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„Wir wollen möglichst weg vom Insulin“

Moderne Antidiabetika können mehr als nur den Blutzucker senken. Auch ständiges Messen ist damit nicht mehr nötig.

Die Brause und den Fruchtsaft wird Heiko B. seiner Familie überlassen. Als Diabetiker sind für ihn fruchtzuckerhaltige Getränke ungeeignet.
Die Brause und den Fruchtsaft wird Heiko B. seiner Familie überlassen. Als Diabetiker sind für ihn fruchtzuckerhaltige Getränke ungeeignet. © Uwe Mann

Chemnitz. Heiko B. aus Chemnitz ist wählerisch geworden – beim Lebensmitteleinkauf: Er meidet Produkte, bei denen Zucker in der Zutatenliste ganz oben steht. Denn dann ist besonders viel davon enthalten, wie er weiß. Das ist aber auch schon die einzige Einschränkung, die er aufgrund seiner Diabeteserkrankung hinnehmen muss. Denn der Chemnitzer hat sich immer schon gesund ernährt – er isst viel Gemüse, spart Fett und meidet Fertiggerichte. Sport kommt wegen seiner Schichtarbeit oft noch etwas kurz, doch Heiko B. integriert Bewegung so gut es geht in seinen Tagesablauf. Er braucht kein Insulin und muss sich nicht in den Finger stechen, um seinen Blutzucker zu kontrollieren. Einmal pro Woche spritzt sich der 49-Jährige ein Antidiabetikum. Hinzu kommen zwei Tabletten am Tag, von denen er eine bald schon wieder weglassen kann, weil sein Blutzucker optimal eingestellt ist.

Eine solche Behandlung des Diabetes-Typ 2 entspricht den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen, sagt Dr. Uwe Lindner, Leiter der Klinik für Endokrinologie und Diabetologie am Klinikum Chemnitz. Die habe sich aber noch nicht überall durchgesetzt. Insulin komme noch immer recht häufig und vergleichsweise früh in der Behandlungskette zum Einsatz, sagt er. Da Insulin kostengünstig ist, und es damit jahrzehntelange Erfahrungen gibt, setzten viele Ärzte immer noch darauf.

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„Doch wir wollen weg vom übermäßigen Insulinspritzen. Wenn die Ursache des Diabetes die Resistenz gegen das körpereigene Insulin ist, sollte versucht werden, die Insulinwirkung zu verbessern“, sagt Dr. Andreas Reichel, Chefarzt der Klinik für Diabetologie an den Helios Weißeritztal-Kliniken Freital. Sonst müsse immer mehr davon gegeben werden, um eine gute Blutzuckereinstellung zu gewährleisten. „Zu viel Insulin hemmt aber den Fettabbau und führt zur Gewichtszunahme. Und mit steigendem Gewicht verschlechtert sich der Zuckerstoffwechsel – ein Teufelskreislauf.“

Zu viel Scheu vor neuen Mitteln

Jahrzehntelang war Insulin das einzige Mittel gegen Diabetes. Vor hundert Jahren, im Sommer 1921, gelang es Forschern erstmals, tierisches Insulin zu isolieren und als Therapeutikum zu spritzen. Der kanadische Mediziner Frederick Banting und der schottische Physiologe John Macleod bekamen dafür 1923 den Nobelpreis für Medizin. Sie wurden als Lebensretter gefeiert. „Was zu diesem Zeitpunkt auch zutraf. Heutigen Diabetes-Typ 2-Patienten könnte mit den modernen Antidiabetika viel nachhaltiger geholfen werden“, so Lindner.

Ein modernes Antidiabetikum der ersten Wahl ist Metformin. Nahezu alle Typ-2-Diabetiker bekommen es zumindest zu Beginn der Erkrankung. Auch Heiko B. nimmt es täglich ein. Der Wirkstoff mindert die Freisetzung von Zucker aus der Leber und verbessert die Insulinempfindlichkeit der Körperzellen. Es wirkt einer schleichenden Insulinresistenz entgegen. Metformin hat zudem günstige Wirkungen auf die Blutfette und mindert etwas den Appetit, was beim Abnehmen helfen kann. Auch Unterzuckerungen, die sogar tödlich enden können, treten mit dem Medikament nicht auf. „Doch die Wirkung von Metformin allein reicht bei vielen nicht aus, um den Blutzucker zuverlässig zu senken“, sagt Dr. Ulrike Schatz, Diabetologin am Uniklinikum Dresden.

In solchen Fällen werde es mit einem oder mehreren anderen Wirkstoffen kombiniert. Die Auswahl richte sich heutzutage nach Begleiterkrankungen, zum Beispiel einer Herzerkrankung, für die es moderne Medikamente gibt, die über eine reine Blutzuckersenkung hinausgehen, erklärt sie. Diese könnten Herz und Gefäße, auch teilweise die Niere mit schützen und eine Gewichtsabnahme begünstigen.

„Bei hohen Blutzuckerwerten kombiniert man heute sofort“, erklärt Uwe Lindner. Früher habe man oft abgewartet, ob Metformin allein ausreicht. „Das ist sinnlose Wartezeit auf Kosten der Gesundheit“, meint er. Verbessere sich die Blutzuckersituation wieder, könnten zusätzliche Wirkstoffe auch abgesetzt werden. Das ist jetzt auch bei Heiko B. geplant.

