SZ + Leben und Stil
Merken

Was kommt, wenn Paracetamolsaft knapp wird?

Die Kinderarznei wird sehr oft gegen Schmerzen und Fieber verordnet. Doch nun gibt es Lieferprobleme. Ärzte haben ein paar Alternativen – noch.

Von Stephanie Wesely
 5 Min.
Teilen
Folgen
In den Apotheken wird Paracetamolsaft knapp.
In den Apotheken wird Paracetamolsaft knapp. © Symbolbild: dpa/Maurizio Gambarini

Für Kinderärzte ist es ein häufig genutztes und gut wirksames Medikament zur Fiebersenkung: Rund eine Million Flaschen Paracetamolsaft verschreiben sie deutschlandweit pro Jahr. Denn die klare, süß schmeckende Flüssigarznei wird von Kindern meist problemlos eingenommen. Tabletten oder Zäpfchen sind da schon schwieriger zu verabreichen. Doch um das Kinderarzneimittel steht es derzeit gar nicht gut.

Fast alle Hersteller haben die Produktion des Saftes eingestellt. Von elf im Jahr 2010 ist ein Einziger – die Firma Teva mit ihrer Arzneimittelmarke Ratiopharm – geblieben. Sie stemmt die Hauptlast der Versorgung, meldet aber bereits Engpässe. Paracetamolsaft von Ratiopharm soll erst Ende des Monats wieder lieferfähig sein, wie eine Unternehmenssprecherin der „Pharmazeutischen Zeitung“ sagte. Auf Dauer werde ein Anbieter den Gesamtbedarf aber nicht decken können.

Arbeit und Bildung
Alles zum Berufsstart
Alles zum Berufsstart

Deine Ausbildung finden, die Lehre finanzieren, den Beruf fortführen - Hier bekommst Du Stellenangebote und Tipps in der Themenwelt Arbeit und Bildung.

Originalpräparate sind zu teuer

„Lieferengpässe werden eher die Regel als die Ausnahme sein“, erklärt der Verband Progenerika. Er vertritt die Interessen der Firmen, die günstige Nachahmerpräparate (Generika) von Originalmedikamenten produzieren, deren Patentschutz abgelaufen ist. Original-Hersteller – wie im Falle von Paracetamol die Firma Bene-Arzneimittel München – produzieren nur noch kleine Mengen. Der Grund: Ihr Verkaufspreis liegt deutlich über dem sogenannten Festbetrag der Krankenkassen. So kosten 100 Milliliter Ben-u-Ron-Saft 5,25 Euro. Der Festbetrag, also die Obergrenze, die Kassen für diese Menge Paracetamolsaft erstatten, liegt dagegen bei 3,14 Euro.

Damit Versicherte nicht für Probleme der Hersteller büßen müssen, wurde 2019 das Arzneimittelgesetz geändert. „Solange kein Paracetamolsaft von Ratiopharm oder einem anderen Festbetrag-Hersteller verfügbar ist, werden die Kosten für Alternativen wie Ben-u-Ron von den Kassen übernommen“, sagt Bernd Lemke, Sprecher der AOK Plus. Vor der Gesetzesnovelle mussten die Apothekenkunden den Aufpreis aus eigener Tasche bezahlen.

Sächsische Apotheken haben vorausgedacht

Anstelle von Paracetamolsaft könnten Kinderärzte auch auf Ibuprofensaft ausweichen, der derzeit noch verfügbar ist, wie Dr. Torben Ostendorf, Vorsitzender der sächsischen Hausärzte, sagt. Doch auch Ibuprofen war in der Vergangenheit oft von Lieferengpässen betroffen.

„In vielen sächsischen Apotheken ist noch Paracetamolsaft zum Festbetrag am Lager“, sagt Göran Donner, Inhaber einer Apotheke in Dippoldiswalde und Vizepräsident der Sächsischen Landesapothekerkammer. „Doch für Nachbestellungen wird es eng.“ Die Apotheker im Freistaat hätten es sich zum Prinzip gemacht, für häufig nachgefragte und unverzichtbare Arzneimittel stets einen Vorrat anzulegen. Inwieweit dieses Prinzip bei drohender Lieferknappheit haltbar ist, ist fraglich.

