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Vasektomie: Was Sterilisation wirklich für Männer bedeutet

Der Radebeuler Urologe Andreas Rothert sterilisiert mehrere Männer pro Woche. Hier erklärt er, wie es danach um Männlichkeit und Sex bestellt ist.

Was Dr. Andreas Rothert da ins Bild hält, ist keine Schere. Und er schneidet damit auch nichts ab. Mit der spitzen Vasektomie-Klemme durchtrennt der Radebeuler Urologe Samenleiter. Seit zwölf Jahren sterilisiert er Männer.
Was Dr. Andreas Rothert da ins Bild hält, ist keine Schere. Und er schneidet damit auch nichts ab. Mit der spitzen Vasektomie-Klemme durchtrennt der Radebeuler Urologe Samenleiter. Seit zwölf Jahren sterilisiert er Männer. © René Plaul

Dresden. Drei Kinder sind genug, zumindest für Marcel Lehmann* und seine Frau. „Als unsere Familienplanung abgeschlossen war, stand für uns die Frage, wie wir künftig verhüten wollen“, sagt der selbstständige Dresdner. Seine Frau hatte jahrelang die Pille genommen und wollte keine Hormone mehr schlucken. Daher waren weder Spirale noch Verhütungsstäbchen eine Option. „Für uns war dieser Eingriff die vernünftigste Entscheidung“, erklärt er, warum er eine Vasektomie vornehmen und sich sterilisieren ließ.

„Gerade für die ältere Generation ist die Verhütung noch Sache der Frau“, sagt Dr. Andreas Rothert. Der Urologe aus Radebeul führt seit zwölf Jahren Sterilisationen bei Männern durch, inzwischen mehrere pro Woche. Er gehört zum bundesweiten Netzwerk der Vasektomie-Experten, zu dem sich 228 niedergelassene Ärzte zusammengeschlossen haben. Rothert weiß, dass es für die meisten deutschen Männer – anders als in Kanada, Großbritannien oder Korea– völlig unvorstellbar ist, Hand an die eigene Männlichkeit legen zu lassen. Die Erfahrung hat auch Lehmann gemacht. „Ich finde das abstrus: Dass die Frau die Pille nimmt, wird als normal angesehen. Aber wenn es heißt, ich habe mich sterilisieren lassen, verziehen alle die Gesichter und atmen tief ein“, sagt er. Er redet offen über den Eingriff, seinen Namen mag er in Verbindung damit dennoch nicht in der Zeitung lesen. „Das Thema ist für die meisten noch immer ein Tabu“, sagt er.

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Was wird bei der Vasektomie gemacht?

Prinzipiell werden beide Samenleiter unter lokaler Betäubung durchtrennt. Weil dadurch keine vom Hoden produzierten Spermien mehr in das Ejakulat gelangen können, führt der Eingriff zur dauerhaften Unfruchtbarkeit. Rothert wendet dafür ein minimalinvasives Verfahren an und kommt ohne Skalpell aus. Er ertastet den Samenleiter oberhalb des Hodens im Hodensack, spritzt eine lokale Betäubung und fixiert den Samenleiter mit einer Klemme von außen. Mit einem zweiten, spitzen Vasektomie-Klemmchen öffnet er dann vorsichtig die Haut auf zwei bis drei Millimeter. Durch diese kleine Wunde präpariert er den Samenleiter frei, zieht ihn in einer kleinen Schlaufe heraus, klemmt ihn ab und durchtrennt ihn. Ein Stück wird zur Gewebeuntersuchung zum Pathologen geschickt. Dann verödet der Arzt die Enden des Samenleiters mit einer Strompinzette und vernäht sie. Der gesamte Eingriff dauert nicht länger als 15 Minuten. „Die Samenleiterenden werden dreifach verschlossen. Da geht nie wieder etwas durch“, sagt Rothert. Bei der klassischen Vasektomie wird die Haut mit einem Skalpell geöffnet, die Wunde ist mit etwa einem Zentimeter etwas größer. Sterilisationen sind auch mit einem Clipverfahren möglich, bei dem der Samenleiter mit einem Clip unterbrochen wird.

Tut eine Vasektomie weh?

Ja, aber meist nur kurz. „Das sind winzige Wunden, die schnell verheilen. Aber Männer sind sehr empfindlich in dem Bereich“, erklärt Rothert. Viele Patienten haben nach der OP ein Druckgefühl und leichtes Ziehen bei anfänglicher Belastung. „Es war keine Tortur, aber ein bisschen so, als hätte man einen Fußball unten rein bekommen“, beschreibt Marcel Lehmann, wie sich sein Intimbereich noch zwei bis drei Wochen nach dem Eingriff angefühlt hat. Ein Eisbeutel hat ihm anfangs gute Dienste geleistet. Ist man schmerzfrei, ist der erste Sex schon nach vier bis fünf Tagen möglich. Nach einer klassischen Vasektomie klagten Patienten früher gelegentlich über chronische Hodenschmerzen. Die neueren, sanfteren Methoden haben solche Komplikationen nur sehr selten.

