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Wie geht Pflege ohne "Stoppuhr im Nacken"?

Wer Senioren pflegt, benötigt ausreichend Zeit. Sachsens Diakonie fordert eine umfassende Reform der Pflegeversicherung.

Sachsens Diakonie fordert Verbesserungen in der Pflege - unter anderem Tarifbezahlung für Pflegekräfte.
Sachsens Diakonie fordert Verbesserungen in der Pflege - unter anderem Tarifbezahlung für Pflegekräfte. © dpa/Oliver Berg

Die Prognose ist mittlerweile überholt. Vor sechs Jahren gingen Sozialexperten davon aus, dass die Zahl der Pflegebedürftigen im Freistaat bis 2030 auf etwa 242.000 ansteigt. Doch bereits derzeit sind rund 250.800 Sachsen pflegebedürftig. Der Großteil von ihnen wird, wie die Diakonie in einem an Bundes- und Landespolitik gerichteten 25-seitigen Forderungskatalog am Dienstag darlegte, zuhause durch Verwandte, Freunde oder Pflegedienste betreut: vier von fünf.

Der evangelische Wohlfahrtsverband versteht die Broschüre als Anregung für eine weitere Reform der Pflegeversicherung. Sachsens Diakoniechef Dietrich Bauer betonte bei der Vorstellung in Dresden: „Pflegebedürftige Menschen sollen mit der nötigen Zuwendung und Zeit gepflegt werden. Und Fachkräfte müssen mit der nötigen Sorgfalt, Fachlichkeit und Verantwortlichkeit ohne die Stoppuhr im Nacken ihre Arbeit tun dürfen.“

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Damit das klappt, will die Diakonie mehr Geld in das Pflegesystem bringen. Zentraler Punkt der Anregungen ist der Ausbau der bislang von Arbeitnehmern und Arbeitgebern getragenen Pflege- zu einer „sozialen Bürgerversicherung“. Diese solle alle Versicherten einbeziehen. Und: „Die Eigenanteile, also das, was man bezahlen muss, wenn man eine Leistung der Pflegeversicherung in Anspruch nimmt, müssen begrenzt und kalkulierbar sein“, mahnte Diakoniechef Bauer. Beitragsbemessungsgrenzen müssten angehoben, die Beitragspflicht auf alle Einkommensarten ausgedehnt werden.

Thema Pflege hat bislang untergeordnete Rolle im Wahlkampf

Im Bundestagswahlkampf spielt das Thema Pflege bislang kaum eine Rolle. Sachsens Diakonie sieht allerdings in einer erneuten Reform eine wichtige Aufgabe der künftigen Bundesregierung. Auf Landesebene erhielt der kirchliche Verband Unterstützung von den Sozialdemokraten im Parlament. Deren Landtagsfraktion sprach sich am Dienstag ebenfalls für die Begrenzung der Eigenanteile aus. Zudem regte die SPD Verbesserungen bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie eine Entbürokratisierung an. „Jede Stellschraube, die im Pflegebereich angefasst wird, verursacht jedoch Kosten, die solidarisch über eine Pflegebürgerversicherung finanziert werden müssen“, betonte die Abgeordnete Simone Lang.

Die Forderungen der sächsischen Diakonie umfassen noch weitere Punkte. So müsse die häusliche Pflege gestärkt werden. Dazu benötige es eine Gesetzesreform. Eingeführt werden müsse so eine steuerfinanzierte Lohnersatzleistung – analog zum Elterngeld – bei häuslicher Pflege. Zudem forderte die Diakonie die Verbesserung von Arbeitsbedingungen in der Pflege. „Ein am tatsächlichen Pflegebedarf orientierter Personalschlüssel, moderne Arbeitszeitmodelle und attraktive Löhne sind die Voraussetzung, damit Mitarbeitende gerne im Beruf bleiben und junge Menschen sich für einen Pflegeberuf interessieren“, heißt es im Diakonie-Katalog.

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Der kirchliche Verband nahm auch die Staatsregierung in die Pflicht. Der Freistaat solle durch die Übernahme von Investitionskosten für Pflegeeinrichtungen für finanzielle Entlastung von Pflegebedürftigen sorgen. Eine Forderung richtete sich zudem an die Krankenkassen. Sie sollten die Kosten der medizinischen Behandlungspflege im Rahmen der stationären Pflege übernehmen.

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