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„Übergewichtige sind die Diabetiker von morgen“

Die Volkskrankheit wird nicht ernst genug genommen, sagt Professor Stefan Bornstein aus Dresden und spricht über Therapie und falsche Sparpolitik.

Sitzen, Fastfood, Stress – all das führt zu Übergewicht. Und das begünstigt auch den Diabetes.
Sitzen, Fastfood, Stress – all das führt zu Übergewicht. Und das begünstigt auch den Diabetes. ©  dpa/Armin Weigel

Die Wände in seinem Arbeitszimmer sind voll von Urkunden und Zertifikaten: Professor Stefan Bornstein hat nicht nur als Klinikdirektor und Prodekan am Dresdner Universitätsklinikum einen hervorragenden Ruf, sondern zählt auch international zu den führenden Spezialisten auf seinen Fachgebieten – der Stressforschung und Stoffwechselerkrankungen wie dem Diabetes. Sächsische.de sprach mit ihm über die unterschätzte Gefahr dieser Krankheit, über Symptome und die Fortschritte in Therapie und Forschung.

Herr Professor Bornstein, Diabetes ist eine der häufigsten Volkskrankheiten – und wird oft immer noch erst zu spät entdeckt. Warum?

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Ein Diabetes tut erst mal nicht weh, man nimmt ihn nicht als Krankheit wahr. Wir haben vor einigen Jahren mal eintausend Menschen ins Hygienemuseum eingeladen und ihren Blutzucker gemessen. Das Ergebnis: Unter diesen eintausend Menschen waren 50 Diabetiker, die von ihrer Krankheit wussten – und weitere 100, die erhöhte Blutzuckerwerte und damit bereits die Vorstufe, einen Prädiabetes, ausgebildet hatten, ohne dass ihnen das bewusst war. Man kann also davon ausgehen, dass es neben den etwa acht Millionen Diabetikern in Deutschland noch eine erhebliche Dunkelziffer gibt.

Wird zu wenig aufgeklärt?

Nein, das Thema ist in den Medien präsent. Und ich spüre auch durchaus Interesse, vor allem bei älteren Menschen. Das Problem ist eher politischer Natur. Unser Gesundheitssystem ist nicht auf die Vorbeugung oder Verhinderung von Krankheiten ausgerichtet, sondern auf bereits eingetretene Schäden. Sprechende Medizin könnte den Patienten Hilfestellung geben, sie wird aber nicht adäquat finanziert. Und was nicht finanziert wird, wird in der Regel auch nicht gemacht. Da waren wir schon mal weiter.

Inwiefern?

Etwa jeder zweite Patient, der in einem Krankenhaus behandelt wird, hat auch einen Diabetes oder Prädiabetes. Das ist bekannt. Man hätte also die Chance, diese Patienten noch ein paar Tage länger im Krankenhaus zu behalten und sie auf die Erkrankung einzustellen. Noch vor einigen Jahren gab es an vielen Krankenhäusern spezielle Diabetesstationen. Doch die sind nach und nach geschlossen worden. Diabetes wird als Krankheit nicht ernst genug genommen – von den Patienten ebenso wenig wie von der Politik. Darüber müssen wir aufklären.

Es gibt doch noch die Hausärzte.

Vieles, was für die Einstellung eines Diabetikers nötig ist – Diagnostik, Schulung, Motivation – kann man auch ambulant machen. Aber auch der ambulante Sektor stößt an seine Grenzen. Viele Patienten sind multimorbid, da rückt der Diabetes in den Hintergrund. Und manche warten zwei Jahre auf einen Termin bei einem Diabetologen. Ich behaupte: Die Sparpolitik bei der internistischen Medizin hat vielen Menschen, gerade in der Pandemie, das Leben gekostet.

Warum ist Diabetes so gefährlich?

Er schädigt Gefäße, Nerven und andere Gewebe und führt zu irreversiblen Veränderungen an Organen. Die Folgen sind Herzinfarkt, Schlaganfall, offene Beine, Nierenversagen – um nur einige zu nennen.

Ist Diabetes tödlich?

Mittelbar schon. Beim Typ 1 führt der Insulinmangel zwangsläufig zum Koma, wenn man nicht gegensteuert. Beim Typ 2 kann die Kombination mit anderen Erkrankungen zum Tod führen. Viele Menschen, die offiziell an oder mit Covid-19 gestorben sind, wiesen eine Mischung aus Lungenkrankheit und Diabetes auf.

