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Warum bringen sich Menschen um?

Der Fall von Solingen erschüttert Deutschland. Eine Psychologin über Warnsignale und Hilfsangebote.

Teddys und Kerzen für die Kinder von Solingen. Ihre Mutter hatte sie getötet, anschließend wollte sie sich selbst umbringen.
Teddys und Kerzen für die Kinder von Solingen. Ihre Mutter hatte sie getötet, anschließend wollte sie sich selbst umbringen. © Roberto Pfeil/dpa

Zwar sinken in Deutschland die Selbstmordzahlen. Trotzdem kommt es immer wieder zu schockierenden Taten wie in Solingen, wo eine Mutter erst ihre fünf kleinen Kinder ermordete und sich danach selbst das Leben nehmen wollte.

In dieser Woche war Welttag der Suizidprävention. Seit 17 Jahren wird er begangen, um über das Thema zu reden, aber auch, um die Verstorbenen zu betrauern und ihrer zu gedenken. Damit es gar nicht erst soweit kommt, hat Prof. Dr. Susanne Knappe mit ihren Mitstreitern ein für Jugendliche gedachtes Netzwerk für Suizidprävention in Dresden gegründet. Die SZ sprach mit der psychologischen Psychotherapeutin.

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Frau Prof. Dr. Knappe, warum bringen Menschen sich um?

Wir wissen aus Nachgesprächen mit denjenigen, wo der Versuch misslungen ist, dass es häufig ein Ausdruck allerhöchster, größter Not ist. Sie sehen in dem Moment keinen Ausweg mehr. Nur bei etwa zehn Prozent der betroffenen Jugendlichen und fünf bis zehn Prozent der Erwachsenen kommt es scheinbar aus dem Nichts ganz plötzlich zu dieser impulsiven Handlung.

Aktuell ist die Republik erschüttert vom Fall der jungen Mutter aus Solingen, die ihre Kinder umbrachte. Was hat die Frau zu so einer Tat getrieben?

Das ist tragisch. Hier scheint eine ganz massive Notlage eingetreten zu sein, vielleicht eine Überforderung. Wir wissen es nicht. Sechs Kinder zu händeln ist nicht einfach, die Familie hat wie die meisten unter Corona Veränderungen erfahren. Vielleicht war die Mutter auch vorbelastet. Es ist schwierig, etwas aus der Ferne dazu zu sagen. Soweit ich das aus der Presse weiß, gab es vorher Kontakte zu einem Hilfesystem, die nicht genutzt wurden. Vielleicht war das Hilfsangebot nicht passend oder die Entscheidung war längst getroffen.

Welche Lebensphasen oder Auslöser können Suizidgedanken befördern?

Bestimmte Gruppen sind dafür empfänglich: Jugendliche, Alleinstehende, Ältere, oder Personen, bei denen das Leben aus den Fugen gerät, wo Krisen auftreten wie Schwierigkeiten in der Partnerschaft oder Trennung, drohender Verlust oder tatsächlicher Verlust des Arbeitsplatzes. Unter Jugendlichen ist Suizid weltweit die zweithäufigste Todesursache. Eine Depression ist ein deutlicher Risikofaktor für Suizidalität. Im Alter zwischen 13 bis 15 Jahren und im mittleren Erwachsenenalter von 30 bis 45 Jahren ist die Wahrscheinlichkeit, daran zu erkranken, auch höher. Grundsätzlich kann eine Depression aber zu jedem Zeitpunkt des Lebens auftreten. Es gibt auch Suizide ohne eine begleitende psychische Erkrankung, aber in der Mehrzahl der Fälle geht sie voraus oder besteht zeitgleich.

Prof. Dr. Susanne Knappe hat in Jena studiert und leitet die Ambulanz für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie an der TU Dresden.
Prof. Dr. Susanne Knappe hat in Jena studiert und leitet die Ambulanz für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie an der TU Dresden. © Ronald Bonß

Woran erkenne ich, dass jemand in eine seelische Notlage geraten ist?

Das von außen wahrzunehmen, ist manchmal schwierig, weil die Betroffenen sich nicht immer mitteilen. Aber manchmal kommt eine Ankündigung wie: Mir ist das zu viel, ich weiß nicht mehr, wie ich das schaffen soll. Wenn sich eine Hoffnungslosigkeit, eine Traurigkeit im Gespräch ausdrückt oder ein Rückzug stattfindet, können das Anzeichen sein. Oder wenn jemand häufiger weint oder weniger Emotionen zeigt, Dinge nicht mehr tut, die er früher gern getan hat, schnell gereizt ist. Bei Schülern kommen Fehlzeiten dazu, eine Verschlechterung in der Schule. Appetit, Engagement, Verlässlichkeit lassen nach.

An wen kann man sich wenden, wenn man in einer Krise steckt?

Es gibt ganz viele Möglichkeiten. Zum einen kann man sich per Telefon oder Email an anonyme Angebote wenden. Es gibt Beratungsstellen, bei denen Jugendliche bis zu fünf Termine wahrnehmen können. Oder man kann einen niedergelassenen Psychologischen Psychotherapeuten oder im Notfall eine Klinik aufsuchen.

Wie kann man es schaffen, trotz Stress und Krisen gesund zu bleiben?

Es gibt leider nicht die Strategie, die für alle passt. Was aber immer richtig ist, ist: Den Mund aufmachen, sich mitteilen.

