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Warum Diabetes oft spät erkannt wird

Regine Thomas aus Dresden wurde von einem Zuckerkoma überrascht. Jetzt hat sie nicht nur ihren Lebensstil umgestellt.

Von Stephanie Wesely
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Viel frisches Gemüse und eine Ernährungsumstellung helfen Regine Thomas aus Dresden dabei, ihre Blutzuckerwerte in den Griff zu bekommen.
Viel frisches Gemüse und eine Ernährungsumstellung helfen Regine Thomas aus Dresden dabei, ihre Blutzuckerwerte in den Griff zu bekommen. © Thomas Kretschel

Gemüse schnippeln und daraus bunte Pfannengerichte und Salate zubereiten, das gehört heute zum neuen Leben von Regine Thomas. Ebenso viel Bewegung. Die 58-jährige Kosmetikerin aus Dresden hat Diabetes Typ 2. Vom Ausbruch der Krankheit wurde sie völlig überrascht, wie sie sagt. Das war 2015 – an den Tag erinnert sie sich noch sehr genau.

„Ich wollte meinen Enkel nach seiner Lungenentzündung mit reichlich Vitaminen wieder aufpäppeln. Tagelang presste ich ihm frisches Obst aus. Und trank den Saft auch selbst reichlich.“ Ein Fehler, wie sie heute weiß. „Ich fühlte mich plötzlich schlecht und so kraftlos, dass ich mich kaum noch auf den Beinen halten konnte“, sagt sie. Da sie selbstständig tätig ist und noch eine Kundin erwartete, wollte sie das irgendwie schaffen. „Aus heutiger Sicht war das sogar Glück im Unglück, denn meine Kundin war Diabetes-Nanny – eine Fachschwester, die diabeteskranke Kinder begleitet. Sie erkannte sofort, was mit mir los war.“ Eine Blutzuckermessung brachte Gewissheit: 30 Millimol pro Liter (mmol/l) – normal ist ein Wert zwischen fünf und acht. Kurze Zeit später fand sich Regine Thomas in der Notaufnahme der Uniklinik Dresden wieder.

Typ-2-Diabetes ist die häufigste Form der Zuckerkrankheit. Der Körper spricht dabei immer weniger auf sein körpereigenes Insulin an. Die Leistungsfähigkeit der Bauchspeicheldrüse lässt nach, und das Körpergewicht steigt. Es gibt auch noch den Diabetes Typ 1, der nur etwa zehn Prozent aller Diabetesfälle in Deutschland ausmacht. Er entsteht typischerweise im Kindes- und Jugendalter, denn es handelt sich dabei um eine Autoimmunkrankheit. Der Körper greift seine eigenen insulinbildenden Zellen der Bauchspeicheldrüse an und zerstört sie. Betroffene müssen deshalb lebenslänglich Insulin zuführen.

Alarmsignale weggedrückt

„Ein Typ-2-Diabetes ist meistens genetisch und lebensstilbedingt“, sagt Professor Lorenz Hofbauer, Hormonspezialist am Uniklinikum Dresden. „Zudem kann die Krankheit, wie auch das Beispiel von Frau Thomas zeigt, lange Zeit unbemerkt verlaufen. Sie macht sich nicht selten erst mit einem Herzinfarkt oder Schlaganfall bemerkbar.“ Außer unspezifischen Symptomen wie Müdigkeit, Durst oder Abgeschlagenheit spürten Betroffene zuvor nichts. Und diese Zeichen würden oft einem Infekt oder zu viel Stress zugeschrieben.

Auch Regine Thomas hatte solche unspezifischen Vorboten bemerkt – und schenkte ihnen keine Beachtung. Die große Menge Fruchtzucker, noch dazu in flüssiger Form und über mehrere Tage, hat ihren Blutzucker dann entgleisen lassen. Solche Notfälle, bei denen Patienten ins Zuckerkoma fallen, sind gar nicht so selten. „Deshalb sollten besonders familiär vorbelastete Menschen, bei denen Angehörige ersten Grades ebenfalls zuckerkrank sind oder waren, regelmäßig zur Blutuntersuchung gehen“, sagt Anett Czäczine, Leiterin einer Diabetes-Schwerpunktpraxis in Chemnitz. Es müsse allerdings eine Blutuntersuchung sein, die Rückschlüsse auf die Blutzuckersituation von Wochen zuließe.

Zur Diabetes-Vorsorge wird im „Check-up 35“, den die gesetzlichen Krankenkassen ab dem vollendeten 35. Lebensjahr bezahlen, der Zuckergehalt direkt im Blut und im Urin bestimmt. Viele wähnen sich mit der Messung des sogenannten Nüchtern-Blutzuckerwertes auf der sicheren Seite. „Doch er ist nur eine Momentaufnahme. Nach dem Essen kann der Stoffwechsel schon stärker aus dem Lot geraten“, sagt Czäczine. Aussagefähiger ist ihr zufolge der Langzeitblutzucker – HBA1C-Wert genannt. Er spiegelt die Blutzuckersituation der letzten zwei bis drei Monate wider. Zur Verlaufskontrolle bei Menschen mit Diabetes ist dieser Test Kassenleistung, zur Vorsorge jedoch eine individuelle Gesundheitsleistung. Die 12 bis 14 Euro dafür müssen selbst bezahlt werden.

