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„Zum Glück ist mein Fuß noch dran“

Empfindungsstörungen werden oft noch nicht ernst genug genommen. Ein Dresdner bekam die Folgen zu spüren.

Gut abstützen und das rechte Bein nicht belasten.“ Dr. Elisabeth Wendt vom Diabetischen Fußzentrum der Helios Weißeritztal-Klinik Freital unterstützt den Dresdner Patienten bei seinen ersten Gehversuchen ohne Rollstuhl.
Gut abstützen und das rechte Bein nicht belasten.“ Dr. Elisabeth Wendt vom Diabetischen Fußzentrum der Helios Weißeritztal-Klinik Freital unterstützt den Dresdner Patienten bei seinen ersten Gehversuchen ohne Rollstuhl. © Matthias Rietschel

Noch darf Frank Bauer* aus Dresden sein Bein nicht voll belasten, denn der rechte Vorfuß musste entfernt werden. Ursache ist seine eher schlecht behandelte Diabeteserkrankung, sie hatte Nerven und Blutgefäße stark geschädigt. Deshalb geht er noch an Unterarmstützen. Doch das wird bald Vergangenheit sein. „Ich habe großes Glück gehabt, dass mein Fuß noch dran ist. Die Alarmzeichen habe ich einfach nicht ernst genug genommen“, sagt der 59-Jährige.

Das Unglück begann mit einer Verbrennung. „Ich bin Sauna-Fan und habe mir eine Infrarot-Heimsauna gekauft. Doch leider bin ich darin eingeschlafen“, sagt Frank Bauer. Mit den Zehen kam er an die Heizung und verbrannte sich. Doch gespürt habe er davon nichts. Erst als der Fuß sich entzündete und von allein nicht abheilte, behandelte er sich mit Fußbädern, denen er Kamille- und Eichenrindensud zugab. Vergeblich: Es wurde nur schlimmer.

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Bauer schwört auf Naturmedizin. Gegen seine Zuckerkrankheit nahm er keine Medikamente. Er fastete ein- bis zweimal pro Jahr je eine Woche und aß zusätzlich vier Wochen pro Jahr nur pflanzliche Rohkost und Frischkornbrei. Anfangs kontrollierte er seine Blutzuckerwerte noch regelmäßig, ließ es aber nach und nach schleifen, wie er sagt. So ein pelziges Gefühl an den Füßen habe er schon vor der Verbrennung gespürt, so, als liefe er in sehr dicken Wollsocken. Dass das bereits ein Zeichen des sogenannten diabetischen Fußes war, ahnte er nicht.

„Das Beispiel von Herrn Bauer ist nicht ungewöhnlich“, sagt Dr. Andreas Reichel, Chefarzt der Klinik für Diabetologie der Helios Weißeritztal-Kliniken in Freital. Ein schlecht eingestellter Blutzucker greife die Nerven und Blutgefäße an – vorrangig an den Füßen, dort kommt auch noch ein dauerhafter Druck von oben dazu. „Dringen dann aufgrund einer Verletzung Keime ein, wird das meist viel zu spät festgestellt, weil der Schmerz als Alarmsignal fehlt“, so der Chefarzt. Die Zuckerkrankheit führe aber auch dazu, dass die Durchblutung gestört sei. Reichel: „Wunden können dann nicht richtig heilen. Die Infektion steigt auf, sodass am Ende Fuß oder gar Unterschenkel amputiert werden müssen.“

Wichtig ist das Diabetes-Programm

Der diabetische Fuß ist eine häufige Folge- und Begleiterkrankung des Diabetes. Er kann bei Typ-1- und Typ-2-Diabetikern auftreten. Jedes Jahr kommt es deutschlandweit deshalb bis zu 50.000 Amputationen. Die Deutsche Diabetesgesellschaft setzt sich gemeinsam mit der „Arbeitsgemeinschaft Diabetischer Fuß“ für mehr Aufklärung, Vorbeugung und optimale Behandlung ein.

Die erste Voraussetzung sei die optimale Einstellung des Blutzuckers durch eine gesunde Lebensweise und Medikamente, sagt Reichel. „Ein diabetischer Fuß ist immer ein Zeichen dafür, dass der Blutzucker zu einem bestimmten Zeitpunkt nicht gut behandelt war.“ Er empfiehlt Diabetespatienten, sich bei ihrem Arzt in das Diabetes-Management-Programm (DMP) ihrer Krankenkasse einschreiben zu lassen. Neben einer regelmäßigen Blutzucker- und gesundheitlichen Überwachung kann bei entsprechendem Risiko eine Behandlung beim Podologen verordnet werden. Dann werden die Füße alle vier bis sechs Wochen untersucht und gepflegt. Bei geringsten Verletzungen könnte sofort eine fachgerechte Behandlung empfohlen werden. Frank Bauer war in keinem solchen Programm. Ein Fehler, wie er heute weiß.

