Thalheim. Das hat den beiden eine weitere Wartezeit bis zur Sprechstunde erspart.

Eltern haben Verständnis für die Praxis-Teams

Eine andere Mutti habe dagegen das Nachsehen gehabt. Sie erreichte die Anmeldung gegen 10.15 Uhr und erhielt die Auskunft, die Sprechstunde sei voll, sie solle am Nachmittag wiederkommen.

Auf ihre Nachfrage, ob denn dann garantiert sei, dass ihr Kind auch behandelt werde, habe sie nur ein Schulterzucken zur Antwort erhalten. Auch auf dem Anrufbeantworter der Praxis erklärt eine Mitarbeiterin: „Die Akutsprechstunde erfolgt von 8 bis 9 Uhr. „Außerhalb dieser Zeit würden wir gern unsere bestellten Patienten behandeln.“

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Besonders für die Kinder sei es sehr schwierig. „In der Schlange hinter uns ist ein Mädchen zusammengebrochen. Es hatte Brechreiz und konnte sich einfach nicht mehr auf den Beinen halten“, erzählt Peggy Thalheim. Auf Nachfrage in der Praxis sei der Mutter und dem Kind gestattet worden, im Wartezimmer Platz zu nehmen. Dort hätten beide noch immer gesessen, als Peggy Thalheim endlich an der Reihe war.

So erschreckend sie die Situation empfindet, so viel Verständnis hat sie für die Kinderärztin und ihre Mitarbeiter. „Sie versuchen ihr Möglichstes“, ist sie überzeugt. In einer E-Mail hat sie zu Beginn der Woche die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Sachsen auf die Situation aufmerksam gemacht und darum gebeten, über eine Lösung nachzudenken. Außer einer Empfangsbestätigung habe sie bisher aber noch keine Antwort erhalten.

Zahl der Kinderärzte in Döbeln mehr als ausreichend?

Auch Sächsische.de hat bei der KV nachgefragt. „Gemäß den Vorgaben der Bedarfsplanungsrichtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses der Ärzte und Krankenkassen liegt die regionale Verhältniszahl im Planungsbereich Döbeln bei 2.792 Mädchen und Jungen pro Kinderarzt mit vollem Versorgungsauftrag“, teilt KV-Sprecherin Katharina Bachmann-Bux mit.

Bei einer Kinderzahl von 9.407 (Stand 31.12.2020) und vier Kinderärzten liege der Versorgungsgrad im Altkreis Döbeln bei 118,7 Prozent. Damit ist die Zahl der Kinderärzte in der Region theoretisch schon mehr als ausreichend. Freie Stellen gebe es nicht.

In den Arztpraxen stellt sich die Situation allerdings ganz anders dar. Eine hat allein im vergangenen Quartal rund 4.000 Patienten behandelt. Derzeit sind es etwa 200 Patienten an jedem Vormittag.

Überlastung durch aggressiven Virus

Ähnliches wie Peggy Thalheim hat auch Martha Kaul erlebt – allerdings bei Dr. Eckardt Erdmann, bei dem Susann Blei als angestellte Ärztin mitarbeitet. Ab 7.15 Uhr bilde sich dort regelmäßig eine lange Schlange.

Seit Corona-Beginn gebe es auch in dieser Praxis von 8 bis 9 Uhr eine Akutsprechstunde. Und nur in dieser Zeit würden Patienten ohne Termin behandelt. Das Wartezimmer sei oft brechend voll. Aber sie habe niemanden schimpfen gehört. „Die Eltern sind dankbar, wenn sie im Wartezimmer sitzen und das Kind dann auch vom Arzt untersuchen lassen können“, sagt die Mutter eines 17 Monate alten Sohnes.

Sie hat Verständnis dafür, dass die Schwestern bei diesem Stress auch einmal genervt sind und nicht ans Telefon gehen. „Ich habe an einem Tag 27 Mal angerufen, bis ich ein Untersuchungsergebnis abfragen konnte. Das ist schlimm“, meint Martha Kaul. Und auch sie meint: „Es muss eine Lösung her.“

Denn in absehbarer Zeit werde sich nichts verändern. Derzeit grassiere der ansteckende RS-Virus, von dem vor allem Babys und Kleinkinder betroffen sind und schwere Krankheitsverläufe zeigen. Symptome können eine schnelle Atmung, Husten, Schnupfen, Fieber, ein verringerter Sauerstoffgehalt im Blut und die Verweigerung des Trinkens sein. Auch eine Magen-Darm-Infektion breitet sich aus und die normale Erkältungszeit steht bevor.

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Ob diese Erkrankungen und die augenscheinlich nicht ausreichende Zahl der Kinderärzte die Ursachen für die Schlangen vor den Arztpraxen sind, lässt sich nur vermuten. Trotz mehrfacher Versuche ist es Sächsische.de aufgrund der Überlastung der Kinderärzte nicht gelungen, mit einem der Ärzte über die Situation zu sprechen.

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