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Wann landen die Luftretter wieder in Pirna?

Seit zehn Jahren meiden die Hubschrauber Pirnas Klinik. Nun soll der Landeplatz endlich in Schuss kommen.

Christoph 38 im Einsatz in Pirnas Südvorstadt. Das Pirnaer Klinikum wird regulär nicht mehr angeflogen. Seit zehn Jahren ist der Dachlandeplatz gesperrt.
Christoph 38 im Einsatz in Pirnas Südvorstadt. Das Pirnaer Klinikum wird regulär nicht mehr angeflogen. Seit zehn Jahren ist der Dachlandeplatz gesperrt. © SZ/Jörg Stock

Am letzten Aprilsonntag hatten die Leute in Pirnas Südvorstadt was zu gucken. Auf einer Wiese zwischen den Häuserzeilen war Christoph 38 niedergegangen. Der Notarzt eilte in die Nachbarschaft, der Hubschrauber wurde derweil zum Besuchermagnet. Denn während ein Rettungswagen den Patienten samt Arzt zur Klinik auf den Sonnenstein fuhr, wartete Christoph anderthalb Stunden. Selbst hinfliegen kann er derzeit nicht. Auf dem Krankenhausdach herrscht Landeverbot.

Wenn am Boden die Hilfe nicht schnell genug kommt, wenn das Gelände unwegsam ist, wenn der Patient rasch und sicher in eine Spezialklinik gebracht werden muss, startet der Rettungshubschrauber. Zwei Maschinen sind im Landkreis unterwegs. Christoph 38 aus Dresden, letztes Jahr 1.175 Mal alarmiert, und Christoph 62 aus Bautzen, mit zuletzt 1.527 Einsätzen.

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Noch mehr Hubschraubereinsätze zu erwarten

Beide Stationen werden von der DRF Luftrettung betrieben, beide verzeichneten zuletzt steigende Einsatzzahlen. Für die Deutsche Krankenhausgesellschaft kein Wunder. Man beobachte seit Jahren ein Verschwinden von Krankenhäusern aus der Fläche, sagt ein Sprecher gegenüber SZ. Zudem konzentrierten sich Bereiche, die mit komplizierten Fällen umgehen könnten, immer mehr. "Um kritische Patienten zu diesen weiter entfernten Orten bringen zu können, wird es absehbar mehr Hubschrauberflüge geben müssen."

Fliegen ist das eine, landen das andere. Im Rettungseinsatz entscheiden die Piloten, wo sie aufsetzen, etwa auf jener Wiese in der Pirnaer Siedlung. Die Landeplätze der Kliniken jedoch müssen bestimmten Vorschriften entsprechen und von den Luftfahrtbehörden zugelassen sein. Im Gegenzug kann das jeweilige Haus ein größeres Leistungsspektrum anbieten. "Krankenhäuser der erweiterten und umfassenden Notfallversorgung müssen eine Hubschrauberlandestelle vorweisen", sagt der Sprecher der Krankenhausgesellschaft.

Das Pirnaer Helios-Klinikum und sein Hubschrauberlandeplatz. Seit fast zehn Jahren ist die Plattform wegen Baumängeln außer Betrieb.
Das Pirnaer Helios-Klinikum und sein Hubschrauberlandeplatz. Seit fast zehn Jahren ist die Plattform wegen Baumängeln außer Betrieb. © Marko Förster

An den Kliniken des Landkreises gibt es fünf zugelassene Landestellen. Davon sind drei in der höchsten Kategorie eingeordnet, gelten quasi als Flugplatz. Einer dieser Plätze befindet sich auf dem Dach der Helios Weißeritztal-Kliniken in Freital, ist seit 1997 in Betrieb und wird vor allem bei Unfällen angeflogen, im Schnitt etwa einmal im Monat. Zum Vergleich: In der Dresdner Uniklinik sind es nahezu zwei Landungen pro Tag.

Einen weiteren Platz unterhalten die Sächsische Schweiz Kliniken in Sebnitz mit etwa dreißig Einsätzen jährlich. Der dritte liegt auf Pirnas Sonnenstein, über der Notaufnahme des Helios-Klinikums. Doch für die Rettungsflieger spielt das tausend Quadratmeter große Rondell derzeit keine Rolle. Es gilt eine NOTAM, Notice to Airmen, - so heißen Mitteilung über den Zustand von Luftfahrtanlagen in der Fliegersprache -, wonach der Platz gesperrt ist.

