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Plötzlich Dialysepatient

Die Nieren leiden lange still. Auch Mike Nitzsche aus Chemnitz nahm Warnzeichen nicht ernst. Das änderte sein Leben.

Die Punkte am Rand des Nierenmodells symbolisieren die Nierenkörperchen. Bei Patienten wie Mike Nitzsche aus Chemnitz (r.) arbeiten sie nicht mehr. Professor Torsten Siepmann behandelt ihn.
Die Punkte am Rand des Nierenmodells symbolisieren die Nierenkörperchen. Bei Patienten wie Mike Nitzsche aus Chemnitz (r.) arbeiten sie nicht mehr. Professor Torsten Siepmann behandelt ihn. © Andreas Seidel

In seinem Job auf dem Bau ging es ums Zupacken. Schwäche zeigen galt nicht. So war es für Mike Nitzsche aus Chemnitz nichts Ungewöhnliches, dass er sich am Wochenende nach den anstrengenden Tagen auf Montage kaputt und müde fühlte. Auch die Ausreißer beim Blutdruck nahm er nicht ernst, obwohl ein oberer Wert über 210 Millimeter Quecksilbersäule für einen Mann Mitte 30 ein Warnsignal sein sollte. „Ich habe mich damals nie mit Krankheiten beschäftigt und schob das einfach auf den Stress“, sagt er. Im Jahr 2000 kam dann ein Gichtanfall und damit die erste ausführliche Kontrolle seiner Blutwerte. Das Kreatinin war viel zu hoch. Die Konzentration dieses Stoffwechselprodukts gibt dem Arzt Aufschluss über die Nierenfunktion. Und die betrug damals nur noch 30 Prozent.

Die Nieren sind die Kläranlage des Körpers. Sie filtern etwa 300-mal pro Tag das gesamte Blut im Körper und produzieren Urin, mit dem sie Abfall- und Giftstoffe abtransportieren. Ist ihre Funktion eingeschränkt, sammeln sich die Stoffe an. Eine Vergiftung ist die Folge. Doch davon spüren viele anfangs noch nichts, denn die Nieren leiden lange im Stillen und machen keine Beschwerden. Nachlassende Leistungsfähigkeit, Unwohlsein oder Hautjucken können erste Anzeichen sein. „Sie werden aber selten mit den Nieren in Verbindung gebracht“, sagt Professor Torsten Siepmann, Chefarzt der Klinik für Nephrologie am Klinikum Chemnitz.

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Mike Nitzsche sollte sich streng eiweißarm ernähren und Salz sparen, riet ihm sein Nephrologe. „Doch wie soll das auf dem Bau gehen?“, fragte er sich. So blieb für ihn beim Essen alles beim Alten. Nicht aber bei seinen Nierenwerten, sie verschlechterten sich rapide. Auch gesundheitlich baute er ab, was mit Stress allein nicht mehr zu erklären war. Als er 2006 zur Reha kam, wurde er von dort aus gleich ins Krankenhaus überwiesen. „Sie sind doch dialysepflichtig“, lautete die schockierende Mitteilung des Arztes. Dialysepflicht heißt, dass die Nierenfunktion nur noch maximal zehn Prozent beträgt. Das ist kurz vor dem vollständigen Nierenversagen. An diesem Tag vor 15 Jahren änderte sich sein Leben.

Für Chefarzt Siepmann ist diese Patientengeschichte kein Einzelfall. Vier bis sechs Millionen Menschen in Deutschland haben eine eingeschränkte Nierenfunktion, oft ohne davon zu wissen. Um rechtzeitig gegensteuern zu können, fordert der Verband der Nephrologen Routinekontrollen von Blut und Urin. Der Check-up 35 sei dafür oft schon zu spät, wie auch das Beispiel von Mike Nitzsche zeigt. „Früher wurden viele junge Männer mit schlechten Nierenwerten bei den Musterungsuntersuchungen entdeckt. Diese Altersgruppe ist heute eine Grauzone“, sagt er. Bei jungen Frauen sei die Lage nicht ganz so prekär, denn bei ihnen würden das Blut und der Blutdruck meist regelmäßig durch den Gynäkologen überwacht.

5.600 Betroffene allein in Sachsen

„Diabetes und Bluthochdruck sind die Hauptrisikofaktoren für eine Niereninsuffizienz“, so Siepmann. Beim Diabetes verengen sich die kleinen Blutgefäße der Nieren, das Organ werde schlechter durchblutet. Eine Gefäßverengung sei auch oft Auslöser für Bluthochdruck, der die Nierengefäße langsam zerstört. „Die Nieren sind in diesem Krankheitsgeschehen aber nicht nur Opfer, sie können auch Täter sein.“ Denn kranke Nieren treiben den Blutdruck in die Höhe. Bei etwa fünf Prozent der Bluthochdruckpatienten ist eine Nierenerkrankung die Ursache. Deshalb sollten Diabetiker und Bluthochdruckkranke regelmäßig ihre Nierenwerte prüfen lassen. Am aussagekräftigsten seien dabei die Kreatinin- und Mikroalbuminwerte sowie die glomeruläre Filtrationsrate.

