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Zwangsstörungen: Mehr als nur eine lästige Macke

Viele Kinder und Jugendliche leiden unter Zwangsstörungen. Eine Dresdner Studie soll klären, was dahintersteckt.

Marc Richter aus Neustadt/Sachsen bekommt seine Nervosität am besten im Grünen in den Griff.
Marc Richter aus Neustadt/Sachsen bekommt seine Nervosität am besten im Grünen in den Griff. © Christian Juppe

Dresden. Entspannt sitzt Marc Richter im Garten und blinzelt in die Sonne. Nichts deutet darauf hin, dass er manchmal ein bisschen anders reagiert als andere. Marc hat sich im Griff, wieder. Er hat es gelernt. War er als Kind aufgeregt, gestresst oder gelangweilt, katschte er auf dem Stoff seines T-Shirts herum. So lange, bis sich die Nähte lösten. Später zog der Junge aus Neustadt/Sachsen zwanghaft an allen Klinken. Jede Tür drückte er von außen noch einmal zu, bis er sicher sein konnte: Sie ist definitiv geschlossen. So ging das weiter. „Das waren immer mal wieder andere Sachen. Ich kann mich gar nicht mehr an alles erinnern“, sagt der 18-Jährige. Als er anfing, ständig mit dem Nacken zu knacken, reichte es seiner Mutter. Sie schickte den Sohn zur Kinderpsychologin. Die Ärztin diagnostizierte Zwangsstörungen.

Wer darunter leidet, hat einen inneren Drang, immer wieder das Gleiche zu tun oder zu denken. Oft wissen die Betroffenen selbst, wie sinnlos diese ständigen Wiederholungen sind. Sie sind davon genervt, aber können es nicht lassen, die gleiche Stelle immer wieder zu putzen, obwohl sie bereits glänzt, jede Straßenlaterne anzufassen oder genau dreimal zu überprüfen, ob der Herd wirklich aus und der Bügeleisenstecker gezogen ist, bevor sie die Wohnung verlassen. Dass seit Monaten überall eindringlich darauf hingewiesen wird, sich die Hände gründlich zu waschen und zu desinfizieren, Türklinken, Ampelschalter oder Aufzugsknöpfe möglichst nicht zu berühren und Räume oft zu lüften, hat das Ausbrechen von Zwangshandlungen möglicherweise noch beschleunigt, vermuten Experten.

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Deutlich mehr Patienten nach Lockdown

So haben sich seit dem Beginn des Lockdowns deutlich mehr potenzielle Patienten in der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie am Dresdner Uniklinikum angemeldet. Sie kommen wegen Waschzwängen und Angst vor Ansteckung. „Hinzu kommt, dass die Pandemie auch für Patienten, bei denen die Zwangsstörungen schon diagnostiziert sind, besonders brisant sind. Wir verzeichnen entsprechend viele Vorstellungen in unserer Ambulanz und Station“, sagt Klinikleiter Professor Veit Rößner.

Seine Kollegen und er untersuchen derzeit in der Interventionsstudie Redo-Mind-App, was dabei im Kopf vor sich geht. Jungen und Mädchen von neun bis 19 Jahren mit Zwangsstörungen können daran teilnehmen. Die Wissenschaftler wollen herausfinden, wie Betroffene Belohnungen, Verluste sowie bestimmte Emotionen verarbeiten – und ob diese Aspekte an der Entstehung von Zwangsstörungen beteiligt sein können. Marc Richter hat mitgemacht. Er musste beispielsweise einen Joystick drücken, wenn ihm bestimmte Smileys gezeigt wurden. Entschied er sich richtig, stieg ein fiktives Startguthaben an, lag er falsch, verringerte es sich. Mit Elektroenzephalografie (EEG) und Magnetresonanztomografie (MRT) erheben die Forscher, welche Gehirnregionen dabei angesprochen werden. Sie erhoffen sich Erkenntnisse über die neurobiologischen Grundlagen von Zwangsstörungen. „Möglicherweise können diese Aspekte durch ein tägliches Achtsamkeitstraining verändert werden. Auch das untersuchen wir mittels unserer Mind-App, die auf das Smartphone geladen wird“, sagt Kinder- und Jugendpsychiater Rößner.

Manche Zwänge bei Kindern normal

Er erklärt Zwangshandlungen mit der Evolution: „Wer seine Höhle sauber hielt und gründlich putzte, wurde seltener krank. Wer Vorräte anlegte, überstand auch karge Zeiten. Das waren Überlebensvorteile.“ Auch jetzt seien bestimmte Zwänge eine Zeit lang völlig normal. Etwa, wenn ein Kind eine Weile jede Fuge auf dem Gehweg meidet, nur auf die großen Platten springt und kleine nicht betritt. Oder wenn es erst alle Kuscheltiere nach Größe, Art oder Farbe sortieren muss, bevor es beruhigt einschlafen kann. Auch, dass es Mama oder Papa jeden Abend aufs Neue bittet, nachzuschauen, ob kein Monster unterm Bett oder im Schrank lebt. Durch solche Rituale bauen Kinder Spannungen kurzzeitig ab und können sich beruhigen.

