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Nur eine Demenz-Story - oder real?

Der Dresdner Hirnforscher Gerd Kempermann über den Film „The Father“, und warum Demenz zur Pandemie wird. Ein Gastbeitrag.

US-Schauspieler Anthony Hopkins spielt im neuen Film „The Father“ eindrücklich einen Demenzkranken. Viele Themen des Films kennt Forscher Gerd Kempermann aus der täglichen Arbeit.
US-Schauspieler Anthony Hopkins spielt im neuen Film „The Father“ eindrücklich einen Demenzkranken. Viele Themen des Films kennt Forscher Gerd Kempermann aus der täglichen Arbeit. © Tobis Film

Ein Gastbeitrag von Neurowissenschaftler Prof. Gerd Kempermann

Er beleidigt die Menschen, die ihm helfen wollen – ohne es selbst zu bemerken. Im jetzt angelaufenen Kinofilm „The Father“ spielt US-Schauspieler Anthony Hopkins einen Mann, der ebenfalls Anthony heißt. Dieser ist an Demenz erkrankt und hat Schwierigkeiten damit, seine Diagnose zu verstehen. Seine Stimmungslagen wechseln stark. Mal ist er fröhlich, mal merklich gereizt. Hilfe bekommt er von seiner Tochter. Sie stellt ihr Leben zurück und gefährdet die Harmonie ihrer Ehe, um ihren Vater bei sich aufzunehmen. Am Ende des Films kommt Anthony dann in ein Pflegeheim. Aber bildet der Film die Realität ab? Ab welchem Punkt schaffen Angehörige die häusliche Pflege oft nicht mehr?

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Die schwierigste Phase ist in der Regel die, in der die Patienten zwar spüren, dass etwas nicht stimmt, all das aber nicht mehr einordnen können. Sie merken, dass ihnen die Situation entgleitet, und sie verdächtigen die sich bemühenden Angehörigen, sie zu hintergehen. Pflegende Angehörige werden oft an ihre Grenzen und darüber hinaus belastet. Sie laufen Gefahr, selbst krank zu werden. Hier professionelle Hilfe zu suchen, ist kein Zeichen von Versagen oder mangelnder Liebe.

Viele Familien berichten immer wieder, dass durch das Leben der oder des Demenzkranken im Pflegeheim wieder mehr Zeit für qualitativ hochwertige Aktivitäten entstand. Für alle Beteiligten steigt die Lebensqualität. Die Patientinnen und Patienten profitieren von der Struktur und den Routinen, die Angehörigen sind entlastet. Sie können wieder freier atmen, und das merken die Erkrankten auch. Natürlich tritt dieser positive Fall nicht immer ein, und natürlich gibt es auch die oft beschworenen Fälle, in denen die Demenzkranken buchstäblich in das Pflegeheim abgeschoben werden. Pflegeheime sind aber, wenn sie gut geführt sind und das Angebot gut genutzt wird, ein Segen.

Aktives Leben zur Vorsorge

Viele Menschen wollen wissen, welche frühen Symptome es bei Demenz gibt. Ab wann sollten Angehörige hellhörig werden und ärztlichen Rat suchen? Das kommt jedoch auf die Form der Demenz an. Bei der häufigen Demenz des Alzheimertyps stehen Gedächtnisstörungen im Vordergrund. Bei Demenzformen, die auf Durchblutungsstörungen beruhen, können die Symptome aber ganz anders und sehr bunt sein. Demenz ist immer der Verlust einer geistigen Fähigkeit, die früher da war.

Es geht nicht nur um das Gedächtnis. Rat gesucht werden sollte vor allem natürlich dann, wenn sich ein Leidensdruck einstellt. Sowohl bei den Betroffenen als auch bei den Angehörigen. Der kann ganz unterschiedlich ausfallen. Viele Menschen sind verunsichert, wenn sie bemerken, dass sie zum Beispiel Gedächtnisstörungen haben. In einem gewissen Maß ist ein Nachlassen des Gedächtnisses aber nicht krankhaft. Eine ärztliche Untersuchung kann dann Beruhigung verschaffen. Erst recht sollte Rat gesucht werden, wenn von der sich entwickelnden Demenz eine Gefährdung der Betroffenen und ihrer Umgebung auszugehen droht.