Kritik an Arzneimittelpreisen

Die Ursache für die Engpässe ist immer die gleiche: das Geld. Laut Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) gelten derzeit 267 Wirkstoffe als nicht lieferbar. Im Fall von Paracetamolsaft liegt das nach Ansicht des Verbandes Progenerika am Festbetrag. „Seit zehn Jahren ist er auf demselben Niveau“, sagt Verbandssprecherin Anna Steinbach. Das führe dazu, dass der Hersteller maximal 1,36 Euro pro Flasche erhalte. „Doch allein in den letzten zwölf Monaten ist der Wirkstoff Paracetamol um 70 Prozent teurer geworden. Gleichzeitig steigen die Preise für Energie und Logistik“, so Steinbach.

Auch für Andreas Burkhardt, General Manager von Teva in Deutschland und Österreich, machen rasant steigende Wirkstoff- und Produktionspreise bei eingefrorenen Festbeträgen die Produktion von Arzneimitteln wie Paracetamolsäften zum Verlustgeschäft. „Kein Unternehmen hält das auf Dauer durch. Wir müssen den Kostendruck auf Generika endlich lockern – vor allem bei kritischen Arzneimitteln, die nur noch von wenigen Herstellern produziert werden“, fordert er. Festbeträge müssten so lange ausgesetzt werden, bis wieder mehr Unternehmen in die Versorgung eingestiegen seien. Die AOK Plus findet die Forderungen von Progenerika und den Rückzug von Herstellern aus dem Markt unseriös. „Der Festbetrag ist deshalb so niedrig, weil die Hersteller die Verkaufspreise im gegenseitigen Wettbewerb Stück für Stück freiwillig so weit abgesenkt haben“, sagt Bernd Lemke. Denn der Festbetrag werde nicht willkürlich beschlossen, sondern errechne sich nach einer festen Formel aus Marktpreisen und Marktanteilen.

Medikamente wieder in Europa produzieren

„Dennoch sollte die Angelegenheit Anlass geben, den Festbetrag zu prüfen und gegebenenfalls aufzuheben, was aber nur der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherung tun kann, nicht die einzelne Krankenkasse.“ Wenn der Festbetrag aufgehoben ist, können die Hersteller höhere Preise zulasten der gesetzlichen Krankenversicherung nehmen.

Ein weiteres, oft angeführtes Argument bei Lieferengpässen sind die Rabattverträge der Krankenkassen. Die Kassen verhandeln dazu mit Generika-Herstellern. Sie sichern ihnen bei einem preislichen Entgegenkommen die Abnahme großer Mengen zu. Andere Hersteller geben dann meist die Produktion dieses Medikaments auf oder fahren sie zurück. Fällt der Haupthersteller aus, oder gibt es Rückrufe wegen Qualitätsmängeln, entsteht ein Engpass, da andere Unternehmen oft nicht kurzfristig einspringen können.

Seit der Novelle des Arzneimittelgesetzes sind Kassen deshalb angehalten, mit mehreren Herstellern Rabattverträge zu schließen, um solche Engpässe zu verhindern. Allerdings scheitert das meist schon an der Tatsache, dass es wie beim Paracetamolsaft nur noch einen Hersteller weltweit gibt.

Europa hat sich seit 2020 zum Ziel gesetzt, Teile der Arzneimittelherstellung in die EU zurückzuverlagern. So kündigt der Hersteller Sanofi an, ab Ende 2024 rund 10.000 Tonnen Paracetamolsaft pro Jahr in Frankreich zu produzieren. Das würde ein Drittel des europäischen Bedarfs decken. Doch zuvor müsste laut AOK Plus der Festbetrag wegfallen. Denn die Produktion in Europa ist teurer als in Indien oder China, wo derzeit rund 80 Prozent des weltweiten Bedarfs hergestellt werden. Ein solcher Schritt kann dann aber beispielgebend für andere Medikamente sein.

Mehr zum Thema Leben und Stil