SZ + Leben und Stil
Merken

Saunieren wie die Finnen

Maaria Alén ist Saunatherapeutin und führt in das Geheimnis des Schwitzens ein. Für sie nützt das nicht nur dem Immunsystem.

Von Katrin Saft
 7 Min.
Teilen
Folgen
Saunatherapeutin Maaria Alén (Foto li.) bringt fürs Schwitzritual auf dem Hausboot Birkenzweige mit. Das Abklopfen damit regt nicht nur die Durchblutung an.
Saunatherapeutin Maaria Alén (Foto li.) bringt fürs Schwitzritual auf dem Hausboot Birkenzweige mit. Das Abklopfen damit regt nicht nur die Durchblutung an. © Bildstelle

Maaria Alén hat Birkenzweige geschnitten. Die Saunatherapeutin braucht sie für ihr Ritual. Denn Saunieren ist in ihrer Heimat Finnland mehr als Schwitzen. Die 51-Jährige führt Gäste in die Geheimnisse der finnischen Saunakultur ein – auf einem Holzboot, mitten auf einem See unweit von Helsinki.

Der Ort ist kein ungewöhnlicher. Denn während Corona in Deutschland gerade wieder das gemeinschaftliche Saunieren einschränkt, tun es die Finnen überall: in ihren Wohnungen, in Kellern von Mehrfamilienhäusern, in Betrieben und Schulen. Zu fast jedem Ferienhaus gehört eine Holzhütte, die zum Abkühlen nah am Wasser stehen sollte. „Es gibt in Finnland mehr als zwei Millionen Saunen – bei nur fünf Millionen Einwohnern“, sagt Maaria Alén.

© Bildstelle

Wer privat keine habe, nutze eine der öffentlichen Saunen, die sich an den verrücktesten Plätzen befinden: in großen Eichenfässern, in einer Riesenrad-Gondel am Helsinkier Hafen oder in einem umgebauten Oldtimer. Selbst die neue Konzerthalle der Stadt Lahti, die akustisch zu den besten der Welt zählt, verfügt über eine Sauna. Und so auch das Holzboot, das sich stundenweise zum Saunieren mit anschließendem Grillvergnügen mieten lässt.

Ein Hut gegen die Hitze

Normalerweise schwitzen die Finnen nackt, nach Männlein und Weiblein getrennt. Doch in gemischten Gruppen wird Badebekleidung getragen, wenn es sich nicht gerade um den privaten Freundeskreis handelt. Alén bittet die Gäste, sich einen Filzhut aufzusetzen. „Damit wird der Kopf nicht so heiß, und man hält die Hitze länger aus“, erklärt sie.

Die meisten Finnen gehen mindestens zweimal pro Woche in die Sauna, im Winter noch häufiger. Auch wenn sie damit Weltmeister sind, was sogar die Unesco anerkannt hat, haben sie das Saunieren nicht erfunden. Vorläufer soll es schon in der Steinzeit gegeben haben, zur Körperreinigung. „Die Kirche störte sich später offenbar an der Nacktheit“, sagt Alén. „Unter dem Vorwand, dass die Sauna Geschlechtskrankheiten verbreite und Holzverschwendung sei, verschwand sie in vielen Ländern.“

Nur die Finnen hätten sich die Tradition nicht austreiben lassen. Sogar Kinder seien früher in der Sauna geboren worden – bei gemäßigten Temperaturen, die der Muskelentspannung dienten. Heute werden selbst Babys in die Sauna mitgenommen. Alén: „Meinen Sohn war beim ersten Mal drei Monate alt.“

Der Kapitän hat den Ofen auf dem Boot bereits angeheizt, traditionell mit Holz. Denn das soll die beste Hitze entwickeln, wobei in den Städten inzwischen auch Strom genutzt wird. Üblich sind Temperaturen von 75 bis 85 Grad Celsius. „Vor allem Männer saunieren auch gern mal bei bis zu 100 Grad“, sagt Alén.

Sieht wie Selbstgeißelung aus, ist aber gesund

Viele Studien belegen den gesundheitlichen Nutzen des Schwitzens. Die erhöhte Körpertemperatur wirkt wie ein künstliches Fieber gegen Krankheitserreger, stärkt das Immunsystem und die Abwehrkräfte. Das anschließende Abkühlen mit kaltem Wasser regt Stoffwechsel und Kreislauf an. Die Sauna ist die Apotheke der Armen, sagen die Finnen. Und ein Sprichwort behauptet: „Wenn Sauna, Schnaps und Tee nicht helfen, dann ist die Krankheit wohl tödlich.“

Für Maaria Alén hat Saunieren aber auch eine spirituelle Kraft. „Es hilft uns, in Kontakt mit unserem Innersten zu kommen, zu verstehen, wer wir sind und ein neues Bewusstsein zu entwickeln“, sagt sie und gießt Wasser auf die heißen Steine. Die aufsteigenden Dämpfe und die damit verbundene Hitzewelle heißen auf Finnisch Löyly und sollen entspannend wirken. Leider sei der Aspekt der geistigen Reinigung etwas in den Hintergrund getreten. Alén bittet die Gäste, die Augen zu schließen, zwei Finger in eine Schale mit Wasser zu stecken und an einen Verstorbenen zu denken. Anschließend schüttet sie das Wasser auf die Steine und öffnet kurz die Tür, damit der Dampf zum Himmel aufsteigen kann. Ein besonders zu Halloween beliebtes Ritual, das den Kontakt mit den Toten ermöglichen soll. Man muss ja nicht daran glauben.