Der HBA1C-Test wird auch zusammen mit anderen Tests zur Diabetes-Vorsorge angeboten, die rund 30 Euro kosten, informiert der IGeL-Monitor – eine Initiative der gesetzlichen Krankenkassen. Diese sieht nach derzeitiger Studienlage keinen Nutzen im HBA1C-Test. Auch Regine Thomas fühlte sich vor dem Notfall mit der Nüchternblutzuckermessung sicher. Nichts habe auf einen Diabetes hingedeutet. Allerdings ist sie familiär vorbelastet: Ihr Vater starb an Diabetes Typ 2.

Beim Diabetes ist nicht nur der Blutzuckerspiegel erhöht. Die Krankheit führt meist zu Herz-Kreislauf-, Nieren-, Augen- oder Nervenleiden. Um das Risiko für diese Komplikationen zu senken, finanzieren die Krankenkassen strukturierte Behandlungen anhand der Diabetes-Leitlinien – das sogenannte Disease-Management-Programm (DMP). Knapp drei Viertel aller Typ-2-Diabetiker in Sachsen haben sich 2019 in dieses Programm eingeschrieben. Es ist nach Einschätzung der Barmer deutschlandweit spitze. Koordiniert durch Fach- und Hausärzte in Diabetes-Schwerpunktpraxen werden bei den Teilnehmern mindestens vierteljährlich Gewicht, Blutdruck und Langzeitblutzuckerwerte geprüft. Eigene Aufzeichnungen der Patienten über tägliche Blutzucker- und Blutdruckmessungen können dabei besprochen und ausgewertet werden.

Schlechtere Werte durch Corona

Die regelmäßigen Schulungen über Ernährung und Bewegung sowie zum Blutzuckermanagement sind coronabedingt aber oft ausgesetzt worden. „Wir haben vereinzelt noch Schulungen angeboten, doch mit weniger Patienten und unter Einhaltung der Hygieneregeln“, sagt Anett Czäczine. „Alle Patienten erreichen wir damit nicht, viele meiden solche Termine aus Angst vor einer Infektion.“ Online- oder Videoschulungen seien aber oft nicht umsetzbar, weil Patienten die technischen Voraussetzungen fehlen würden. Die Wirkung sei bereits spürbar: Während des Lockdowns hatten viele Diabetiker schlechtere Werte als vorher, so die Ärztin.

Diese Wahrnehmung deckt sich auch mit den Ergebnissen einer Analyse der DAK-Gesundheit. Im zweiten Quartal 2020 – während der ersten Coronawelle – schrieben sich 32 Prozent weniger DAK-Versicherte bei ihrem Arzt in strukturierte Behandlungsprogramme ein. Im dritten Quartal waren es 19 Prozent weniger, erklärt Christine Enenkel, Leiterin der DAK-Landesvertretung in Sachsen.

Wer sich jedoch einmal in ein solches Behandlungsprogramm eingeschrieben hat, der nutzt es regelmäßig. Dazu gehören auch mindestens jährliche Augenarztbesuche, Durchblutungsprüfungen der Arm- und Beingefäße, die Untersuchung des peripheren Nervensystem, der Nieren sowie der Herz-Kreislauf-Funktionen. Letztlich hatten nur 32 von rund 40.500 DMP-Patienten schwere Blutzuckerentgleisungen.

Sowohl Krankenkassen als auch Diabetesärzte hoffen deshalb, dass die Patienten schnellstmöglich wieder in ihre Kontrollintervalle einsteigen. Die Praxen hätten ein gutes Hygieneregime. Regine Thomas nimmt die Untersuchungen regelmäßig wahr. Sie hat ihre Ernährung und Lebensweise komplett umgestellt, seitdem sie moderne Diabetesmedikamente bekommt. Jede Mahlzeit beginnt sie nun mit Eiweiß und Gemüse. „Damit flutet der Zucker langsam an.“ Bei den Kohlenhydraten weiß sie inzwischen, was ihren Blutzucker hochtreibt: Nudeln und weißer Reis. „Kartoffeln, Glas- oder Vollkornnudeln sind bei mir nicht so schlimm. Außerdem esse ich Kohlenhydrate immer erst zum Schluss, wenn ich fast satt bin. Dann brauche ich nicht mehr so viele.“ Die guten Werte motivieren sie. Ein Zuckerkoma wie 2015 möchte sie nicht wieder erleben.

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