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Leben und Stil

Schön, aber tödlich - Jetzt blühen die Herbstzeitlosen

Ihre rosa bis violetten Blütenblätter zieren zurzeit die Spätsommerwiesen: Doch die Herbstzeitlose ist auch eine Gefahr für Mensch und Tier.

Die Herbstzeitlose blüht.
Die Herbstzeitlose blüht. © dpa-tmn

Frankfurt. Sie schert sich nicht um die üblichen Blühzeiten, sondern blüht im September wie ein verspäteter Krokus. Deshalb ist diese unbotmäßige Blume als "Herbstzeitlose" bekannt. "Colchicum autumnale" nennen die Biologen das lilienartige zart-lila Kraut nach dem antiken Kolchis an der georgischen Küste. Dort soll die Schamanin Medea gelebt und stets "guten Rat" gegen alle Gebrechen gewusst haben, wie ihr griechischer Name verrät. Aus ihrem Kessel spritzten Tropfen, aus denen eine Blume wuchs: schön und tödlich wie die Zauberin.

Soweit der Mythos. Aber was macht die Pflanze so gefährlich, dass in Hessen ganze Schülerscharen ausziehen, um die Herbstzeitlose auf naturgeschützten Wiesen auszurotten? "Die Herbstzeitlose ist gefährlich", sagt Förster Michael Heilmann dem Evangelischen Pressedienst (epd). Er hatte im Juni mit einer Schulklasse des Kreutzburg-Gymnasiums in Großkrotzenburg die Knollen der Blume aus den Wiesen des Naturschutzgebiets "Schifflache" südlich von Hanau ausgestochen. "Rinder, Schafe und Pferde erkennen sie zwar auf den Weiden und meiden sie, aber später sterben sie dann am Heu", erläutert der Förster.

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Das Forstamt braucht die ansässigen Landwirte, um jene Wiesen zu pflegen, auf denen auch Orchideen wachsen und andere Blumen, die geschützt werden, um die Insekten zu fördern. Extensive Nutzung, heißt das. Aber: "Das Heu darf nicht in die Kompostierungsanlage, sondern muss als Sondermüll verbrannt werden, und das ist nicht zu bezahlen", fährt Heilmann fort. Deshalb kommt es als Heu in die Ställe - ohne die Herbstzeitlose. Denn auch über die Milch kann sie noch Menschen vergiften.

Als "Hexenfürze" bezeichnet

Die Gattung Colchicum ist aufgrund ihres hochgiftigen Alkaloids Colchicin auch für Menschen gefährlich. Schon die alten Griechen nannten sie "Ephemeron": die an einem Tag den Tod herbeiführt - über Erbrechen und blutige Durchfälle bis zur Atemlähmung. Das Colchicin ist ein Kapillar- und Mitosegift, das die Zellteilung hemmt. Deshalb wird das verwandte Demecolcin in der Krebstherapie eingesetzt. Seit einigen Monaten wird Colchicin auch als potentielles Medikament gegen Covid-19 erprobt.

Im Mittelalter wurden die Pflanzen vom Volk als "Hexenfürze" gebrandmarkt, wie Franz Söhns, ein ausgewiesener Kenner der Volkssprache, noch Anfang des 20. Jahrhunderts wusste. Im katholischen Schlesien dagegen nannte man "Colchicum autumnale" auch "Michaelsblume", weil sie am Festtag des Erzengels Michael am 29. September blühte. In Pestzeiten trug man die Wurzel um den Hals. Der Botaniker Heinrich Marzell kannte insgesamt 500 volkstümliche Namen für die Herbstzeitlose.

Ihre Laubblätter ähneln fatal denen des Bärlauch. Erst Anfang Mai dieses Jahres ist in Bayern ein 48 Jahre alter Mann gestorben, der vermeintlich Bärlauch gepflückt und eine bittere Soße daraus bereitet hatte. Nur wenige Löffel davon haben ihn das Leben gekostet. Kein Wunder: "Fünf Gramm der Colchicum-Samen sind für einen ausgewachsenen Menschen tödlich, für Kinder bereits ein Gramm", so Heilmann.

Maiglöckchen, Herbstzeitlose und Bärlauch kann man schnell verwechseln.
Maiglöckchen, Herbstzeitlose und Bärlauch kann man schnell verwechseln. © kairospress

Dabei gibt es ein unverwechselbares Unterscheidungskriterium: Zerriebene Bärlauchblätter riechen nach Knoblauch. Die Blätter der Zeitlosen nicht. Auch die Blätter des giftigen Maiglöckchens lassen sich leicht mit dem Bärlauch verwechseln. Auch sie riechen nicht nach Knoblauch.

Die Herbstzeitlose treibt im Frühsommer keine Blüten wie Bärlauch und Maiglöckchen mit ihren weißen Sternchen und Glöckchen, sondern bildet inmitten eines Trichters aus breiten, lanzettlichen Laubblättern eine Kapselfrucht aus. Sie reift im Sommer, ihre Samen werden von Ameisen und vom Wind weitergetragen. Deshalb vermehrt sie sich rasch.

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Die rosa bis violetten Blütenblätter, die zu einer Röhre verwachsen sind, erscheinen erst im Spätsommer: ohne Laubblätter, weshalb die Blume auch "nackte Jungfer" oder von den Franzosen "dame sans chemise" ("Dame ohne Hemd") genannt wird. Die letzten Hummeln des Jahres bestäuben sie, oder sie befruchtet sich selbst. Bis zu 20 Zentimeter muss der Pollen dann durch die Blütenröhre hinab wandern, um den unterirdischen Fruchtknoten zu erreichen. (epd)

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