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Wir müssen mit unseren Kindern über Sex reden

Wann und wie Eltern das heikle Thema am besten ansprechen, erklärt ein Sexualtherapeut.

© mukhina1/123rf

Sextoys in der Werbung vor 18 Uhr, Riesendildos auf Plakaten mitten in der Stadt, viel nackte Haut selbst bei Temperaturen um den Nullpunkt: Niemals zuvor war die körperliche Liebe so präsent wie heute. Trotzdem tun sich viele Eltern schwer damit, mit ihren Kindern über Sex zu sprechen. Sexualtherapeut Carsten Müller will das ändern. Sein Ziel: Alle in der Familie sollen am Ende über Sex genauso unbefangen reden können wie über Brokkoli.

Herr Müller, wie kommen Sie ausgerechnet auf Brokkoli?

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In einer ersten Version hieß das Buch noch „Sex ist wie Blumenkohl“. Das ging dann allerdings nicht, da der Verlagsvertreter aus Österreich gefragt hatte, was denn überhaupt Blumenkohl sei. Dort spricht man von Karfiol. Sie merken: Das Gemüse ist austauschbar.

Eltern wollen heute gerne in alles involviert sein, beschäftigen sich zum Beispiel mit den Speiseplänen ihrer Kinder in Kitas und Schulen. Die Aufklärung würden die meisten aber gerne delegieren. Warum ist das so?

Eltern wollen ihre Kinder so lange es geht vor Sex schützen. Deshalb schieben sie es vor sich her, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Eltern reden sich das auch schön, nach dem Motto „Sex ist für mein Kind noch nichts, das hat ja noch gar keine Sexualität“.

Stimmt das denn?

Kindliche Sexualität hat noch nichts mit der von Jugendlichen oder Erwachsenen zu tun. Trotzdem kommen Kinder als sexuelle Wesen auf die Welt. Sie interessieren sich schon für ihren Körper, die Geschlechtsteile – erst die eigenen, irgendwann auch für die von Mama und Papa oder den Freunden im Kindergarten. Und sie brauchen dafür eine Sprache, um die Dinge richtig benennen zu können. Wir als Eltern haben es in der Hand, unsere Kinder in der Entwicklung ihrer Sexualität zu begleiten. Nur dann kann ich die Entwicklung auch prägen. Das ist doch eine Riesenchance!

Meinen Sie damit, den Kindern die korrekten Bezeichnungen der Genitalien beizubringen?

Absolut, das ist ein wichtiger Teil davon. Ich werde als Kind nur ein Körpergefühl zu den Dingen aufbauen können die einen Namen haben, wenn Körperteile besprochen werden. Wenn zum Beispiel von „da unten rum“ gesprochen wird, kann dieses wichtige Gefühl nicht entstehen. Für die Kinder ist es kein Unterschied, ob ich über den Arm, die Beine oder den Penis und die Vulva spreche. Es sind Körperteile, nicht mehr und nicht weniger.

Warum fällt es Eltern oft so schwer, Fragen wie „Mama, warum sind da Haare an deiner Scheide?“ zu beantworten?

Weil Eltern sich in diesen Momenten mit ihrer eigenen Scham und Sprachlosigkeit konfrontiert sehen. Diese Sprachlosigkeit wird ja oft von Generation zu Generation weitervererbt. Dabei soll es in Gesprächen mit Kindern über Sexualität nicht um Perfektion gehen. Ich darf peinlich berührt sein oder keine Antwort wissen! Wichtig ist, meinem Kind keine Antworten zu verweigern, es für seine Neugierde zurechtzuweisen oder ihm Schamgefühle einzureden, „weil man über so etwas nicht spricht.“

Wie lösen Eltern den Konflikt auf, ihrem Kind auf eine – ihnen wirklich peinliche – Frage möglichst unbefangen antworten zu müssen? Haben Sie dafür einen Tipp?

Man darf sich auf jeden Fall erst mal Zeit verschaffen und zum Beispiel sagen: „Das ist eine gute Frage mit der ich jetzt allerdings nicht gerechnet habe. Ich muss mal überlegen, wie ich dir das erkläre.“ Eltern können sich dann informieren, wie sie am besten die Frage beantworten können. Da kann Literatur und auch das Gespräch mit Partner oder Partnerin helfen. Sie haben aber auf jeden Fall die Verantwortung, dann auf das Kind zuzugehen und die Frage zu beantworten. Mutter oder Vater dürfen peinlich berührt sein, sie dürfen kichern, sie dürfen sprachlos sein – all das gehört dazu und ist menschlich. Ein wichtiger Tipp. Googlen sie nicht gemeinsam nach der Frage -– oft werden dadurch mehr Fragen aufgeworfen als beantwortet.

