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Pandemie-Sorgen können Essstörungen bei Jugendlichen begünstigen

Seit Corona gibt es in manchen Kliniken doppelt so viele Jugendliche mit Essstörungen. Auf welche Warnzeichen sollten Eltern achten?

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Ein Gedankenkarussell, bei dem sich alles um Essen und Gewicht dreht, ist typisch für eine Magersucht.
Ein Gedankenkarussell, bei dem sich alles um Essen und Gewicht dreht, ist typisch für eine Magersucht. © Christin Klose/dpa (Symbolbild)

Wie viele Kalorien sind noch drin? Wie erkläre ich meinen Eltern, dass mein Abendessen heute aus einer halben Brotscheibe besteht?

Ein Gedankenkarussell, bei dem sich alles um Essen und Gewicht dreht, ist typisch für Jugendliche mit Magersucht.

Hinter der Essstörung steckt viel mehr als der Wunsch, schlank zu sein. Mit der Corona-Pandemie ist die Zahl der Magersüchtigen unter den jungen Leuten deutlich gestiegen.

In diesem Text:

  • Wer ist betroffen?
  • Warum kam es in der Pandemie zu diesem Anstieg?
  • Wer neigt zur Magersucht?
  • Welche Alarmzeichen gibt es?
  • Wie sprechen Eltern eine mögliche Essstörung an?
  • Wo finden Familien Hilfe?
  • Hier finden Eltern und Betroffene Hilfe

Wer ist betroffen?

Nach wie vor sind es vor allem Mädchen, die an der Essstörung erkranken. Darunter sind Patientinnen mit Erstdiagnosen und Betroffene, die in der Corona-Zeit einen Rückfall hatten.

"Wir haben etwa doppelt so viele Patientinnen mit Magersucht wie vor der Pandemie auf den Stationen", sagt Prof. Stephan Bender, Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kinder- und Jugendalters des Uniklinikums Köln.

Auch der Kinder- und Jugendreport der DAK zeigte für 2020 wesentlich mehr Patienten mit starkem Untergewicht, Magersucht und Bulimie im Vergleich zu 2019, die stationär behandelt wurden. "Uns besorgt auch, dass es bei den Kindern unter 14 Jahren eine besonders deutliche Zunahme der Fälle gibt", sagt Prof. Beate Herpertz-Dahlmann vom Uniklinikum Aachen.

Diese Altersgruppe sei bislang relativ selten von Magersucht betroffen gewesen, doch das scheine sich durch die Pandemie zu wandeln. Ambulant gingen die Behandlungszahlen vor allem bei jüngeren Mädchen jedoch zurück. Das zeigt sich auch in den Analysen der AOK Plus. Allerdings lässt sich nicht nachvollziehen, wie viele Arztbesuche aufgrund des Lockdowns und der Angst, sich anzustecken, unterblieben sind.

Warum kam es in der Pandemie zu diesem Anstieg?

Dazu fehlen noch wissenschaftliche Untersuchungen", sagt Herpertz-Dahlmann. Aus den Gesprächen mit ihren Patienten weiß sie jedoch: Die weggebrochenen Strukturen des Alltags – Homeschooling statt Präsenzunterricht, allein im Zimmer statt draußen mit Freunden – sind ein großes Thema.

"Wir wissen, dass Menschen, die eine Magersucht entwickeln, gern eine feste Struktur haben", sagt sie. Fällt diese weg, schaffen sich Betroffene einen neuen Rahmen für ihren Alltag.

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Problematisch wird es, wenn der sehr eng ist und beispielsweise mehrere Work-outs oder ein akribisch ausgearbeiteter Ernährungsplan den Tag strukturieren. Dazu kommt, dass viele Jugendliche mehr Zeit in den sozialen Medien verbringen.

"Wenn man dort feststellt: ‚Alle sind dünner als ich‘, kann auch das zu dem Plan führen, besonders gesund zu essen oder besonders harte Work-outs zu machen", sagt die Psychologin. Auch das könne in einer Magersucht münden.

Wer neigt zur Magersucht?

Hinter jeder Magersucht steckt nicht nur eine Ursache, sondern ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren. So kann es eine genetische Veranlagung geben.

Hat ein Elternteil eine Essstörung, steigt das Risiko ebenfalls. Doch auch der eigene Charakter spielt eine Rolle: "Betroffene sind oft besonders diszipliniert und perfektionistisch", sagt Stephan Bender.

