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Wie Roboter helfen, den Darmkrebs zu besiegen

Liane Dintner teilt ihr Schicksal mit jährlich gut 58.000 Deutschen: Sie hat einen Tumor im Darm. Dank personalisierter Therapien sind die Überlebenschancen hoch.

Wiedersehen im OP-Saal in der Uniklinik Dresden: Professor Jürgen Weitz und Darmkrebs-Patientin Liane Dintner am Roboter „Da Vinci“.
Wiedersehen im OP-Saal in der Uniklinik Dresden: Professor Jürgen Weitz und Darmkrebs-Patientin Liane Dintner am Roboter „Da Vinci“. © Christian Juppe

Als Liane Dintner von der Diagnose erfuhr, reagierte sie erstaunlich gefasst: „Ich kann ja nichts daran ändern“, sagt die 83-Jährige, die mit ihrem Mann in Jena lebt. Eigentlich war sie Pfingsten dieses Jahres wegen Atemproblemen zum Arzt gegangen. Umso größer die Überraschung, als bei einer Koloskopie ein Tumor im Dickdarm entdeckt wurde. „Er war bereits 4,5 Zentimeter groß.“

Liane Dintner teilt das Schicksal mit gut 58.000 Menschen in Deutschland, die jedes Jahr die Diagnose Darmkrebs erhalten. Damit nimmt das kolorektale Karzinom – so der Fachbegriff – unter den häufigsten Tumorarten bei Frauen den zweiten und bei Männern den dritten Platz ein. Das mittlere Erkrankungsalter liegt zwischen dem 72. (Männer) und 76. Lebensjahr. Ein Todesurteil ist die Diagnose deshalb noch lange nicht. Knapp zwei Drittel der Patienten überleben die nächsten fünf Jahre – und diese Zahl steigt weiter.

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Mediziner unterscheiden – je nach Vorkommen – verschiedene Arten von Darmkrebs. „Etwa zwei Drittel aller Fälle betreffen den Dickdarm, ein Drittel den Enddarm und sehr wenige den Dünndarm“, erklärt Professor Jürgen Weitz. Der 54-Jährige leitet seit acht Jahren die Klinik für Viszeral-, Thorax- und Gefäßchirurgie am Dresdner Uniklinikum und ist zugleich einer der geschäftsführenden Direktoren des Nationalen Centrums für Tumorerkrankungen Dresden. In der Forschung interessiert ihn unter anderem die Frage, was das Wachstum von Tumoren beeinflusst: „Es dauert etwa zehn Jahre, bis aus einer einzelnen Tumorzelle ein sichtbarer Darmkrebs entsteht.“

Vererbung spiele dabei eher eine seltene Rolle, sagt Weitz. Weitaus häufiger trete der Krebs sporadisch auf. Das Risiko werde maßgeblich vom westlichen Lebensstil bestimmt: Fettleibigkeit, Rauchen, Genuss von rotem Fleisch, Mangel an Ballaststoffen, Bewegungsarmut. Mehr Rücksicht auf die eigene Gesundheit ist demnach die beste Vorsorge – erst recht, wenn man sie mit entsprechenden Früherkennungsuntersuchungen kombiniert. Alle Versicherten haben darauf regelmäßig Anspruch – Männer ab 50 und Frauen ab 55 Jahren. Die Kosten werden von den gesetzlichen und privaten Kassen übernommen.

Alarmzeichen beachten

Ohne die Untersuchung bleibt ein Tumor im Darm in der Regel lange Zeit unbemerkt. Alarmzeichen sollten Blut im Stuhl, unregelmäßiger Stuhlgang oder ein Darmverschluss sein, sagt Klinikchef Weitz. Solche Symptome könnten auf eine bösartige Veränderung im Enddarm oder linksseitigen Dickdarm hindeuten. Tumore im rechtsseitigen Dickdarm würden dagegen eher meist zufällig entdeckt.

So wie bei Frau Dintner. Die Rentnerin hatte nach der Diagnose den Tipp bekommen, sich an das Universitätsklinikum in Dresden zu wenden. Das hiesige Krebszentrum genießt weit über Sachsen hinaus einen exzellenten Ruf. Eine Analyse des Nationalen Centrums für Tumorerkrankungen Dresden ergab, dass Patienten, die in zertifizierten Zentren behandelt wurden, im Vergleich zu anderen Krankenhäusern deutlich bessere Überlebensraten aufweisen.

Im Dresdner Zentrum wurden vergangenes Jahr laut Weitz über 300 Darm- und 195 Leber-Operationen durchgeführt. Etwa jeder zehnte Patient sei von anderen Kliniken überwiesen worden, weil die erste Operation nicht den gewünschten Erfolg hatte – oder weil die Ärzte einen Eingriff schlicht für unmöglich hielten.

„Bei uns wird jeder einzelne Fall im Tumorboard besprochen“, sagt Weitz. An der Beratung nehmen Vertreter aller Fachdisziplinen teil, die bei der Entscheidung über die Therapie relevant sind: in erster Linie Chirurgen, medizinische Onkologen und Strahlentherapeuten, aber auch Gastroenterologen, Radiologen, Pathologen und bei Bedarf Nuklearmediziner. Bei komplizierten Fällen sei sogar der Klinikdirektor dabei. Die Herausforderung sei, für jeden Patienten die für ihn geeignetste Therapie zu finden. Diese Diskussionen verliefen keineswegs immer harmonisch, räumt der Chirurg ein. Am Ende gelinge es aber immer, einen guten individuellen Behandlungsplan zu entwickeln.