Noch bekommt der Chemnitzer zusätzlich zum Metformin einen sogenannten SGLT-2-Hemmer. SGLT-2 ist ein Transportprotein in den Nieren, das Zucker aus dem Harn zurück in den Blutkreislauf leitet. „Durch eine Blockierung dieses Transporters wird weniger Zucker ins Blut abgegeben und mehr über die Nieren mit dem Urin ausgeschieden“, sagt Ulrike Schatz. Damit sinke der Blutzuckerspiegel. Der ausgeschiedene Zucker zieht Wasser mit sich, weshalb die Patienten häufiger auf Toilette müssen. Durch die „Kalorienausscheidung“ verringerten sich auch das Körpergewicht und der Blutdruck. Dieser Wirkstoff kann aber offenbar noch mehr: Aktuelle Studien zeigten, dass einige der SGLT-2-Hemmer den Verlauf von Nierenerkrankungen positiv beeinflussen. Insbesondere bei Herzschwäche sind diese Substanzen vorteilhaft. Wie bei Metformin kommt es auch bei den SGLT-2-Hemmern nicht zur Unterzuckerung.

Eine weitere Wirkstoffgruppe, die vor allem in der Bauchspeicheldrüse wirkt, sind die sogenannten GLP-1-Rezeptor-Agonisten. Das Darmhormon GLP-1 wird nach einer Mahlzeit ausgeschüttet. Es ist an der Steuerung des Zuckerstoffwechsels beteiligt, denn es fördert die Abgabe von körpereigenem Insulin aus der Bauchspeicheldrüse und hemmt gleichzeitig das Hormon Glukagon – einen Gegenspieler des Insulins. Die GLP-1-Rezeptor-Agonisten ahmen die Wirkung des Darmhormons GLP-1 nach. Sie hemmen außerdem die Magenentleerung und stimulieren das Sättigungsgefühl im Gehirn – ein wirksamer Beitrag zum Abbau von Übergewicht. Der Wirkstoff hat auch einen günstigen Einfluss auf das Herz-Kreislauf-System. GLP-1-Rezeptor-Agonisten müssen gespritzt werden.

Auch Heiko B. injiziert sich das Medikament einmal wöchentlich. „Die Forschung arbeitet an höheren Dosierungen und noch längerer Wirksamkeit, sodass vielleicht bald nur noch einmal monatlich gespritzt werden muss“, sagt Chefarzt Lindner. In den USA ist der Wirkstoff bereits als Tablette zugelassen. „Insulin sollte erst dann zum Einsatz kommen, wenn die Behandlung mit modernen Antidiabetika nicht mehr ausreicht, wenn es zu Blutzuckerentgleisungen kommt oder sehr hohe Langzeitblutzuckerwerte vorliegen“, erklärt Oberärztin Ulrike Schatz. Auch Heiko B. musste Anfang dieses Jahres viermal täglich Insulin spritzen, weil sein Blutzucker plötzlich in die Höhe schoss. „Unser erstes Ziel ist es, den Blutzucker möglichst schnell wieder zu senken, um Folgeschäden zu vermeiden“, sagt Uwe Lindner. Das gelinge mit Insulin am zuverlässigsten. „Doch dann versuchen wir, die Patienten auf moderne Antidiabetika umzustellen.“

Zuckermessen mit weniger Schmerz

Das gelinge aber nicht bei allen. Doch auch Patienten, die auf Insulin angewiesen bleiben, gibt die moderne Diabetesforschung Hoffnung. „So könnte das mehrmalige Spritzen am Tag irgendwann einmal passé sein“, erklärt Uwe Lindner. Diabetiker nehmen heute meist ein Langzeit-Insulin für die Nacht und Kurzzeit-Insuline für die schnelle Wirkung nach dem Essen. „Der Trend geht zu Ultra-Langzeit-Insulinen, die nur noch einmal pro Woche gespritzt werden müssen. Sie sind bereits entwickelt, aber noch nicht zugelassen.“

Auch an intelligenten Insulinen werde gearbeitet. Sie müssen nur einmal in einem bestimmten Zeitraum gespritzt werden und reichern sich im Fettgewebe an. Die Freisetzung erfolge in Abhängigkeit vom Blutzuckerwert. Hier sei die Entwicklung aber noch nicht abgeschlossen. Eine Insulintablette werde es jedoch auf absehbare Zeit nicht geben, da viel zu hohe Dosen nötig wären, um den Blutzucker zuverlässig zu senken.

Das häufige Blutzuckermessen durch einen Stich in den Finger finden viele insulinpflichtigen Diabetiker belastend. Doch auch dafür gibt es längst neue Messsysteme. Heiko B. hat sich einen Sensor auf den Oberarm setzen lassen, der den Blut- und Gewebezucker zuverlässig erfasst. „Er wird mit einem Lesegerät aktiviert. Die Werte kann ich dort ablesen oder auf mein Handy übertragen“, erklärt er.

Allerdings werden solche Messsysteme nur dann von den Kassen übernommen, wenn Patienten mindestens viermal pro Tag Insulin spritzen müssen. Heiko B. hat aufgrund der anfänglichen Insulinbehandlung noch seinen Chip am Arm. „Ich möchte das Messgerät aber weiterhin behalten. Ich fühle mich einfach sicherer, wenn ich meine Werte im Blick habe“, sagt er. Deshalb würde er es künftig auch selbst zahlen. Diabetiker, die mit modernen Antidiabetesmedikamenten behandelt werden, aber nicht mehr so häufig messen, müssen das eigentlich nicht tun. Die Kontrolle des Langzeitblutzuckerwertes HBA1c im Rahmen der routinemäßigen Untersuchungen beim Arzt reicht aus.

In der Diabetesbehandlung wird sich in den nächsten Jahren noch viel tun. Eines wird jedoch niemals in den Hintergrund treten – ein gesunder Lebensstil. „Er ist die Basis jeder Diabetesbehandlung“, sagt Ulrike Schatz.

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