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Arbeit und Bildung

Resilient durch die Krise

In Krisen-Zeiten ist es besonders schwierig, Leistung zu zeigen. Arbeitnehmern, die sich in ihrem Unternehmen wohlfühlen, gelingt das leichter.

Krank zur Arbeit gehen? Laut einer Studie der AOK tun das vor allem Menschen, die ihrem Arbeitgeber eher wenig Kompetenz in der Krisenbewältigung zutrauen.
Krank zur Arbeit gehen? Laut einer Studie der AOK tun das vor allem Menschen, die ihrem Arbeitgeber eher wenig Kompetenz in der Krisenbewältigung zutrauen. © AdobeStock

Von heute auf morgen ins Homeoffice, Außendienst nur mit negativem Corona-Test oder direkt der Wechsel in die Kurzarbeit – die Pandemie hat vielen Arbeitnehmern auch in Sachsen zum ersten Mal gezeigt, wie drastisch sich der Arbeitsalltag im Krisenfall verändern kann und wie schwierig es ist, unter neuen Bedingen den gewohnten Einsatz zu zeigen. Wer sich generell in seiner Firma wohlfühlt und auch unter normalen Bedingungen schon eher anpassungsfähig ist, wurde mehrheitlich auch durch die Corona-Auswirkungen nicht aus der Bahn geworfen. Das ist ein Ergebnis des Fehlzeiten-Reports der AOK. Das WIdO, das wissenschaftliche Institut der Krankenkasse, hat dazu im Frühjahr mehr als 2.500 Beschäftigte zwischen 20 und 65 Jahren befragt.

Die große Mehrheit der Studienteilnehmer hat demnach trotz krisenbedingter Turbulenzen Vertrauen in die eigene Fachkompetenz und auch in die persönliche Fähigkeit, mit ungewöhnlichen Situationen zurechtzukommen. „Die Befragungsergebnisse zur individuellen Resilienz, also der Fähigkeit Belastungssituationen zu trotzen und sie gestärkt zu überwinden, sind insgesamt sehr positiv ausgefallen. Offenbar hat die Erfahrung, dass das eigene Unternehmen die Krise bewältigt hat, das arbeitsbezogene Selbstvertrauen der Erwerbstätigen gestärkt“, sagt Helmut Schröder, stellvertretender WIdO-Geschäftsführer und Mitherausgeber des Fehlzeiten-Reports.

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Weniger klassische Infektionen

Unterschiede gibt es, wenn es um psychosomatisch bedingte gesundheitliche Probleme geht. Ihre Zahl ist nicht ganz unerwartet während der Pandemie gestiegen. Klagten Anfang 2020 noch etwa 69 Prozent der Befragten über emotionale Probleme wie Lustlosigkeit, Nervosität oder Niedergeschlagenheit, waren es in diesem Frühjahr schon 88 Prozent. Auch der Anteil der Mitarbeiter mit mindestens einer psychosomatischen Beeinträchtigung ist höher als im vergangenen Jahr. Beschäftigte, die ihre Resilienz als eher niedrig einschätzen, berichten mehr als doppelt so häufig von Zweifeln an den eigenen Fähigkeiten als Männer und Frauen, die sich für sehr resilient halten. Besonders deutlich fiel der Anstieg der gesundheitlichen Probleme zudem bei Konzentrationsschwieirgkeiten und Schlafstörungen aus. Sie liegen in diesem Jahr um zehn beziehungsweise sieben Prozent höher als 2020. Der Wechsel ins Homeoffice und die Einschränkungen im öffentlichen Leben haben aber auch dafür gesorgt, dass sich weniger Menschen mit Atemwegserkrankungen beziehungsweise den klassischen Infekten der Erkältungszeit angesteckt haben.

Nicht zuletzt zeigt Studie, wie relevant die oft als sogenannte „weiche“ Faktoren bezeichneten äußeren Bedingungen beim Bewältigen von außergewöhnlichen Situationen sind. Beschäftigte, die ihr Unternehmen in der Krise als flexibel, die Führungskraft als Unterstützung und den Zusammenhalt im Betrieb als gut erleben, fühlen sich nicht nur individuell resilienter, sondern berichten demnach auch seltener von tatsächlichen gesundheitlichen Beschwerden.

Das zeigt sich ganz handfest in der Zahl der krankheitsbedingten Fehltage. Mitarbeiter, die der Resilienz ihres Unternehmens besonders gute Noten geben, hatten im Schnitt 7,7 krankheitsbedingte Fehltage in den letzten zwölf Monaten. Bei Erwerbstätigen, die die Unternehmensresilienz besonders schlecht bewerten, sind es dagegen 11,9 krankheitsbedingte Fehltage. Was ebenfalls auffällt: Männer und Frauen in solchen Unternehmen gehen nach eigenen Angaben häufig auch krank zur Arbeit. Offenbar überwiegt die Angst vor Repressalien oder gar vor der Kündigung im Falle des „Nichtfunktionierens“. „Insgesamt wird deutlich, dass ein offener Umgang mit Fehlern, ein guter Informationsfluss und schnelle Entscheidungen ein Unternehmen in Krisen widerstandsfähiger machen“, so Helmut Schröder.

Soziale Berufe stark betroffen

Eine aktuelle Auswertung des WIdO zum Erscheinen des Fehlzeiten-Reports zeigte im Ergebnis, dass sich der Krankenstand unter den insgesamt 15,6 Millionen AOK-versicherten Erwerbstätigen in Summe nicht verändert hat. Dahinter steht ein auf den ersten Blick scheinbar widersprüchlicher Effekt: Einerseits ist die Zahl der Arbeitsunfähigkeitsfälle im betrachteten „Pandemie-Zeitraum“ von März 2020 bis Juli 2021 gegenüber dem Vergleichszeitraum vor der Krise gesunken. Andererseits waren in der Pandemie aber längere krankheitsbedingte Ausfallzeiten der Beschäftigten zu verzeichnen.

3,2 Prozent der AOK-versicherten Berufstätigen waren zwischen März 2020 und Juli 2021 mindestens einmal wegen einer Covid19-Infektion krankgeschrieben. Besonders stark betroffen waren Menschen, die in sozialen Berufen und hier vor allem in der Kinderbetreuung arbeiteten. Genau wie Pflegekräfte oder Mitarbeiter im Handel haben sie kaum Möglichkeiten, ihre Kontakte einzuschränken. Das Gefühl, einer Krisensituation relativ schutzlos ausgeliefert zu sein, erhöht das Stresslevel und damit auch die Krankheitsanfälligkeit. Ein Umstand, der im Pflege- und Sozialbereich nicht auflösbar, aber durch arbeitnehmerfreundliche Arbeitsbedingungen zumindest abgefedert werden kann. Eine bisher zu wenig beachtete Herausforderung, die sich nicht zuletzt durch den zunehmenden Arbeitskräftemangel in den genannten Bereichen widerspiegelt.

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