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Patienten melden Tausende Behandlungsfehler

Jeder vierte Verdachtsfall, der von den Kassen geprüft wird, bestätigt sich als Behandlungsfehler. Die Dunkelziffer ist aber viel größer.

Was zeigt das Röntgenbild? Auch ein falscher Befund kann Ursache für einen Behandlungsfehler sein.
Was zeigt das Röntgenbild? Auch ein falscher Befund kann Ursache für einen Behandlungsfehler sein. © Christin Klose/dpa

Operation am falschen Knie oder gar an einem anderen Patienten, das falsche Medikament oder Fremdkörper, die nach dem Eingriff im Patienten verbleiben: Dinge, die eigentlich nicht passieren dürfen. Und doch passieren. Rund 14.000 vermutete Behandlungsfehler hat der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDS) im vergangenen Jahr untersucht – etwa 500 weniger als 2019. Das geht aus der aktuellen Begutachtungsstatistik hervor, die der MDS am Dienstag in Berlin vorstellte.

„Unsere Zahlen zeigen nur einen kleinen Ausschnitt des Problems“, sagte Geschäftsführer Stefan Gronemeyer. Denn nicht jeder Verdacht wird auch gemeldet. Zudem haben Patienten verschiedene Möglichkeiten, einen möglichen Behandlungsfehler anzuzeigen. Von einer Meldepflicht seitens der Ärzte, wie sie auch die Weltgesundheitsorganisation fordert, sei man in Deutschland noch weit entfernt, kritisierte der MDS-Chef. Dabei sei die systematische Erfassung von besonders schwerwiegenden, aber vermeidbaren Fehlern – sogenannte Never Events – für die Patientensicherheit von großer Bedeutung.

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Wo werden die meisten Fehler vermutet?

Zwei von drei Vorwürfen betreffen Behandlungen im stationären Bereich, vor allem in Krankenhäusern, und ein Drittel in ambulanten Praxen. Die Erklärung: „Die meisten Behandlungsfehlervorwürfe beziehen sich auf operative Eingriffe“, sagte Professor Astrid Zobel, Leitende Ärztin des Medizinischen Dienstes Bayern. Knapp 31 Prozent aller Vorwürfe betrafen die Orthopädie und Unfallchirurgie, zwölf Prozent die Innere Medizin und Allgemeinmedizin, jeweils neun Prozent die Allgemein- und Viszeralchirurgie sowie die Zahnmedizin und acht Prozent die Frauenheilkunde und Geburtshilfe. Rund 900 Fälle (sechs Prozent) wurden aus dem Bereich der Pflege gemeldet. Zobel warnte allerdings vor voreiligen Schlüssen: „Eine Häufung von Vorwürfen in einem Fachgebiet sagt nichts über die Fehlerquote oder die Sicherheit in dem jeweiligen Gebiet aus.“ Die Meldungen hingen eher vom subjektiven Erleben der Patienten ab.

Welche Patienten äußern am häufigsten einen Verdacht?

Die größte betroffene Altersgruppe sind die 50- bis 59-Jährigen mit knapp 3.000 Verdachtsfällen. Mit Abstand folgen die 60- bis 69- und die 70- bis 79-Jährigen. Auch bei Kindern bis neun Jahren haben die Gutachter mehr als 500 Verdachtsfälle geprüft.

Wie häufig bestätigt sich der Verdacht auf einen Behandlungsfehler?

Bei den meisten gemeldeten Fällen handelte es sich aus Sicht der Gutachter um einen Fehlalarm. Lediglich in jedem vierten Fall bestätigte sich der Verdacht auf einen Fehler mit Schaden, und in jedem fünften Fall konnten die Fachleute nachweisen, dass der Behandlungsfehler Ursache des Schadens war. Diese Zahlen haben sich in den letzten Jahren kaum verändert. Dabei gilt auch hier: Es sind nur Verdachtsfälle erfasst, die bei den Krankenkassen gemeldet und vom MDS untersucht wurden.

Welche Fehler werden am häufigsten bestätigt?

Knapp 31 Prozent aller bestätigten Fehler sind die Folge einer Operation, rund 23 Prozent eines falschen Befundes und etwa 13 Prozent einer nicht fachgemäßen Pflege. Am häufigsten wurden Fehler nach der Implantation einer Hüftgelenksprothese festgestellt, gefolgt von Zahnwurzelbehandlungen, Zahnersatz, Einsatz eines künstlichen Kniegelenks, Zahnentfernung und Pflege von Erwachsenen. Etwa jeder dritte Schaden wurde als dauerhaft eingeschätzt. 120 Menschen starben an den Folgen des Fehlers, bei 82 wurde ein Zusammenhang mit dem Fehler nachgewiesen.

Wie steht es in Sachsen um die Patientensicherheit?

Der Medizinische Dienst Sachsen erstellte 2020 nach eigener Aussage 616 Gutachten zu vermuteten Behandlungsfehlern. Dabei seien 177 Fehler mit Schaden aufgedeckt worden und damit im Schnitt öfter als bundesweit. In 88 Fällen seien die Behandlungsfehler zugleich auch die Ursache für den Schaden gewesen.

Die Sächsische Landesärztekammer hatte im gleichen Zeitraum 308 Anträge zur Begutachtung erhalten. 183 dieser Anträge wurden aufgrund der eingereichten Unterlagen geprüft, in 40 Fällen bestätigte die Gutachterstelle für Arzthaftungsfragen den Verdacht. Laut Auskunft der Ärztekammer lassen sich mehr als 60 Prozent der Antragsteller von einem Anwalt vertreten; in etwa jedem zehnten Fall kommt es zu einer Klage.

Wohin können sich Patienten bei einem Verdacht wenden?

Wenn Patienten einen Behandlungsfehler vermuten und Schadenersatz geltend machen wollen, sollten sie sich zuerst an ihre Krankenkasse und den behandelnden Arzt wenden. Für gesetzlich Versicherte ist dieser Service kostenfrei. Auch die Gutachterstelle der Landesärztekammer, die Unabhängige Patientenberatung Deutschland, die Verbraucherzentralen, Anwälte für Medizinrecht sowie verschiedene Interessengemeinschaften von Medizingeschädigten kümmern sich um solche Anliegen.

Für die Prüfung werden die entsprechenden Behandlungsunterlagen benötigt, auch ein Gedächtnisprotokoll ist sehr hilfreich. Zudem muss der Patient die behandelnden Ärzte von der Schweigepflicht entbinden. Mustervordrucke gibt es bei der Krankenkasse.

Definition Behandlungsfehler

Ein Behandlungsfehler liegt vor, wenn eine ärztliche, zahnärztliche, pflegerische oder sonstige medizinische Behandlung nicht angemessen, sorgfältig, richtig oder zeitgerecht durchgeführt wird.

Dies kann unter anderem bedeuten, dass eine Behandlung nicht den medizinischen Standards entspricht, eine gebotene medizinische Maßnahme unterlassen wird, eine Diagnose trotz eindeutiger Hinweise nicht gestellt wird oder eine Aufklärung über das Verhalten bei einer Therapie unterbleibt. Quelle: MDS

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