Planungsfehler schon bei der Einweihung

Die Schließung hat Sachsens Landesdirektion verfügt, "wegen erheblicher Baumängel". Bereits im August 2011 ist das passiert. Seither wurde der Flugbetrieb nicht wieder aufgenommen. Die Leute, auch die, die neulich mit Christoph 38 auf der Pirnaer Wiese standen, machen sich ihre Gedanken: Die Klinik scheue die Investition, ist zu hören. Patienten kämen ja auch mit dem Rettungswagen. Und der brauche keinen Landeplatz.

Solchen Mutmaßungen tritt Katrin Möller, die Klinikgeschäftsführerin, entschieden entgegen. Man habe ein sehr großes Interesse daran, dass der Landeplatz wieder in Betrieb gehe, sagt sie, und man befinde sich "in der Einflugschneise" was die Genehmigungen für das Sanierungskonzept betreffe. Im Herbst dieses Jahres, so ist der Plan, soll der Platz, nach aktuellem Stand der Technik ausgestattet, einsatzbereit sein.

Hubschrauberlandelätze an Kliniken der Region. Maschinen mit Ziel Helios-Klinikum Pirna landen zurzeit bei der Bundespolizei.
Hubschrauberlandelätze an Kliniken der Region. Maschinen mit Ziel Helios-Klinikum Pirna landen zurzeit bei der Bundespolizei. © SZ Grafik

Doch was geschah bisher? Offenbar stand der Landeplatzbau von Beginn an unter keinem guten Stern. Schon zur Einweihung der Klinik im Frühling 2007 war die Landezone nicht benutzbar. Ein übersehener Planungsfehler bei der Löschanlage. Dann 2011 das erneute Aus, diesmal wegen Mängeln an der Landefläche selbst.

Um die Ursachen und Verantwortlichkeiten zu klären, begann ein gerichtliches Beweissicherungsverfahren - statische Analysen, chemische Analysen, Gefällevermessungen. Ein Sachverständigengutachten wurde erstellt. In der Zwischenzeit, so erklärt Klinik-Sprecherin Birte Urban, habe man aus rechtlichen Gründen keine Sanierung einleiten können.

Hubschrauber braucht stärkere "Leitplanken"

Als das Gutachten dann vorlag, habe der Architekt des Klinikums einen Sanierungsplan für die Oberflächenanpassung und -beschichtung ausgearbeitet und zur Genehmigung eingereicht. Nur: Inzwischen hatte sich der Stand der Technik weiterentwickelt. Die Ämter machten neue und strengere Vorgaben.

Also folgten weitere Planungen: größeres Gefälle der Landefläche, stärkerer Überrollschutz, sprich "Leitplanke", für den Hubschrauber, Erweiterung der nächtlichen Beleuchtung, Vergrößerung des Flüssigkeitstanks, der, sollte es auf der Plattform zur Havarie oder zum Brand kommen, Schadstoffe zurückhält, et cetera.

Christoph 62 nimmt einen verletzten Kletterer in der Sächsischen Schweiz auf. Könnte der Flug statt zur Dresdner Uniklinik künftig auch nach Pirna führen?
Christoph 62 nimmt einen verletzten Kletterer in der Sächsischen Schweiz auf. Könnte der Flug statt zur Dresdner Uniklinik künftig auch nach Pirna führen? © Marko Förster

Die Abstimmungen laufen bis heute. Baurechtlich genehmigen muss den Plan das Pirnaer Rathaus. Von dort heißt es, man stehe mit dem Klinikum in kontinuierlichem Austausch, "sodass alle Voraussetzungen geschaffen werden können, um das Vorhaben schließlich genehmigen zu können." Danach spricht die Landesdirektion Sachsen als Luftfahrtbehörde das letzte Wort.

Klinikum: Geld für den Bau steht bereit

Im Klinikum ist man guter Dinge. Die behördlichen Freigaben würden "trotz der herausfordernden Coronazeit" zeitnah erwartet. Zahlreiche vorbereitende Maßnahmen seien bereits ergriffen und schon etwa 270.000 Euro investiert worden. Finanzielle Eigenmittel für die nächsten Schritte stünden bereit.

Inzwischen ist das Klinikum vom Luftweg nicht gänzlich abgeschnitten. Bei der Bundespolizeidirektion Pirna hat Christoph dauernd und gebührenfrei Landeerlaubnis. Krankenwagen füllen die Lücke. Christopher Neidhardt, Vizechef des DRK-Rettungsdienstes in Pirna, freut sich auf das Ende des Provisoriums. Für ihn ist klar: Der eigene Landeplatz wäre für das Klinikum und die Notfallrettung ein großer Zugewinn. "Die Kollegen dort sind echt fit."

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