Mehr Selbstmorde als Verkehrstote:

Begingen 1998 in Deutschland 11.644 Menschen einen Suizid, waren es 2018 noch 9.396. Das sind elf Selbstmorde pro 100.000 Einwohner. Aktuellere Zahlen liegen nicht vor.

Mehr Selbstmorde als Verkehrstote:

Trotzdem sterben mehr Menschen durch ihre eigene Hand als bei Verkehrsunfällen, durch Gewalttaten oder illegale Drogen.

Mehr Selbstmorde als Verkehrstote:

Knapp die Hälfte hat sich erhängt, etwa 1.700 haben sich vergiftet, erschossen oder sich vor ein sich bewegendes Objekt gelegt oder geworfen, wie der Selbstmord mittels Zug im Amtsdeutsch bezeichnet wird.

Mehr Selbstmorde als Verkehrstote:

In Sachsen haben sich 2018 insgesamt 619 Menschen umgebracht – so viele wie in keinem anderen ostdeutschen Bundesland. Am höchsten ist die Selbstmordrate in Bayern (1.671), Nordrhein-Westfalen (1.402) und Baden-Württemberg (1.236).

Mehr Selbstmorde als Verkehrstote:

Die Weltgesundheitsorganisation und die International Association for Suicide Prevention haben den Welttag der Suizidprävention zum ersten Mal 2003 ausgerufen.

Mehr Selbstmorde als Verkehrstote:

Hilfe gibt es kostenlos am Telefon: Nummer gegen Kummer 1 116111 (Mo bis Sa 14 bis 20 Uhr, Mo, Mi, Do zusätzl. von 10 bis 12 Uhr. Samstags von Jugendlichen für Jugendliche); Telefonseelsorge 1 08001110111 (immer erreichbar)

Hilfe gibt es auch per E-Mail: www.jugendnotmail.de; www.youth-life-line.de. Speziell von Jugendlichen für Jugendliche sind die Angebote www.nethelp4u.de, www.u25-deutschland.de

... und per Chat: www.online.telefonseelsorge.de oder www.neuhland.beranet.info

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Sie haben ein Netzwerk für Suizidprävention mitbegründet. Wo setzt es an?

Bei Schülern der achten bis zwölften Klassen. Seit 2018 bietet das Netzwerk Workshops in Schulen an, in denen zwei Trainer mit den Jugendlichen über psychische Belastungen und Suizidalität sprechen. Wir zeigen ihnen, wo und wie sie professionelle Hilfe bekommen, damit nicht diese Ausweglosigkeit und Hoffnungslosigkeit entsteht. Konkret schauen wir uns mit ihnen an, was sie eigentlich stresst und wie sie damit umgehen. Das sind oft die schulischen Anforderungen, aber auch individuelle Dinge wie Ärger mit Freunden oder familiäre Schwierigkeiten. Manche zocken dann, andere machen Sport, telefonieren mit Freunden. Für uns geht es vor allem darum, sie in dem zu bestärken, was sie schon Hilfreiches haben. Wir wollen auch vermitteln, dass sie sich in dem Moment, wo eine Krise eintritt und diese Strategien nicht mehr ausreichen, Hilfe von Gleichaltrigen, Erwachsenen oder Profis holen. Wir zeigen das Hilfesystem und kommen ins Gespräch. Keiner kommt wegen übermäßiger Prüfungsangst „in die Klapse“. Solche Mythen oder Befürchtungen schwingen aber mit. Sich Hilfe zu suchen, ist relativ leicht, denn die Angebote sind da. Wichtig ist der erste Schritt: Sich mitteilen. Es passiert einfach, wenn man fragt. Es passiert etwas, wenn man nicht fragt.

Bewirken die Gespräche etwas?

Ja, wir haben bislang mit knapp 600 Schülern gearbeitet. Unsere erste Auswertung zeigt, dass Jugendliche ab 14 Jahren eher bereit sind, sich Hilfe zu suchen und sich anzuvertrauen. Ihre Einstellung hat sich verändert, das Wissen ist gestiegen, was sie in Notsituationen machen können.

Warum ist die Arbeit des Netzwerkes auf Dresden beschränkt?

Das war sie zunächst, um den Nutzen und die Umsetzbarkeit eines solchen Präventionsangebotes für Schüler zu zeigen. Mittlerweile haben wir Anfragen aus Görlitz, Bautzen, Meißen, dem Erzgebirgskreis. Der Bedarf besteht offensichtlich. Daher wollen wir die Arbeit über Dresden hinaus unbedingt fortsetzen.

Das Gespräch führte Susanne Plecher.

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Anmerkung der Redaktion: Aufgrund der hohen Nachahmerquote berichten wir in der Regel nicht über das Thema Suizid, außer es erfährt durch die Umstände besondere Aufmerksamkeit. Wenn Sie selbst unter Stimmungsschwankungen, Depressionen oder Selbstmordgedanken leiden oder Sie jemanden kennen, der daran leidet, können Sie sich bei der Telefonseelsorge helfen lassen. Sie erreichen sie telefonisch unter 0800/111-0-111 und 0800/111-0-222 oder im Internet auf www.telefonseelsorge.de. Die Beratung ist anonym und kostenfrei, Anrufe werden nicht auf der Telefonrechnung vermerkt.

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