Bei Vorschulkindern und Grundschülern steigt die Angst, die Eltern verlieren zu können. Daher sei es in der Altersgruppe völlig normal, wenn immer wieder Fragen wie „Hast du mich auch lieb?“ oder „Holst du mich wirklich ab?“ gestellt würden. Das Kind sichert sich damit ab. Problematisch wird es allerdings, wenn diese Zwänge sich verstetigen oder ein Ausmaß annehmen, unter dem der Betroffene oder seine Familie wirklich leiden. Rößner nennt Beispiele: Wenn vor lauter Ekel keine Klinke mehr berührt werden kann oder aus Angst vor Viren und Bakterien die Wohnung nicht mehr verlassen wird.

Meist werden die Zwänge lange übersehen oder absichtlich verheimlicht – und daher oft erst erkannt, „wenn es richtig schlimm ist“, sagt Rößner. Unbehandelt gehen sie auch meist nicht von allein weg. In zehn Prozent aller Fälle werden sie sogar chronisch. Manche Betroffene leiden dann so sehr darunter, dass sie über Selbstmord nachdenken. Generell gehen die Störungen oft mit anderen psychischen Erkrankungen wie Tic- oder Angststörungen, depressiven Störungen, ADHS, sozialen Phobien oder Panikstörungen einher.

Oft gravierendes Ereignis als Auslöser

Zwei Prozent aller Deutschen leiden mindestens einmal im Leben unter ernsthaften Zwangsstörungen. Davon geht die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie aus. Bei mehr als der Hälfte gab es vorher einen gravierenden Einschnitt oder ein Ereignis, das sie stark gestresst hat, zum Beispiel ein Haus zu bauen oder ein Kind zu gebären. Zudem werden sexuelle Probleme oder der Tod eines geliebten Menschen als Auslöser genannt.

Entwickeln können sich Zwangsstörungen demnach jederzeit. Besonders häufig treten sie aber zwischen dem zehnten und dem zwölften Lebensjahr auf – und zwar urplötzlich, während sie sich zwischen dem 18. und dem 20. Geburtstag einschleichen können. Bei Marc Richter war es so wie bei vielen anderen: Er kann sich an keinen Anlass erinnern. Die kleinen Macken waren plötzlich einfach da. „Das war auch nichts Schlimmes, nichts, wovon ich dachte, dass es dringend behandelt werden müsste“, sagt er. Für seine Mitmenschen seien sie kaum ersichtlich gewesen. Aber er fand es selbst seltsam, warum er bestimmte Handlungen immer wiederholen musste. Nach den Untersuchungen per MRT und EEG im Uniklinikum hat er zu Hause per Smartphone-App Tagesmeditationen gemacht. Mit ihnen lernte er, sich auf sich selbst zu konzentrieren, zu erspüren, wann er aufgeregt ist und was das in ihm auslöst, Unerledigtes in Gedanken ruhen zu lassen und sich auf Traumreisen zu begeben. „Dadurch kommt man super innerlich zur Ruhe“, sagt er.

Meditationsübungen helfen

Durch diese Verhaltenstherapie lernt der Patient, „bestimmte Verhaltens- und Denkmuster abzutrainieren“, erklärt Rößner. Das funktioniere gut, brauche aber Geduld und Motivation.

Marc Richter hat beides aufgebracht. „Wenn ich mich heute gereizt fühle, setze ich mich im Schneidersitz auf die Wiese und mache erst einmal gar nichts“, sagt er. Er hält sich dann vor Augen, dass die vermeintlich furchtbare Situation, die ihn unter Stress gesetzt oder Angst gemacht hat – zum Beispiel eine anstehende Schularbeit oder ein Referat – gar nicht so schlimm ist, dass viele andere die Tests und Vorträge auch schon geschafft haben. Das hilft ihm. Ganz los hat er seine Zwänge nicht. Wenn sie auftauchen, bleiben sie aber nicht lange. Er empfindet sie jetzt als weniger intensiv und störend als früher. „Ich habe gelernt, damit umzugehen, kenne meine Triggerpunkte und weiß, was ich machen kann“, sagt Marc Richter. Zerkatschte T-Shirts gibt es bei ihm schon lange nicht mehr.

Die Wissenschaftler suchen noch Teilnehmer für die Studie, die neun bis 19 Jahre alt sind und eine Zwangsstörung haben. Kontakt: Claudia Seifert, 1 0351 458 7168, [email protected]

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