Fühlt der Mann sich noch als Mann?

„Die Vasektomie ist keine Kastration“, sagt Rothert. „Sie hat nichts mit dem Verlust von Männlichkeit zu tun“, entkräftigt er die größte Angst seiner Patienten. Der Vater von vier Kindern hat sich selbst sterilisieren lassen und versichert: Abgesehen von der Zeugungsfähigkeit seien die Organe funktionstüchtig. Steifwerden des Penis, Orgasmus und Samenerguss seien nicht beeinträchtigt, informiert die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA). Auch die Libido bleibe unverändert. Die Spermien machen nur etwa fünf Prozent des Ejakulates aus. Daher hat die Sterilisation kaum eine spürbare Auswirkung auf die Menge der Samenflüssigkeit. Sterilisierte Männer seien im Bett entspannter und unbeschwerter. „Ich fühle mich mindestens so männlich wie vorher“, sagt auch Lehmann. „Es funktioniert alles, und der Sex ist jetzt total unkompliziert.“ Man müsse sich keine Gedanken mehr machen, dass das Kondom verrutsche oder reiße und könne sich ganz der Lust hingeben.

Ist man sofort unfruchtbar?

Nein. Trotz des Eingriffs sind am Anfang noch Spermien in den Samenblasen gespeichert. Nach 15 bis 20 Ejakulationen sind die erfahrungsgemäß alle heraus. Um zu kontrollieren, ob sich wirklich keine Spermien mehr im Ejakulat befinden, macht der Urologe nach zwei und drei Monaten je ein Spermiogramm. „Erst dann gebe ich die Freigabe. Bis dahin muss konventionell verhütet werden“, so Rothert.

Was ist eine Kastration?

Bei einer Kastration wird die Durchblutung der Hoden geschädigt. Sie müssen dafür nicht abgetrennt werden. Es reicht schon eine Gefäßdurchtrennung, damit das Testosteron aus dem Hodengewebe nicht mehr in die Blutbahn gelangen kann. Das führt zu einer massiven Beeinträchtigung des Hormonhaushaltes, die Erektionsfähigkeit geht gegen null. Bei der Vasektomie besteht diese Gefahr nicht.

Lässt sich der Eingriff rückgängig machen?

Prinzipiell ja, in einer mikro-chirurgischen Operation. Die verödeten Enden lassen sich ausschneiden, die Samenleiter mobilisieren und wieder zusammennähen. Dieser Eingriff ist zeitlich und finanziell allerdings aufwendig und kann bis zu drei Stunden dauern und etwa 3.000 Euro kosten. Die Erfolgsrate liegt bei 70 bis 80 Prozent.

Was kostet die Sterilisation?

Für den kurzen, ambulanten Eingriff werden 400 bis 1.000 Euro verlangt, abhängig vom Leistungsumfang des Urologen. So erhöhen etwa umfangreiche Voruntersuchungen mit Ultraschall den Preis. Gesetzliche Krankenkassen tragen die Kosten, wenn der Eingriff durch eine Krankheit erforderlich ist. Bei welchen Erkrankungen dafür eine Notwendigkeit besteht, sei aber nicht explizit geregelt, sagt Bernd Lemke von der AOK Plus. Die AOK hat im vergangenen Jahr einem Sachsen die OP bezahlt.

Womit verhüten die meisten?

Die BZgA hat vor zwei Jahren rund 1.000 Männer und Frauen zu ihrem Verhütungsverhalten befragt. 47 Prozent nutzen die Pille, 46 Prozent das Kondom. Mit Spirale verhüten zehn Prozent. Drei Prozent der teilnehmenden Männer hatten sich sterilisieren lassen. Tatsächlich ändert sich das Verhütungsverhalten mit dem Alter, wie die Umfrage zeigt. Lassen sich nur drei Prozent der 30- bis 39-Jährigen sterilisieren, macht ihr Anteil unter den 40 bis 49-Jährigen 13 Prozent aus. 

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Und der Stern der Pille sinkt: Gerade jüngere Frauen lehnen sie ab, weil sie fürchten, dass eine langjährige Nutzung schlecht für Körper und Seele sei. Die Vasektomie sei inzwischen etablierter als noch vor zehn Jahren, sagt Rothert. „Das liegt an der jüngeren Generation. Sie geht liberaler und aufgeklärter damit um.“

*Name auf Wunsch geändert.

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