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Gewalt im Irak geht erstmals zurück

Auch die Amerikaner halten die Sicherheitslage für spürbar verbessert.

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Von Birgit Svensson, Erbil

Pünktlich zum Weihnachtsfest kommt die gute Nachricht aus dem Irak: „Alle sind sich einig, dass sich die Sicherheitslage substanziell verbessert hat.“ General David Petraeus war sichtlich stolz, als er am Wochenende vor die Presse trat und die frohe Botschaft verkündete. Die Zahlen sprechen für den Kommandierenden der Streitkräfte im Irak und den am 14.Februar in Kraft gesetzten Sicherheitsplan, der auch „surge“ genannt wird.

Dieser „Stromstoß“ spülte weitere 30000 US-Soldaten ins Zweistromland, was die Truppenstärke auf über 160000 anwachsen ließ - so viel wie noch nie seit dem Einmarsch im März 2003. Doch die Verstärkung und eine durchdachte Koordination mit den neu entstandenen irakischen Sicherheitskräfte brachte schließlich die Erleichterung: „Das Maß an Gewalt und Blutvergießen ist in den letzten drei Monaten auf ein Niveau gesunken, das dem vom Sommer 2005 gleichkommt“, so Petraeus.

Kein Anlass zum Jubeln

Bis jetzt sind im Dezember 536 Iraker getötet worden, im Vergleich zu 2300 ein Jahr zuvor. Zu großem Jubel besteht allerdings noch kein Anlass. Zwar sind die Opferzahlen drastisch zurückgegangen, es werden aber immer noch täglich Menschen getötet und weiterhin bestialisch ermordet. In Bagdad herrscht deshalb neben aufkeimender Hoffnung weiter massive Skepsis.

Zu oft schon brach nach einer Phase des Durchatmens die Welle der Gewalt noch heftiger als vorher über die Stadt herein. „Die Terroristen verstecken sich nur oder suchen sich neue Nester“, ist die einhellige Meinung.

Und doch ist die Stimmung am Jahresende eine andere als zu Anfang. Der Startschuss fiel durch den Asien-Cup im Sommer, den die irakische Fußballmannschaft überraschend gewann. Ein Sturm der Begeisterung brach aus im ganzen Land. Vergessen war für einen Augenblick der Terror, die Bombenanschläge und sektiererischen Morde. An jenem Tag gab es nur noch Iraker, egal ob Araber, Kurden, Assyrer, Sunniten, Schiiten oder Christen. Die Menschen tanzten im Nationalfieber auf den Straßen. Sogar ein kurdischer Nationalspieler hüllte sich bei der Siegerehrung in eine irakische Fahne und ließ verlauten, dass er doch Iraker sei.

Kurz zuvor hatte Kurdenführer Mazoud Barzani verfügt, das irakische Banner von den öffentlichen Gebäuden in den kurdischen Autonomiegebieten im Nordirak zu nehmen und nur noch die kurdische Flagge zu hissen. Doch die separatistischen Töne, die vordem vor allem aus dem kurdischen Norden kamen, sind weitgehend verstummt. Auch der Schiitenführer Abdel Aziz al-Hakim, der noch im Frühjahr einen Plan für eine weitgehende Autonomie der südlichen Provinzen vorschlug, stimmt jetzt in den Chor der Einheitsbefürworter ein. Von Abspaltung des Südens vom Rest Iraks könne keine Rede sein, ließ er mitteilen.

Endlich ziehen mehrere Kräfte an einem Strang. Gleich nach dem Gewinn des Fußball-Cups schlossen sich die Stammesführer der Terrorprovinz Anbar zu einer „Front zur Rettung“ ihrer Provinz zusammen. Das erklärte Ziel: Al-Qaida und die anderen ausländischen Terroristen müssen verschwinden. Es wurden Bürgerwehren und Nachbarschaftswächter eingesetzt, die Amerikaner gaben Waffen, Munition und Geld. Dem Beispiel Anbar folgten andere Provinzen. Anfang Oktober dann vereinbarten die beiden einflussreichsten Schiitenführer einen Waffenstillstand zum „Schutz irakischen Blutes“, wie es offiziell hieß.

Unfreiwillige Hilfe

Und kürzlich unterzeichneten der radikale Prediger und Chef der Mahdi-Armee, Moktada al-Sadr und der Vorsitzende des Hohen Rates der Islamischen Revolution, Abdel Aziz al-Hakim, der die Badr-Milizen kontrolliert, eine Drei-Punkte-Erklärung. Darin geloben sie, keine Iraker mehr zu bekämpfen, die Medien zu einer Berichterstattung im Geist der Versöhnung aufzurufen und 18 regionale Friedenskommissionen zu gründen. Auch die höchste schiitische Autorität im Irak, Großajatollah Ali al-Sistani, mischte sich in den Chor der Versöhnung ein und rief die Schiiten dazu auf, „ihre sunnitischen Brüder zu respektieren“ und keinen Keil zwischen beide treiben zu lassen.

Doch den größten Gefallen für die Einheitsbewegung im Irak tat ihr unfreiwillig der Senat in Washington. Im Oktober votierten die Senatoren mit Mehrheit für eine sogenannte „Soft Partition“ des Irak, eine weiche Teilung. Dies sollte als ein Vorschlag zur Lösung der Krise gewertet werden. Der Aufschrei zwischen Euphrat und Tigris war gewaltig. Sunniten, Schiiten und Kurden empörten sich gleichermaßen über die „Empfehlung“ aus Amerika. Die Einheitsfront erhielt einen unglaublichen Schub, ob gewollt oder nicht: Mitte Dezember regte gar Kurdenführer Mazoud Barzani an, endlich über eine neue, gemeinsame irakische Fahne zu entscheiden.