Drei OP-Methoden

Das oberste Ziel jeder Behandlung ist die vollständige chirurgische Entfernung des Tumors, unterstreicht Professor Weitz: „Nur dann gilt der Patient als geheilt.“ Doch damit ist es nicht immer getan. Bei 20 bis 25 Prozent aller Darmkrebspatienten hat der Krebs, zum Zeitpunkt der Diagnose, bereits andere Organe befallen – am häufigsten Leber und Lunge.

In der Regel entfernen Chirurgen den betroffenen Abschnitt des Dickdarms, umliegende Lymphknoten und Metastasen in einer Operation. Anschließend werden die Darmenden vernäht. Ein vorübergehend gelegter künstlicher Darmausgang (Stoma) kann den Heilungsprozess nach aufwendigen Eingriffen unterstützen.

Prinzipiell gibt es dafür drei Methoden: die offene OP mit Bauchschnitt, die minimalinvasive OP und den Eingriff mithilfe eines Roboters. Weitz: „Wir klären die Patienten ausführlich auf, geben ihnen Empfehlungen und überlassen ihnen auf dieser Basis die Entscheidung.“

Genauigkeit ist das A und O

Liane Dintner wählte letztlich die OP mittels Robotik. „Die Vorteile haben mich sofort überzeugt“, sagt sie. Professor Weitz nennt die neue Technik „einen möglichen Quantensprung“ in der Krebschirurgie. Die Wundheilung sei – ähnlich wie bei der Schlüsselloch-OP – besser als bei einer offenen Operation. Zudem könne der Chirurg noch präziser arbeiten, weil das OP-Werkzeug beweglicher ist. Und Genauigkeit ist das A und O des Eingriffs, insbesondere bei einem Enddarmkrebs. „Schneidet man zu nah am Tumor, kann es passieren, dass man nicht alles entfernt“, erklärt Weitz. „Schneidet man zu weit entfernt, können umliegende Nerven und Gefäße geschädigt werden.“ Die Folge: Kontinenz- und Potenzprobleme. Gemeinhin werde angenommen, dass bundesweit etwa jeder dritte operierte Patient davon betroffen ist. Studien, die das belastbar belegen können, gebe es aber bislang nicht.

Auch in den anderen Therapiebereichen hat die Wissenschaft in den vergangenen Jahren große Fortschritte gemacht. Davon profitieren Patienten, bei denen eine Operation allein nicht den gewünschten Erfolg erzielt. Hat der Tumor im Dickdarm eine bestimmte Größe erreicht oder Lymphknoten beziehungsweise andere Organe befallen, empfehlen Ärzte im Anschluss eine Chemotherapie. Sie soll das Risiko eines Rückfalls mindern.

Das Problem: Nicht immer sind die Tochtergeschwülste mit den bildgebenden Verfahren erkennbar. Deshalb sei es ein großer Fortschritt, dass man DNA-Spuren des Tumors inzwischen sogar mittels Blutprobe finden und so auch Tochtergeschwülste erkennen könne, sagt Professor Gunnar Folprecht, Bereichsleiter Onkologie an der Medizinischen Klinik 1 des Dresdner Uniklinikums. „Wir untersuchen gerade in einer Studie, wie sich bei diesen Patienten eine Chemotherapie auswirkt.“

Bestrahlung vor dem Eingriff

Metastasen, insbesondere in Leber und Lunge, sind immer noch die häufigste Todesursache bei Krebs. Auch hier ist eine Heilung nur bei einer vollständigen chirurgischen Entfernung möglich. Um nicht- operable Metastasen zu bekämpfen oder einen chirurgischen Eingriff überhaupt erst zu ermöglichen, setzen Ärzte in der Regel auf eine Kombination von Chemo- und Antikörper-Therapie.

Neuesten Forschungen zufolge könnte bei einem kleinen Teil der Patienten allein eine Immuntherapie mit Antikörpern ausreichen, so Folprecht. Voraussetzung sei, dass die Metastasen des Tumors über ihre Mutationen vom Immunsystem erkannt werden können. Kleinere Metastasen, insbesondere in der Leber, könnten in bestimmten Fällen auch auf dem Wege einer Ablation, also mittels Hitze, zerstört werden.

Bei Enddarmkrebs (Rektumkarzinom) raten Ärzte bereits vor dem Eingriff zu einer Bestrahlung und gegebenenfalls einer Chemotherapie, wenn der Tumor bereits stark gewachsen ist beziehungsweise sich in der Nähe des Schließmuskels befindet. Ziel ist das Schrumpfen des Tumors, um den Eingriff zu erleichtern. In etwa 15 Prozent aller Fälle mache die Bestrahlung eine OP sogar überflüssig, sagt Weitz. Bei weniger fortgeschrittenen Tumoren könne man auch ohne vorherige Bestrahlung operieren, ergänzt Folprecht. Präzise MRT-Bilder lieferten die Entscheidungshilfe.

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Die OP von Liane Dintner liegt inzwischen dreieinhalb Monate zurück. Chemotherapie und Bestrahlung blieben ihr erspart. Noch heute ist sie des Lobes voll: „Am zweiten Tag hatte ich schon Physiotherapie, am dritten konnte ich Treppensteigen, am fünften wurde ich entlassen.“ An den Eingriff erinnern sie nur noch kleine rote Punkte auf der Haut.

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