Gastautor Gerd Kempermann ist Neurowissenschaftler, Forschungsgruppenleiter und Sprecher des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) am Standort Dresden. Zudem ist er Professor an der TU Dresden.
Gastautor Gerd Kempermann ist Neurowissenschaftler, Forschungsgruppenleiter und Sprecher des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) am Standort Dresden. Zudem ist er Professor an der TU Dresden. © DZNE

Vorrangiges Ziel der Diagnostik ist es, diejenigen Fälle von Demenz herauszufischen, die eigentlich gar keine sind. Vor allem die Depression kann sich klinisch in einer Weise präsentieren, die von einer Demenz zunächst praktisch ununterscheidbar ist. Tests und Kernspintomografie können da helfen. Die Depression ist oft sehr gut behandelbar: Was wie eine Demenz erschien, verschwindet dann wieder.

Bei Demenzformen, die auf Minderdurchblutungen beruhen, kann bei entsprechender Behandlung das Fortschreiten oft verzögert, wenn nicht gar aufgehalten werden. Wirksame Medikamente, die eine Demenz vom Alzheimertyp stoppen oder gar heilen könnten, haben wir leider nicht. Aber es gibt medikamentöse Optionen, die den Betroffenen dennoch helfen, länger ein unabhängiges Leben zu führen. Die wichtigste Maßnahme zur allgemeinen Prävention einer Demenz ist ein aktives Leben, sowohl körperlich als auch geistig. Gerade Bewegung hat eine sehr gut beschriebene und belegte Wirkung.

Fokus auf Prävention wichtig

Was wir uns immer vor Augen halten sollten: Neurodegenerative Erkrankungen sind immens komplex. Wir verstehen sie noch immer recht wenig. Von Grundlagenforschung bis zur Frage der optimalen Versorgung sind viel zu viele Probleme ungeklärt. Wir lernen aber unaufhörlich. Die Forschung ist sehr aktiv. Mit dem Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen, für das auch ich tätig bin, hat Deutschland ein sehr schlagkräftiges Forschungsinstitut. Zudem gibt eine sehr vielfältige und sehr rege Forschungslandschaft an den Universitäten, wie hier bei uns in Dresden. Aber wir müssten angesichts der Größe des Problems noch viel mehr tun, als wir derzeit können.

Der Einsatz, den Deutschland sich leistet, ist viel zu gering. Dabei ist absehbar, dass sich größerer Einsatz lohnen würde. Wir wissen heute, dass Prävention möglich ist, sodass die Gesundheitsspanne besser mit der steigenden Lebensspanne mithält. Wir haben schon viel gelernt über bessere Versorgung der Patienten und ihrer Angehörigen. Wir wissen, dass viele erfolgversprechende Therapien nicht wirken und müssen aus diesen Rückschlägen lernen. Aber es gibt Ansätze. Wir müssen auch noch mehr berücksichtigen, dass Demenzen nicht eine einzige Krankheit sind, nicht einmal Alzheimer ist eine einzige Krankheit. Es handelt sich um sehr individuelle Zustände. Die Wissenschaft arbeitet daran, die Komplexität zu reduzieren. Aber es bleiben sehr viele Herausforderungen.
Wir erleben gerade, welche Auswirkungen eine Pandemie auf die Gesellschaft hat.

Jetzt gegensteuern

Demenzen sind nicht ansteckend, aber die Zunahme der Zahl der Demenzkranken, weil wir immer älter werden, und die Belastung der Gesellschaft durch den demografischen Wandel stellen ein Problem dar, das pandemische Ausmaße hat. Für Deutschland und praktisch die ganze Welt. Die Gesellschaft lernt zurzeit sowohl durch Covid-19 als auch in der Klimadiskussion, was es bedeuten kann, den Punkt zu verpassen, an dem man noch gegensteuern und handeln kann.

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Deutschland hat sich eine nationale Demenzstrategie gegeben. Die ist unter Covid-19-Bedingungen in der öffentlichen Wahrnehmung etwas untergegangen. Vor allem fehlt aber eine nachhaltige und auskömmliche Finanzierung der vielfältigen darin geforderten Maßnahmen. Und noch viel mehr Forschung und Aktivität wären auf der Seite der Prävention notwendig. Geld, das wir jetzt scheinbar sparen, werden wir später als Vielfaches aufbringen müssen, um die Konsequenzen des Nichthandelns aufzufangen. Die Forschung steht bereit.

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