"Oft beziehen sie ihren Selbstwert durch gute Leistungen in der Schule und weniger über ihre sozialen Kontakte." Kontrolle ist bei Magersüchtigen ein großes Thema. Das eigene Gewicht komplett in der Hand zu haben, kann Magersüchtigen ein Gefühl von Sicherheit vermitteln.

Das gilt gerade in Zeiten, in denen sich andere Bereiche des Lebens der eigenen Kontrolle entziehen – wie jetzt. Nicht zuletzt spielen auch Schönheitsideale eine Rolle. Wer immer wieder beobachtet, dass schlanke Körper bewundert werden und über dicke Körper gelästert wird, verinnerlicht das.

Welche Alarmzeichen gibt es?

Nicht immer geht eine Essstörung auch mit einem starken Gewichtsverlust einher. Eltern sollten deshalb auch auf andere Anzeichen achten:

  • Das Ausbleiben der Regelblutung bei der Tochter kann ein Zeichen dafür sein, dass der Körper unterversorgt ist.
  • Verliert das Kind rasch an Gewicht, sollten Eltern aufmerksam werden. Um die Lage besser einschätzen zu können, helfen Body-Mass-Index-Rechner für Kinder und Jugendliche im Internet.
  • "Ich sehe fürchterlich aus mit meinen dicken Beinen." Solche Sätze, etwa vor dem Spiegel dahergesagt, sollten Eltern ernstnehmen.
  • "Auch Konflikte ums Essen sind ein Zeichen, dass da etwas schiefläuft", sagt Stephan Bender. "Und natürlich wenn sich die Interessen des Kindes einengen, wenn es Hobbys und Freundschaften nicht mehr pflegt, sondern sich alles ums Essen dreht."

Generell gilt: Ändert sich das (Ess-)Verhalten grundlegend, sollten Eltern das im Blick behalten.

Wie sprechen Eltern eine mögliche Essstörung an?

Dass sie Hilfe brauchen – davon wollen viele Magersüchtige anfangs nichts wissen. Anders als bei anderen psychischen Erkrankungen setzt der Leidensdruck bei der Magersucht erst spät ein, erklärt Bender.

Denn in der ersten Zeit fühlen sich Betroffene durch ihre vermeintlichen Diät-Erfolge stark und mächtig. Für Eltern ist das meist nicht nachvollziehbar. Das liegt daran, dass mit der Magersucht eine Körperschemastörung einhergeht. Betroffene haben einen verzerrten Blick auf ihren eigenen Körper und empfinden sich – trotz bereits hervorstehender Knochen – zu dick.

"Eltern sollten das Thema auf keinen Fall totschweigen. Die Chance, die Erkrankung zu überwinden, ist größer, wenn sie möglichst früh behandelt wird", sagt Beate Herpertz-Dahlmann.

Starkes Untergewicht kann mit der Zeit lebensbedrohlich werden. Ratsam sei es, ein offenes Gespräch zu suchen, das mit Worten wie "Ich habe das Gefühl, du gefällst dir in letzter Zeit gar nicht mehr" beginnt. "Oft sind die Jugendlichen auch froh, wenn jemand darauf kommt und das Thema Magersucht anspricht", beobachtet Herpertz-Dahlmann.

Wo finden Familien Hilfe bei Magersucht?

Ob die Magersucht stationär, ambulant oder tagesklinisch behandelt wird, hängt davon ab, wie schwer die Erkrankung ist. Der erste Weg führt zum Kinderarzt. Er verweist die Familie weiter an Psychotherapeuten und Psychiater, die auf Kinder und Jugendliche spezialisiert sind.

"Die Wartezeiten können derzeit erheblich sein", sagt Stephan Bender. In den Wochen oder Monaten, bis ein Therapieplatz gefunden ist, sei es umso wichtiger, die Verfassung des Kindes im Blick zu behalten. Viele Kliniken reagieren auf die Zunahme von Magersuchtpatienten, indem sie ihre Betten-Kapazitäten ausbauen oder mit Krankenkassen oder der Jugendhilfe Angebote schaffen, die Erkrankte beim Überbrücken der Wartezeit unterstützen. (dpa mit rnw/sp)

Hier finden Eltern und Betroffene Hilfe