Die Nierenfunktion lässt mit zunehmendem Alter automatisch nach – „ab dem 40. Lebensjahr um etwa ein Prozent pro Jahr“, so Professor Siepmann. „Mit 90 Jahren könnte man also noch 50 Prozent seiner Nierenfunktion haben, wenn keine Risikoerkrankungen vorliegen.“ Wie das gelingt, schildert die Ernährungswissenschaftlerin und Biologin Andrea Flemmer in ihrem aktuellen Buch „Neustart für die Nieren“. Ihr zufolge sei es wichtig, ausreichend zu trinken und Kochsalz zu reduzieren. Da auch häufige Schmerzmitteleinnahme die Nieren schädigt, nennt sie pflanzliche Alternativen und gibt Tipps zur Gewichtsreduktion. Denn zu viel Gewicht ist oft der Wegbereiter für Diabetes und Bluthochdruck. Diese Risikoerkrankungen lassen die Nierenfunktion sehr schnell abstürzen – pro Jahr um vier bis zehn Prozent. „Da kann sich jeder selbst ausrechnen, wann er an die Dialyse muss“, sagt Chefarzt Siepmann. Das wissenschaftliche Institut der AOK hat ermittelt, dass 2019 deutschlandweit etwa 73.000 Menschen mit Dialyse behandelt worden sind, 5.600 davon in Sachsen – meist Männer im Alter von 70 plus.

Mike Nitzsche war erst Ende 30, hatte einen kleinen Sohn und war voller Pläne für die Zukunft. Jetzt musste er sich plötzlich mit Krankheiten beschäftigen. So galt es, eine für sein Leben geeignete Dialysemethode zu finden. Eine große Hilfe war ihm dabei die Chemnitzer Selbsthilfegruppe „Dialysepatienten und Transplantierte“. Diese und weitere sieben Gruppen gehören zum „Sächsischen Landesverband Niere“. „Wir beraten Patienten hinsichtlich ihrer Rechte und der sozialen Absicherung“, sagt Catrin Nitzsche – Mikes Ehefrau. Sie arbeitet seit 2009 im Verein, organisiert jetzt Weiterbildungen und Gruppentreffen.

435 Sachsen warten auf Organspende

Bei der Dialyse werden Giftstoffe und Flüssigkeiten aus dem Blut entfernt. Neben der stationären Blutwäsche, bei der Patienten bis zu dreimal wöchentlich in einer Klinik oder Spezialpraxis an eine künstliche Niere angeschlossen werden, gibt es auch die Heimdialyse. Bei dieser Behandlungsform erfolgt die Filtration des Blutes zum Beispiel über das Bauchfell. „Patienten haben das recht, die Dialyse auch zu Hause in Eigenregie durchzuführen, wenn sie dazu in der Lage sind. Das nötige Equipment muss ihnen dafür zur Verfügung gestellt werden“, sagt Catrin Nitzsche. Viele wüssten das nicht, deshalb sei die Heimdialyse auch nicht so verbreitet. Auch Mike Nitzsche entschied sich dafür, ließ sich aber auch bei Eurotransplant in die Warteliste für ein Spenderorgan aufnehmen.

Seit zwölf Jahren lebt er nun mit der Niere eines Hirntoten. Auf dem Bau arbeitet er nicht mehr, ist aber berufstätig. „Ich habe zu Dialysezeiten eine Ausbildung im kaufmännischen Bereich begonnen, die ich für die Transplantation unterbrechen musste. Doch danach legte ich die erforderlichen Prüfungen ab“, sagt er nicht ohne berechtigten Stolz.

Gemeinsam mit Jens Beyer aus Flöha engagiert er sich im Chemnitzer Verein und im Landesverband. Auf Messen, Events und vor Schulklassen klären sie über Nierengesundheit auf und sensibilisieren für die Organspende. Auch Jens Beyer lebt mit einer fremden Niere und hat jahrelange Erfahrungen mit der Dialyse. Seine Nieren waren jedoch von Kindheit an krank. Derzeit warten in Sachsen laut Eurotransplant 435 Menschen auf ein Spenderorgan, davon 315 auf eine Niere.

Mit einem fremden Organ zu leben, sei nicht einfach, sagen die beiden Männer. Viele Medikamente seien täglich nötig, damit das Organ nicht abgestoßen wird. Die Mittel senken die Immunabwehr, was in Coronazeiten eine besondere Gefährdung bedeutet. Doch bei beiden überwiegt die Dankbarkeit ihren Spendern gegenüber. Mike Nitzsche bekundete das, indem er zusammen mit anderen sächsischen Betroffenen einen Baum im „Park des Dankens, Erinnerns und Hoffens“ in Halle pflanzte. Jens Beyer schrieb den Angehörigen seines Spenders einen Brief, in dem er sich für ihre Entscheidung zur Organspende bedankte. „Ich werde gut auf das Organ Ihres Angehörigen aufpassen“, steht darin.

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