Wie entsteht ein Diabetes?

Auch hier muss man unterscheiden. Der Typ 1 trifft meist junge Menschen und wird von einer Autoimmunerkrankung ausgelöst: Körpereigene Antikörper zerstören die Betazellen in der Bauchspeicheldrüse, die das Insulin produzieren. Das Insulin ist für den Stoffwechsel im Körper unverzichtbar. Der weitaus größere Teil der Bevölkerung leidet unter einem Typ-2-Diabetes. Man nennt ihn auch Altersdiabetes, weil er zunehmend im Alter auftritt – oder Wohlstandsdiabetes, weil er von unserem veränderten Lebensstil begünstigt wird. Fettzellen, insbesondere am Bauch, führen dazu, dass nicht mehr genügend Insulin produziert wird und der Blutzuckerspiegel ansteigt. Dann kommt es zu den bereits genannten Folgen.

Welche Faktoren begünstigen die Entstehung?

Zu vieles Sitzen, Fastfood, ungeregelte Mahlzeiten – all das hat dazu geführt, dass weltweit immer mehr Menschen unter Übergewicht leiden, auch Jugendliche und junge Erwachsene. Das sind die Diabetiker von morgen. Auch Stress spielt eine wichtige Rolle. Das Stresshormon Cortisol schwächt die Wirkung des Insulins in der Leber. Diabetes tritt auch oft im Zusammenhang mit Depressionen auf. Bestimmte Umweltstoffe stehen ebenfalls im Verdacht, Diabetes zu begünstigen.

Gibt es auch eine genetische Komponente?

Ja, wobei immer mehrere Gene beteiligt sind. Bei Typ 2 ist die genetische Veranlagung noch stärker ausgeprägt als bei Typ 1. Bis zu 80 Prozent der Kinder von Eltern, die beide einen Diabetes Typ 2 haben, entwickeln ebenfalls diese Krankheit.

Woran erkennt man, ob man gefährdet oder gar schon erkrankt ist?

Der Ausbruch eines Typ-1-Diabetes ist mit einem starken Durstgefühl verbunden. Die Betroffenen trinken täglich mehr als zwei Liter, müssen entsprechend oft auf Toilette. Sie sind ständig müde und verlieren Gewicht. Den Typ-2-Diabetes kann man im Anfangsstadium nur durch Blutzuckertests bestimmen. Häufige Symptome sind auch hier Müdigkeit, Abgeschlagenheit sowie Pilzinfektionen. Aber da dies auch auf andere Erkrankungen hinweisen kann, bleibt der Diabetes oft lange Zeit unbemerkt.

Sachsen gehört zu den Bundesländern mit der höchsten Diabetikerquote. Liegt das nur am höheren Durchschnittsalter?

Die vergleichsweise hohe Anzahl Diabetiker hat natürlich mit dem höheren Alter zu tun. Aber ich kenne auch kein Land, wo so viel Kuchen und Stollen gegessen wird. Nebenbei: Auch August der Starke litt unter Diabetes.

Vielleicht schauen die Ärzte in Sachsen auch genauer hin?

Die Dichte an Ärzten ist in Sachsen eher niedriger. Und wie eingangs schon erwähnt: Die tatsächliche Anzahl an Diabetikern dürfte sogar noch höher liegen.

Nüchtern- oder Langzeitblutzucker: Welcher Wert ist für eine Behandlung wichtiger?

Mediziner orientieren sich am Langzeitwert, dem HbA1c – den kann man schlecht überlisten. Für Patienten, die regelmäßig Insulin spritzen müssen, bietet der Nüchternblutzucker eine gute Orientierungshilfe. Das funktioniert inzwischen auch nichtinvasiv. So kann der Patient kontinuierlich, zum Beispiel nach dem Essen, kontrollieren, ob eine Insulingabe notwendig ist.

Lange Zeit hieß es: „Gesünder unter sieben“. Ist dieser HbA1c-Wert immer noch das Maß aller Dinge?

