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Dresdner Pflegekräfte legen sich auf den Altmarkt

Bei Regen haben sich Pfleger auf dem nassen Pflaster niedergelassen. Was es mit der Aktion am Mittwoch auf sich hat.

Pflegekräfte haben am Mittwochnachmittag auf dem Altmarkt einen sogenannten Sleep-in veranstaltet.
Pflegekräfte haben am Mittwochnachmittag auf dem Altmarkt einen sogenannten Sleep-in veranstaltet. © Sven Ellger

Dresden. Bewunderung, Mitgefühl, Mitleid: Noch nie sind Pflegekräften so viele Emotionen entgegengeschlagen wie in den vergangenen eineinhalb Jahren. Corona hat nicht nur die Welt verändert, sondern auch den Blick auf einen Beruf, der von vielen Menschen als selbstverständlich angesehen worden war. Wenn sie im Krankenhaus lagen, ihre Angehörigen im Heim besuchten oder einen mobilen Pflegedienst für Mutter und Vater engagierten. Doch so selbstverständlich ist der Job nicht.

„Wir sind zu wenige für zu viele“, sagt Julia Brandt, die für Mittwochnachmittag einen sogenannten Sleep-in auf dem Dresdner Altmarkt organisiert hat. Bei Regen legten sich die Teilnehmer auf das nasse Pflaster. Zwischen ihnen und den Steinen nur ein dünnes OP-Tuch.

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Anlässlich des Tages der Pflege hat am Mittwoch auf dem Altmarkt ein Sleep-in stattgefunden. Mit unmissverständlichen Botschaften.
Anlässlich des Tages der Pflege hat am Mittwoch auf dem Altmarkt ein Sleep-in stattgefunden. Mit unmissverständlichen Botschaften. © Sven Ellger

Für Passanten, aber auch Politiker, Krankenhaus- und Heimbetreiber haben sie eine Botschaft mitten auf dem Altmarkt platziert: "Klatschen hilft nicht." Es ist eine Anspielung auf die weltweiten Jubelaktionen für Intensivpfleger und Ärzte zu Beginn dieser Pandemie. „Stellvertretend und symbolisch ruhen wir uns für diejenigen aus, die kaum Zeit haben zur Ruhe zu kommen“, so Brandt.

"Nicht erst jetzt spitzt sich die Lage zu"

Nicht nur körperlich laste der Job auf den Pflegekräften, auch psychisch, so Brandt. Hinzu kämen der ständige Zeitdruck und die schlechte Bezahlung. Gerade an diesem internationalen Tag der Pflege zeige sich, wie lebensrelevant gute Pflege doch sei. In der Pandemie benötigten mehr als 2.500 Dresdner Corona-Patienten medizinische Hilfe im Krankenhaus. Angespannt war die Lage auch in den Pflegeheimen der Stadt. Angaben der Stadtverwaltung zufolge starben mehr als 500 Heimbewohner in einem zeitlichen Zusammenhang mit einer Corona-Infektion. Auch viele Pflegekräfte erkrankten in den vergangenen Monaten.

Zu einem „Walk of Care” – einem Marsch für die Pflege – hatten außerdem mehrere Bündnisse für Mittwochnachmittag an der Ecke Blasewitzer Straße/Fetscherstraße aufgerufen - vor der Haustür des Dresdner Uniklinikums.

Teilnehmer einer Kundgebung des DGB stehen anlässlich des internationalen Tages der Pflege mit einem Transparenten an der Blasewitzer Straße.
Teilnehmer einer Kundgebung des DGB stehen anlässlich des internationalen Tages der Pflege mit einem Transparenten an der Blasewitzer Straße. © dpa/Sebastian Kahnert

„Denn nicht erst seit Corona spitzt sich die Lage im Gesundheitssystem immer weiter zu“, sagt der Dresdner Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), André Schnabel. „Wir fordern mehr Personal im Gesundheitswesen, eine deutlich bessere Bezahlung und humanere Arbeitsbedingungen in allen Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen.“

Erhalt des Neustädter Krankenhauses gefordert

Allein in den Dresdner Krankenhäusern arbeiten mehr als 4.000 Pflegekräfte, in den Alten- und Pflegeheimen sind es über 4.600, weitere 2.800 sind in der ambulanten Pflege tätig, wie aus den neuesten Zahlen des Statistischen Landesamtes hervorgeht.

Ein weiteres Thema der Demonstrationen ist die Umstrukturierung des Städtischen Klinikums Dresden. Stadtverwaltung und Klinikleitung planen, den Standort Trachau als klassisches Krankenhaus zu schließen. Stattdessen soll dort die ambulante, medizinische Versorgung ausgebaut werden. Neben einem OP-Zentrum bliebe eine Notaufnahme. Zudem sind Pflegeangebote vorgesehen. Die stationäre Versorgung soll dagegen in Friedrichstadt konzentriert werden.

Die Wirtschaftsberater von Ernst & Young hatten dem Klinikum zuvor zu wenige lukrative Fälle und eine zu geringe Produktivität der Beschäftigten attestiert. Doch Gesundheit dürfe kein Geschäft sein, so Schnabel. „Das muss bei der Weiterentwicklung des Städtischen Klinikums Dresden immer mitgedacht werden.“

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Das Dresdner Pflegebündnis, das die Kundgebung in der Johannstadt mitorganisiert hat, spricht sich klar für einen Erhalt des Krankenhauses an der Industriestraße aus. Diese Forderung steht am Mittwoch auch auf der Tagesordnung des Stadtrates, der zur selben Zeit tagen wird, wenn die Pflege-Kundgebungen stattfinden.

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