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Wie wir gesund alt werden

Es ist ein Datenschatz, den eine europäische Studie zusammengetragen hat. Jetzt gibt es Ergebnisse. Offenbar gibt es verschiedene Typen des Alterns.

Über das Älterwerden macht sich der Mensch seit jeher Gedanken. Wissenschaftliche Erkenntnisse sollen das Geheimnis darum, wie es uns am besten gelingt, lüften.
Über das Älterwerden macht sich der Mensch seit jeher Gedanken. Wissenschaftliche Erkenntnisse sollen das Geheimnis darum, wie es uns am besten gelingt, lüften. © www.plainpicture.com

Europa wird älter. In zehn Jahren werden mehr als ein Drittel aller Europäer über 65 Jahre alt sein. Viele von ihnen machen sich auch heute schon Gedanken darüber, wie sie möglichst gesund altern. Wie sie beweglich bleiben und Krankheiten vermeiden, die ihre Lebensqualität später einschränken.

Im Jahr 2012 startete eine europaweite Studie, die genau diesen Fragen auf den Grund geht. Mit dabei sind auch Dresdner Wissenschaftler der Medizinischen Fakultät und des Universitätsklinikums der TU Dresden. In einer großen Analyse geben sie nun erste wichtige Antworten. Fisch, Sport oder Vitamin D: Was hat denn nun wirklich positive Effekte auf unsere Gesundheit? So einfach ist das Geheimnis rund um ein gesundes Altern nicht zu lüften, sagt Lorenz Hofbauer, Professor und Leiter des Dresdner Universitätscentrums für Gesundes Altern. Er ist Mitautor der europäischen Do-Health-Studie.

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Das Alter ist eine Typfrage

Derzeit wird in seinem Fachgebiet das Auftreten von vier verschiedenen Alterstypen diskutiert. Der erste Typ altert durch Infektionen oder durch ein nicht intaktes Immunsystem. Der Stoffwechsel-Typ leidet an Übergewicht oder entwickelt einen Diabetes. Typ drei beschreibt Menschen mit Leber-Erkrankungen beziehungsweise Problemen im Magen-Darm-Trakt. Der Nieren-Typ bekommt Blutdruck-Probleme und Herz-Kreislauf-Krankheiten.

„Menschen altern unterschiedlich“, erläutert Hofbauer weiter. Immerhin 70 Prozent des Prozesses seien genetisch vorbestimmt und nicht beeinflussbar. 30 Prozent hat jeder Mensch selbst in der Hand. Eine gute Portion Bewegung, eine ausgewogene Ernährung und die Einstellung zum Leben allgemein seien dafür wichtige Einflussfaktoren.

Die Studie wollte allerdings herausfinden, was nun wie genau wirkt. Viele Tausende Daten haben die Forscher dafür zusammengetragen. Insgesamt 2.157 Frauen und Männer im Alter von 70 Jahren und älter aus fünf europäischen Ländern beteiligten sich. Neben Menschen aus Frankreich, Österreich, Portugal und der Schweiz auch 350 aus Deutschland. Insgesamt 200.000 Proben für die Altersforschung umfasst die entstandene Biodatenbank heute. Darin enthalten sind auch Informationen über Organfunktionen, Ernährung, Bewegung oder Lebensqualität.

Vitamin D ohne großen Effekt

Die Probanden wurden in Gruppen eingeteilt. Die einen absolvierten dreimal pro Woche ein leichtes Trainingsprogramm, andere nahmen regelmäßig Vitamin D oder erhielten täglich Omega-3-fettsäurehaltige Präparate, also Fischöl. Wieder andere nutzten drei Jahre lang Kombinationen dieser drei Maßnahmen. Während all der Zeit wurden sie von den Forschern begleitet und regelmäßig untersucht. Das Ziel der Wissenschaftler; Sie wollten den Einfluss dieser Interventionen auf den Blutdruck, die Muskel- und Gedächtnisfunktion, Knochenbrüche und Infektionen untersuchen.

Die ersten Analysen sind Ende 2020 erstmals publiziert worden. Die Drei-Jahres-Daten zeigten demnach keinen Nutzen der drei Maßnahmen auf die Muskel- und Gedächtnisfunktion oder Knochenbrüche. Ein großer Effekt von Vitamin D, auf dessen Wirkung viele Menschen gerade während der Infektionszeit schwören, zeigte sich nicht. Es senkte lediglich bei Männern etwas den systolischen Blutdruck und reduzierte in der jüngeren Altersgruppe der 70- bis 74-Jährigen das Infektionsrisiko gegenüber der Kontrollgruppe um 16 Prozent.

Entpuppten sich in der Studie als wahre Überraschung: Omega-3-Fettsäuren, wie sie unter anderem in Nüssen vorkommen, können Infektionen verhindern.
Entpuppten sich in der Studie als wahre Überraschung: Omega-3-Fettsäuren, wie sie unter anderem in Nüssen vorkommen, können Infektionen verhindern. © Anton Ignatenco

Einige Ergebnisse der Studie überraschten jedoch richtig. „Gerade die Wirkung von Omega-3-Fettsäuren hat uns erstaunt“, erklärt Hofbauer. Die sind nicht nur im Fisch, sondern auch in Nüssen, Grünkohl oder Avocados enthalten. Unter ihrer Gabe traten elf Prozent weniger Infektionen auf. Dabei gingen die Atemwegsinfektionen um zehn Prozent und die Harnwegsinfektionen sogar um 62 Prozent zurück.

Extreme lieber vermeiden

Professorin Heike Bischoff-Ferrari, die Studienleiterin der Universität Zürich, hebt den Schutz vor Infektionen durch die einfachen Nahrungsergänzungsmittel hervor. Gerade im Alter seien solche Erkrankungen mit einer hohen Sterblichkeit verbunden. Positiv auf die Gesundheit im Alter wirkt sich unbedingt ausreichend Bewegung aus, so eine weitere Erkenntnis aus der Studie. 150 Minuten pro Woche empfehlen die Forscher.

Lorenz Hofbauer hat noch weitere Tipps. Der erste Ratschlag: „Vermeiden Sie Extreme“, sagt er. Extreme Diäten, extremes Muskeltraining täten vielen nicht gut. Besser sei es, bei allen Dingen, die man tut, Maß zu halten und glücklich zu sein. „Wenn sie die ganze Zeit nur Körner essen und deshalb immer nur unglücklich sind, ist das für den Organismus auch nicht gut.“ So zu essen, dass es der Körper auch wieder verbrennen kann, das sei ideal. Ein anderer Tipp: „Jeder hat eine Achillesferse. An unseren Schwächen sollten wir arbeiten.“

Die 30 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die an der europäischen Studie beteiligt sind, sitzen nun auf einer Daten-Schatzkiste, erklärt es der Dresdner Mediziner bildhaft. In den nächsten Jahren sollen weitere Aspekte ausgewertet und veröffentlicht werden. Dabei geht es unter anderem um die Fragen, was die Gedächtnisleistung im Alter unterstützt, was sich positiv auf den Blutdruck auswirkt oder wie wir im Alter fit bleiben. Die Suche nach dem Geheimnis gesunden Alterns – sie geht weiter.

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