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"Viele Corona-Infektionen hätten in Pflegeheimen verhindert werden können"

Soziologin Adelheid Kuhlmey zu Lehren aus der Pandemie, der Idee von Heimärzten und die Einbeziehung Angehöriger.

Einfach eingesperrt: Zustände wie im Lockdown sollen sich in den Pflegeheimen nicht wiederholen.
Einfach eingesperrt: Zustände wie im Lockdown sollen sich in den Pflegeheimen nicht wiederholen. © 123rf

Während der Corona-Pandemie sind deutlich mehr Menschen in Pflegeheimen gestorben als in den Jahren zuvor. Viele litten zudem unter psychischen Belastungen durch die Isolation: Die Studie Covid-Heim hat aufgedeckt, dass Infektionsschutzmaßnahmen wie Besuchsverbote nicht ausgereicht haben, um die Pflegebedürftigen ausreichend zu schützen. Welche Lehren können daraus gezogen werden? Dieser Frage gehen die Wissenschaftler nun unter der Leitung von Professor Dr. Adelheid Kuhlmey nach. Sie war jahrelanges Mitglied im Deutschen Ethikrat.

Frau Kuhlmey, der Pflegereport hat katastrophale Zustände in Pflegeeinrichtungen zutage gebracht. Wie konnte es dazu kommen?

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Es war ein Zusammenspiel zwischen alten Defiziten in der Pflege und der Pandemie. Seit Langem schon klagen wir über zu wenig und zu gering qualifiziertes Pflegepersonal, zu wenig medizinische Kompetenz in den Häusern. Corona hat nun aber auch neue Probleme offengelegt.

Welche Probleme meinen Sie?

Wir sollten uns zum Beispiel die Frage stellen: Sind die baulichen Gegebenheiten der Heime angemessen, um solche Katastrophen künftig zu vermeiden? In Deutschland gibt es etwa 14.000 Pflegeheime, die Zahl wächst weiter. Die Hälfte ist in privater Hand, und fast alle bauen ihre Häuser gleich. Überlegenswert ist dagegen eine Art Pavillon-Struktur, bei der kleinere Wohneinheiten verbunden sind. In den „Pavillons“ leben dann zehn bis 20 Bewohner, die von denselben Pflegepersonen betreut werden. Bricht ein Virus aus, können die Gänge dazwischen dichtgemacht werden. Wir müssen neu denken. Kliniken und Operationssäle werden auch nicht mehr wie früher gebaut.

Leben zu viele Heimbewohner zu eng zusammen?

Wir brauchen eine Diskussion darüber, wie viele Menschen überhaupt in einer Einrichtung zusammenwohnen dürfen. Das Klientel hat sich verändert. Das Durchschnittsalter liegt bei über 85, viele Bewohner sind meist schwerstkrank, viele leiden unter einer Demenz. Macht es da Sinn, 300 Patienten an einem Ort zu pflegen oder ist es vielleicht besser, nicht mehr als 200 zuzulassen? Außerdem sollte es für Pflegeheime die Verpflichtung geben, Isolierzimmer und Begegnungsräume vorzuhalten. Das nützt ihnen auch bei Grippewellen oder beim Ausbruch einer Norovirus-Infektion.

Adelheid Kuhlmey ist Direktorin des Instituts für Medizinische Soziologie und Rehabilitationswissenschaft der Charité Berlin.
Adelheid Kuhlmey ist Direktorin des Instituts für Medizinische Soziologie und Rehabilitationswissenschaft der Charité Berlin. © Charite

In der ersten Welle hat Schutzmaterial gefehlt. Wie schlimm war das wirklich?

Es kann ja wohl nicht sein, dass es keine Rücklagen von Schutzbekleidung wie Masken gibt. Die Intensivmediziner bei uns in der Charité benötigen auch ständig Schutzmaterial, unsere Apotheke bestellt permanent nach. Es muss nur gut überlegt werden, wo der Vorrat für 14.000 Heime gelagert werden kann. Ich gebe zu, das ist nicht einfach. Zusätzlich muss das Personal im Umgang mit Schutzausrüstung geschult werden. Wie lege ich die bei mir an, wie bei Bewohnern, wie bei den Angehörigen? Solch eine Schulung muss wie die Brandschutzübung jedes Jahr zur Pflicht werden.

