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Gewappnet gegen den Terror

Der Freistaat gibt Millionen aus, um die Polizei aufzurüsten. In der Nähe von Riesa wird mit der neuen Technik trainiert.

© Sebastian Schultz

Von Christoph Scharf

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Riesa. Schwer bepackt hasten Polizisten am Waldrand entlang. Die Gesichter sind unter Helm und Sturmhaube nicht zu erkennen. Ein Beamter postiert sich hinter dem Stamm einer Kiefer, das Gewehr im Anschlag. Ein Kollege sichert mit einer Pistole zur Seite ab. Beide konzentrieren sich auf ein einstöckiges Gebäude im Hintergrund. Dort war kurz zuvor eine Alarmanlage ausgelöst worden. Sofort ist den Behörden klar: Das wird kein Alltagseinsatz. „Die Alarmanlage gehört zu einem Tresor, in dem Jäger ihre Waffen lagern“, sagt Polizeihauptkommissar Steffen Theurich. Damit ist klar: Der oder die Einbrecher sind jetzt im Besitz von Gewehren.

Lang: Die Anlage bei Poppitz bietet eine 300-Meter-Schießbahn und ist damit auch für Spezialkräfte geeignet. © Sebastian Schultz
Bunt: Die neuen Dienstwaffen gibt es auch in Rot und Blau. Die Rote ist nur zum Vorführen und Zerlegen geeignet und schießt gar nicht, die Blaue verschießt Farbpatronen. © Sebastian Schultz
Durchlöchert: Schießscheiben halten in dem Polizeiobjekt nie besonders lange. Pro Monat fallen dort mehr als 5000Schuss. © Sebastian Schultz

Da reicht es nicht aus, einen oder zwei Streifenwagen vom Polizeirevier Riesa hinzuschicken. Das ist ein Fall für die Spezialisten der Polizei, die sich jetzt – gegenseitig sichernd – an das gelbe Gebäude auf der Lichtung heranarbeiten. Die Beamten gehören zum Einsatzzug der Polizeidirektion. Sie wirken mit ihren Schutzwesten, Gewehren, Helmen eher wie Soldaten im Kampfeinsatz. Waffen und Ausrüstung sind noch so gut wie neu: Sie stammen zum größten Teil aus dem Anti-Terror-Paket des Freistaats. Insgesamt 15 Millionen Euro waren vergangenes Jahr bewilligt worden, um die Polizei unter anderem mit gepanzerten Fahrzeugen, speziellen schusssicheren Westen und Gewehren auszurüsten. Damit sind die Beamten nun wesentlich besser für Einsätze ausgerüstet, bei denen ihnen schwer bewaffnete Täter gegenüberstehen.

Die Beamten haben mittlerweile die Außenwand des Gebäudes mit dem roten Ziegeldach erreicht. Laute Rufe erschallen: „Polizei! Die Waffen weg!“ Die Beamten schieben sich dicht an der Fassade entlang und behalten jedes Fenster, jede Tür im Blick. Die Bewegungen jedes Polizisten sind auf die der Kollegen abgestimmt: Niemand dringt vor, ohne dass ihn ein anderer gleichzeitig sichert. „Wir wollen damit taktische Überlegenheit herstellen“, sagt Steffen Theurich.

Sachsens neue Pistole

Sachsen rüstet derzeit seine Polizeibeamten mit einer neuen Pistole aus: Die SFP 9 von Heckler & Koch löst den Vorgänger P7 ab, der seit Anfang der 90er im Einsatz war.

Auf dem Schießplatz bei Riesa werden die Beamten mit der Waffe geschult: Die Dresdner waren schon da, bald folgt das Revier Meißen, dann Riesa und Großenhain. Nacheinander üben dort mehrere Hundert Beamte.

Die neue Pistole hat ein Magazin für 15Schuss, die alte nur für acht. Neu sind Griffstücke in verschiedenen Größen – für Männer- und Frauenhände.

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Der Hauptkommissar gibt jetzt ein Zeichen: Die Übung ist vorbei. Denn darum handelt es sich bei dem Einsatz an dem Häuschen am Waldrand. Das wird immer wieder von Spezialkräften erstürmt: Denn das Gebäude gehört zu einem der wichtigsten Schießplätze der sächsischen Polizei – unscheinbar an der Straße zwischen dem Riesaer Ortsteil Poppitz und dem Dorf Heyda gelegen. Dort üben Polizisten aus der halben Polizeidirektion das Schießen – Dresdner, Meißner, Riesaer, Großenhainer. Sie haben dort viel Platz. Gleich hinter dem erstürmten Häuschen – einst Quartier von Polizei-Hundeführern – versteckt sich eine 300-Meter-Schießbahn im Wald.

Die Einzige in Sachsen. Ideal für das Training mit den Gewehren, von denen der Freistaat jetzt 54 Exemplare für Einsatzzüge und Bereitschaftspolizei angefasst hat. Weil Pistolen und Maschinenpistolen im Zeitalter der steigenden terroristischen Bedrohung nicht mehr ausreichen, verfügen Sachsens Polizisten nun auch über sogenannte Selbstladebüchsen – rund 90 Zentimeter lange und an die vier Kilogramm schwere Gewehre, mit denen man auch auf 300 Meter Entfernung präzise schießen kann.

Ausgerüstet sind die Waffen vom traditionsreichen Hersteller Haenel aus Suhl mit aufgesteckten LED-Lampen und elektronischen Visieren. Die Magazine bergen 20 oder 30 Schuss im gängigen Nato-Kaliber. Mit den Waffen können gezielte Einzelschüsse abgegeben werden. „Bei unseren Einsätzen ist immer damit zu rechnen, dass unvermittelt Unbeteiligte auftauchen“, sagt ein Polizeimeister des Einsatzzugs. „Feuerstöße wie im Actionfilm brauchen wir nicht.“

Der Mittdreißiger setzt mittlerweile seinen Helm wieder ab und zieht die schwarze Maske vom Kopf. Seinen Namen möchte er genauso wenig nennen, wie sein Gesicht in der Zeitung sehen. Kein Wunder: Die Beamten der Einsatzzüge werden nicht nur bei Fußballspielen oder Demonstrationen mit hohem Konfliktpotenzial eingesetzt – etwa bei den Asylprotesten in Freital oder Heidenau – sondern auch dann, wenn es gegen die Organisierte Kriminalität geht.

Nun nimmt er auch die mehr als zehn Kilo schwere Schutzausrüstung ab, die mit eingelegten Keramikplatten die Front vom Hals hinab bis zu den Oberschenkeln bedeckt. Genauso wie der Spezialhelm aus US-Produktion soll die Weste auch bei Beschuss durch Gewehre schützen. – Während der Polizeimeister sein Gewehr schultert, sind aus dem Wald ununterbrochen Schüsse zu hören: Seine Kollegen üben auf mehreren Bahnen den scharfen Schuss.

Und das nicht zu knapp: Pro Quartal ordert der Polizeischießplatz 15 000 bis 20 000 Schuss Munition – und da sind die Einsätze von Spezialkräften noch gar nicht eingerechnet. Die Natur fühlt sich auf dem Areal zwischen Poppitz und Heyda trotzdem wohl: Ab und an versuchen Füchse, sich einen Bau im Wall der Schießbahn anzulegen. „Selbst der Pirol lebt bei uns“, sagt Steffen Theurich. Von Schüssen und trainierenden Polizisten lässt sich der Vogel überhaupt nicht stören.