Wissenschaftlich belegt dagegen ist der Effekt, den sie mit ihrem Büschel aus Birkenzweigen auslöst: Das Abklopfen des Körpers damit sieht wie Geißeln aus, regt aber auf wohltuende Weise die Durchblutung an. Birke hat den Vorteil, dass die Blätter nicht abfallen. Doch die Saunatherapeutin nutzt auch andere Zweige: von Ahorn, Eiche, Erle oder Linde zum Beispiel. Denn beim Abklopfen werden gleichzeitig natürliche Düfte frei. „Halten Sie die Zweige mal dicht ans Gesicht und atmen Sie tief ein“, sagt sie. So lasse sich die Entspannung noch steigern.

Das gute alte Sauna-Bier

Feste Regeln gibt es in einer finnischen Sauna nicht. Jeder geht raus, wenn es ihm persönlich zu heiß wird – und kommt nach der Abkühlung wieder rein. Vor allem jetzt, in der dunklen und kalten Jahreszeit, ziehen die Finnen diesen Wechsel auch gern den ganzen Sonntag lang hin, am besten mit Freunden in der urigsten Form – einer Rauchsauna.

Das Anfeuern im klassischen Holzhaus gilt als hohe Kunst. Dazu wird ein Steinhaufen über sechs Stunden mit Holzscheiten angeheizt. Das offene Feuer braucht viel Zuwendung. Nicht umsonst heißt es, dass es immer zwei Rauchsaunen gibt. Die erste sei schon abgebrannt! Da der Abzug fehlt, breitet sich der Rauch überall aus und setzt sich an Wänden und Bänken fest, die oft schon kohlrabenschwarz sind. Ist das Feuer erloschen, wird die Tür geöffnet, gelüftet und ein starker Aufguss gemacht.

Erst dann dürfen die Saunagäste kommen. Wenn es zischt, ist das nicht immer das Wasser, das auf den heißen Steinen verdampft, sondern der Verschluss einer Bierdose. In der Rauchsauna darf getrunken und geredet werden. Schließlich dauert der Aufenthalt in der molligen, erträglicheren Wärme dank der häufigen Abkühlpausen Stunden. Weil Licht oft nur schummrig durch ein Fensterchen fällt, entsteht eine intime Atmosphäre. „Wir erzählen uns hier auch Dinge, die wir sonst niemandem anvertrauen würden“, sagt Samu Lescelius, der auf dem Land selbst eine Rauchsauna betreibt. Noch Stunden später haftet der Räuchergeruch an Haut und Haaren. Das muss man mögen.

Für Jaakko Blomberg aus Helsinki haben die finnischen Saunarituale auch einen sozialen Aspekt. Sie dienen der Kontaktpflege und des geselligen Beisammenseins. Damit alle Menschen daran teilhaben können, organisiert er in der finnischen Hauptstadt einen jährlichen Saunatag. „Privatleute, Hotels oder Firmen öffnen dann jeweils am zweiten Sonnabend im März ihre Saunen für die Öffentlichkeit“, sagt er. Nachdem das Event in diesem Jahr coronabedingt leider ausfallen musste, hofft er auf 2022.

Das wohlige Gefühl danach

In finnischen Saunen, so heißt es, wird auch so manche wichtige politische und wirtschaftliche Entscheidung getroffen. Dass da was dran sein muss, zeigt ein Beispiel aus der Stadt Lahti. „Wir haben einen schönen Konferenzraum hoch oben in einem Turm“, sagt Stadtführerin Eija Villberg-Kilpinen. Der Ausblick von dort sei zwar sensationell. Doch da es im Turm keine Sauna gebe, lasse sich der Raum nur schwer vermieten.

Auf dem Holzboot mitten auf dem See hat Saunatherapeutin Maaria Alén inzwischen ein Fußbad zubereitet: aus Fichtenzweigen, Vogelbeeren, Salz und Wasser. Die Saunierenden sollen erspüren, wie die Nadeln an den Fußsohlen piksen. Das wirke durchblutend, fast wie eine Fußreflexzonenmassage. Zum Abschluss empfiehlt sie ein Gesichtspeeling aus Honig und Sanddornextrakt. „Es gibt bei uns sogar speziellen Saunahonig“, sagt sie. Der sei aber unnötig. Honig von Lidl tue es auch. Dann heißt es, mutig sein und in den neun Grad kalten See springen.

Das Schönste kommt zum Schluss. Die Finnen nennen es „Nach-der-Sauna-Glückseligkeit“ – das wohlige Gefühl, Körper und Seele gereinigt und sich selbst etwas Gutes getan zu haben.

Die 15 schönsten öffentlichen Saunen in Finnland finden Sie hier.