Reicht es, wenn ich mit meinem Kind ab dem Teenageralter über Sex rede?

Im Kindesalter wird geprägt, wie Jugendliche in der Pubertät in ihre Sexualität hineinwachsen. Deshalb ist es wichtig, schon auf die Fragen von Kindergartenkindern einzugehen, auch auf die krassen! Wenn sie merken, ich kriege Antworten auf meine Fragen, dann haben sie später als Jugendliche ein gutes Gefühl und wissen, ich kann mich an meine Eltern wenden. Fehlt diese Gewissheit, bemühen junge Menschen mit größerer Wahrscheinlichkeit das Internet bei der Suche nach Antworten und landen dabei auf Pornoseiten oder sehen Bilder und Videos, die sie verstören können.

Heißt das, wenn das Kind nicht fragt, sollten Eltern das Thema auch nicht ansprechen?

Nicht ganz. Meine Faustformel dazu: Ein Kind, was in die Grundschule kommt, sollte auf einer Sachebene wissen, wie ein Baby entsteht. Wenn das Kind bis dahin nicht gefragt hat, kann man es langsam zum Beispiel durch Bilderbücher an das Thema heranführen.

In welchen Situationen spricht man am besten mit Kindern über Sex?

Es muss nicht das eine große Küchengespräch geben, in dem Eltern von A bis Z alles erklären. Viel mehr geht es darum, Signale von Kindern aufzugreifen, zum Beispiel eine konkrete Frage.

Und was machen Eltern mit Teenagern, die generell etwas mundfaul geworden sind – und schon gar nicht über intime Themen reden wollen?

Denen würde ich zumindest ein Angebot machen: Literatur anschaffen, Bücher irgendwo in der Wohnung hinlegen, die sie sich nehmen können. Erst mal werden die verstauben, aber irgendwann werden sie gelesen.

Wie ändern sich die Gespräche, wenn Kinder in die Pubertät kommen?

Für Jugendliche geht es meist weniger um biologische Fakten, sondern eher um Themen rund um Identität und Selbstwert. Sie beschäftigen Dinge wie „Bin ich schön?“, „Sieht mein Körper normal aus?“ Eltern müssen in dieser Phase offen für Themen und Fragen sein, aber auch die Grenzen der Jugendlichen respektieren, wenn sie über etwas nicht sprechen wollen.

Was ist für Sie eine gelungene Aufklärung?

Das lässt sich erst rückblickend sagen. Wichtig ist, dass darin zwei Komponenten vorkommen, die emotionale und die sachliche Aufklärung. Die sachliche wird häufig über die Schule abgedeckt, für die emotionale sind die Eltern zuständig. Die wird vor allem wichtig, je älter Kinder werden. Dann gibt es Dinge wie das erste Mal, die hohen Erwartungen, die damit verknüpft sind, und den Druck, dass es perfekt sein muss. Eltern tun gut daran, ihre Kinder darauf vorzubereiten, dass der erste Sex auch ganz anders ablaufen kann als erwartet.

Warum ist es für Eltern oft ein heikler Moment, wenn ihre Kinder sexuell aktiv werden?

Weil es natürlich was mit Loslassen zu tun hat. Je freier mein Kind wird, umso mehr muss ich mich mit mir selbst beschäftigen. Viele Eltern haben aber den Wunsch, gebraucht zu werden, und halten ihr Kind deshalb fest. Und es konfrontiert Erwachsene mit der eigenen Sexualität und der eigenen Partnerschaft. Der Frage, wie zufrieden man mit dem gemeinsamen Sex ist oder eben nicht.

Das Gespräch führten Julia Kirchner (dpa) und Susanne Plecher.

Carsten Müller: „Sex ist wie Brokkoli nur anders. Ein Aufklärungsbuch für die ganze Familie“, Edition Michael Fischer/EMF Verlag, 288 Seiten, 17,00 Euro, ISBN 783960937449.

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