Einem Bericht der AOK Plus zufolge sind die Sachsen generell recht vorbildlich in der Nutzung der Podologie. So waren im Jahr 2019 pro 1.000 in Sachsen versicherten Diabetikern knapp 160 in regelmäßiger podologischer Behandlung. Der Bundesdurchschnitt liegt bei 120. Seit 2009 ist der Anteil der podologisch versorgten Diabetiker im Freistaat um fast 80 Prozent gestiegen. Die Rate der Amputationen sank gleichzeitig um 15 Prozent. Bei vier von 1.000 Patienten war sie laut AOK Plus nötig.

Barfußlaufen ist verboten

Jeder Zuckerkranke könne sein Risiko aber auch selbst einschätzen, sagt Andreas Reichel. Gefährdet seien Patienten mit viel Hornhaut oder sehr trockener Haut an den Füßen. Gebe es bereits Gefühls- oder Durchblutungsstörungen, brauche der Risikofuß eine besonders vorsichtige Behandlung. „Barfußlaufen ist strikt verboten, selbst in der Wohnung.“ Denn kleinste Verletzungen könnten die Eingangspforte für aggressive Keime sein, die dann bis zum Knochen vordringen und das Gewebe zerstören können, ohne dass es bemerkt wird. Die Schuhe sollten weich sein und passende Einlagen haben. „Bevor Sie den Schuh anziehen, schütteln Sie ihn bitte aus!“, so sein Hinweis. Das kleinste Steinchen könnte zu schlimmen Verletzungen führen.

Wird eine solche Verletzung oder Blase entdeckt, dürfe man nicht zögern, in ein diabetologisches Fußzentrum zu gehen. „Eine solche Verletzung ist ein Notfall“, mahnt er. Keineswegs sollte wie bei Frank Bauer versucht werden, selbst daran herumzudoktern. Als dieser ins Fußzentrum nach Freital kam, war die Infektion schon bis zum Mittelfuß vorgedrungen. Er bekam Antibiotika, und infiziertes Gewebe wurde operativ entfernt. Zusätzlich behandelte man den Fuß mit einem Vakuumverband – ein Folienverband, aus dem die Luft abgesaugt wird. „Durch den Unterdruck gelangt Flüssigkeit aus dem Körper zurück in die Wunde, was die Heilung begünstigt.“

Auch Wundbehandlungen mit Silberauflagen und Kaltplasma hätten sich bewährt. Ebenso wie die sogenannte Biochirurgie – das ist eine Wundreinigung durch Fliegenmaden, die abgestorbenes Gewebe fressen. „Der Einsatz von hyperbarem Sauerstoff oder Fettstammzellen für die Gewebeneubildung sind in wissenschaftlichen Studien noch nicht so gut untersucht. Wenn aber gar nichts mehr hilft, setzen wir auch diese Mittel ein, um zu versuchen, den Fuß zu erhalten“, sagt Andreas Reichel. Ganz wichtig sei die Verbesserung oder Wiederherstellung der Durchblutung. Dazu würden Gefäße mit Kathetern oder Stents aufgedehnt. „Um einen Fuß zu retten, braucht es ein ganzes Team von Spezialisten. Normale Krankenhäuser haben diesen Stab meist nicht.“

Amputationen sind lukrativer

Der Grund: Solch langwierige Diabetesbehandlungen sind für viele Kliniken nicht lukrativ. Große Operationen würden besser vergütet und deshalb immer noch Amputationen empfohlen, wo der Fuß eigentlich gerettet werden könnte, sagt der Chefarzt. Er empfiehlt Patienten vor einer Amputation des gesamten Fußes, sich eine Zweitmeinung einzuholen, am besten in einem diabetologischen Fußbehandlungszentrum. Dort arbeiten Diabetologen, Gefäßmediziner, spezialisierte Chirurgen und Wundspezialisten eng zusammen. Der Gemeinsame Bundesausschuss hat erst kürzlich den diabetischen Fuß in die Zweitmeinungsrichtlinie aufgenommen.

Seit 2018 erstellt der Bundesverband der Diabeteskliniken eine Transparenzliste, um Patienten die Orientierung zu erleichtern. 120 Diabetes-Akutkliniken in Deutschland werden dazu alle zwei Jahre hinsichtlich ihrer Zertifikate, ihrer Spezialisierungen, der Zahl der behandelten Patienten sowie der Qualifikation und Anzahl des Personals mit Punkten bewertet. Abhängig von der Punktezahl gibt es Sterne. „Fünf-Sterne-Häuser sind wie in der Hotelbewertung auch beim Diabetes die besten“, sagt Dr. Thomas Werner, Vorsitzender des Bundesverbandes. Die Helios-Weißeritztal-Klinik Freital ist die einzige in Sachsen mit fünf Sternen und gehört zu den 15 besten in Deutschland.

Davon profitierte auch Frank Bauer. Wenn der Fuß wieder verheilt ist, bekommt er einen Spezialschuh mit einer Prothese für den Vorfuß. „Damit werde ich wieder richtig laufen können“, sagt er. Bauer lässt sich jetzt auch mit Insulin behandeln, sein Blutzucker wird regelmäßig kontrolliert. Dazu ist er einem DMP beigetreten. „Das hätte ich schon viel früher tun sollen“, sagt er selbstkritisch.

*Name geändert

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