Jüngere Menschen und Schwangere sollten streng darauf achten, dass der Wert deutlich unter sieben liegt. Ältere dürfen da etwas großzügiger sein. Studien haben gezeigt, dass sie keinen Zusatznutzen haben, wenn sie sich zu streng an der Sieben orientieren, im Gegenteil: Das Risiko von Stürzen oder Herzrhythmusstörungen ist dann sogar höher als das einer Blutzuckerentgleisung. Eine gute Einstellung des Blutdrucks und der Fettwerte ist da hilfreicher.

Das gängige Bild vom Diabetiker zeigt einen Menschen mit Spritze. Wie sieht die Realität aus?

Beim Diabetiker mit Typ 1 trifft das zu, beim Typ 2 ist es die Minderheit – von diesen Patienten erhalten nur etwa 20 bis 30 Prozent Insulin. Der Großteil wird mit Tabletten behandelt. Wobei man bei Spritzen nicht nur an Insulin denken darf: Auch die Injektion bestimmter Darmhormone kann den Stoffwechsel verbessern. Patienten mit extremem Übergewicht profitieren eher von einer Magenverkleinerung als von der Änderung des Lebensstils.

Die Forschung hat in den letzten 20 Jahren große Fortschritte gemacht. Gleichzeitig wurden Antidiabetika immer teurer. Sind die hohen Preise aus Ihrer Sicht gerechtfertigt?

Die Entwicklung neuer Medikamente kostet viel Geld, das muss man zu einem gewissen Grad akzeptieren, wenn man neue und bessere Medikamente möchte. Dafür werden sie nach Ablauf des Patentschutzes preiswerter.

Woran forschen Sie zurzeit?

Unsere Forschung geht in verschiedene Richtungen. Ein hoffnungsvoller Ansatz ist beispielsweise die Zelltherapie. Sie hilft Patienten, die – sei es wegen einer Entzündung oder eines Tumors – ihre Bauchspeicheldrüse verlieren und einen schweren Diabetes entwickeln. In diesem Fall transplantieren wir die Inselzellen in die Leber. Wir forschen an Impfungen, an Stresshormonen, an Zellersatz von Schweinen. Wir arbeiten eng mit dem King‘s College in London zusammen und sind in Deutschland wohl eines der aktivsten Forschungszentren auf dem Gebiet von Stoffwechselerkrankungen.

Wird Diabetes eines Tages heilbar sein?

Diabetes wird in Zukunft besser therapierbar sein. Die Inselzelltherapie bietet die Chance, dass Patienten kein Insulin mehr benötigen – das kommt praktisch einer Heilung gleich. Beim Typ 2 sollte es uns gelingen, die Krankheit bis zu einem bestimmten Stadium wieder zurückzudrängen und den Patienten helfen, vom Insulin wegzukommen, zumindest für eine bestimmte Zeit. Vieles haben die Patienten selbst in der Hand.

  • Der Experte: Professor Stefan Bornstein (59) ist Facharzt für Innere Medizin mit Zusatzausbildungen für Endokrinologie und Diabetologie. Seit 2004 leitet er die Klinik für Innere Medizin am Uniklinikum Dresden. Außerdem ist er an mehreren internationalen Universitäten und Institutionen tätig, u. a. als transCampus Dekan am King’s College London. Der gebürtige Oberstdorfer ist Mitglied des Fachkollegiums der Deutschen Forschungsgemeinschaft und der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina.

Weitere Teile dieser Serie:

  • Auftakt: Diabetes entwickelt sich zur Epidemie
  • Teil 1: Das Experteninterview – Warum Diabetes so gefährlich ist (dieser Artikel)
  • Teil 2: Vom Zuckerkoma überrascht – Warum Diabetes oft spät erkannt wird (noch nicht erschienen)
  • Teil 3: Schluss mit Insulinspritzen – Was moderne Medikamente leisten (noch nicht erschienen)
  • Teil 4: Der Fuß bleibt dran – Warum viele Amputationen vermeidbar sind (noch nicht erschienen)
  • Teil 5: Die doofe Krankheit: – Wie Kinder im Alltag mit Diabetes Typ 1 kämpfen (noch nicht erschienen)
  • Teil 6: Was Krankenkassen bei Diabetes bezahlen (noch nicht erschienen)
  • Teil 7: Immer in Bewegung – Wie man Diabetes vorbeugen kann (noch nicht erschienen)

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