Hätten so viele Infektionen verhindert werden können?

Auf jeden Fall. Es gab Heime, in denen 100 Prozent der Bewohner und die Mehrzahl des Personals infiziert waren. Das ist ein Drama! Viele Pflegepersonen gaben in unseren Befragungen an, dass sie Angst um die Bewohner hatten, aber auch Angst um ihre eigenen Familien, wenn sie das Virus mit nach Hause tragen. Umso wichtiger ist es, dass das Personal gut ausgebildet ist und die Hygieneregeln beherrscht. Die Beschäftigten benötigen mehr Kompetenzen, sie müssen auch präventiv tätig werden können, zum Beispiel, indem sie die Mobilität der Bewohner fördern. Ich plädiere zudem für Heimärzte, denn dort liegen teilweise schwerkranke Menschen. Das hat aber alles nichts mit Corona zu tun, sondern ist ein alt bekanntes Problem: zu wenig Personal, das zudem nicht genug qualifiziert ist und zu wenig Kompetenzen vor Ort ausüben darf. Die Impfung war die Rettung. Dass sich nun nicht alle Pflegekräfte in den Heimen impfen lassen, beschäftigt mich jedoch. Da müssen wir besser aufklären.

Während Corona sind weniger Pflegeheimbewohner in ein Krankenhaus eingeliefert worden. Was bedeutet das?

Das untersuchen wir. Interessant ist doch die Frage: Wurden Pflegebedürftige früher zu häufig oder zu schnell eingewiesen und hätten sie nicht auch ambulant versorgt werden können? Oder gab es wirklich eine massive Unterversorgung etwa bei einem Herzinfarkt oder Schlaganfall, so dass Menschen daran verstorben sind?

Sie sagen, dass die rigorose Abriegelung der Heime ein Fehler war. Wieso?

Um es auf den Punkt zu bringen: Schwerkranke Menschen wurden einfach eingesperrt. Wer von uns hätte sich das gefallen lassen? Viele Heime haben Lösungen gefunden, Gespräche an Fenstern zugelassen oder in Begegnungsräumen, getrennt durch eine Plexiglasscheibe. Aber das reicht nicht. Gut ist, dass der Großteil der Bewohner nun geimpft ist, damit gibt es keinen Grund mehr für eine Abriegelung.

Was schlagen Sie vor?

Wir benötigen Konzepte, die es erlauben, dass Bewohner und ihre Angehörigen auch in einer Pandemie-Situation zusammensein können. Nehmen wir mal den Bereich der Pädiatrie vor 30 Jahren. Da ging auch vieles nicht. Mütter waren allein im Kreißsaal, heute darf der Partner dabei sein. Es gibt Familienzimmer. Und während Corona war bei uns kein chronisch krankes Kind allein auf der Station. Eltern hatten immer die Möglichkeit, dort zu übernachten. In Pflegeheimen sollte daher die Frage lauten: Wie können wir uns gegenseitig unterstützen? Einem Demenzkranken geht es sicher besser und er ist ruhiger, wenn sein Partner einige Stunden am Tag bei ihm ist, mit ihm ein Stück läuft, zusammen Mahlzeiten einnimmt. Das macht doch die Pflege insgesamt besser.

Stattdessen wurden die Angehörigen eher als Belastung betrachtet?

Viele Pfleger haben uns das so gesagt, ja. Sie hatten Angst um die Bewohner, Angst, das Virus mit ins Heim zu bringen. Dazu die Sorge um die Angehörigen. Ich kann mir das jedoch gut vorstellen. Wenn meine Mutter in einem Heim leben würde und ich nur davor stehen darf – das könnte ich auch nicht aushalten. Wir stecken da wirklich in einem ethischen Dilemma.

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Das Gespräch führte Kornelia Noack

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