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Gewerkschaft will „Neuaufbau“ der Rente

Wie sich die IG Metall die Alterssicherung der Zukunft vorstellt: Mehr Rente für alle, aber auch erheblich höhere Beiträge.

© dpa

Von Peter Heimann, Berlin

Die größte deutsche Einzelgewerkschaft IG Metall hat die Zukunft der Rente zum Top-Thema des Bundestagswahlkampfes ausgerufen. Gewerkschaftschef Jörg Hofmann, dessen Organisation etwa 2,3 Millionen Mitglieder vertritt, forderte dazu am Mittwoch in Berlin von der Politik einen „Strategiewechsel in der Rentenpolitik“.

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Die Gewerkschaft stellte ein eigenes Renten-Reformkonzept vor, das im Kern auf eine Anhebung der Altersbezüge um rund elf Prozent hinausläuft. Damit würde die dämpfende Wirkung der rot-grünen Rentenreformen 2002 und 2004 faktisch rückgängig gemacht. Das Versorgungsniveau im Alter soll wieder Vorrang haben vor dem Ziel möglichst geringer Beitragssätze in der Rentenversicherung. Stoßrichtung ist weniger die Bekämpfung von Altersarmut als die Absicht, das Prinzip der Leistungsgerechtigkeit zu stärken. Die SZ erläutert wichtige Details der Idee:

Warum soll die Rente schon wieder reformiert werden?

Die Gewerkschafter sehen angesichts der Krise der Finanzmärkte und der niedrigen Zinsen ein gutes politisches Umfeld für ein Comeback der gesetzlichen Rente. Das Rentenniveau, also das Verhältnis der Standardrente zum Durchschnittseinkommender Beitragszahler, soll wegen der demografischen Entwicklung sinken. Das heißt: Die Renten werden weniger schnell angehoben als das Einkommen der Beschäftigten. Die Differenz sollten private und betriebliche Vorsorge, vor allem die Riester-Rente, schließen. Das funktioniert aber nicht wie erhofft. Deshalb setzen die Metaller wieder stärker auf die umlagefinanzierte gesetzliche Rentenversicherung.

Wie soll die Umstellung genau ablaufen?

„Zur Anhebung der Renten schlägt die IG Metall ein Drei-Phasen-Konzept vor“, so Hofmann. Zunächst gehe es darum, ein weiteres Absinken des Rentenniveaus zu stoppen. In einer zweiten Phase solle die Rentenentwicklung wieder stärker an die Lohnentwicklung gekoppelt werden. Erst in einer dritten Phase solle es um eine schrittweise Anhebung der gesetzlichen Rente gehen. Ohne Korrektur erreichten laut Hofmann viele Versicherte mit geringem und mittlerem Einkommen selbst bei langer Beitragszahlung nur noch schwer eine Rente oberhalb der Grundsicherung im Alter. Das würde die Akzeptanz des Systems zunehmend infrage stellen.

Was macht der Vorschlag in Euro und Cent aus?

Als Orientierungsgröße hat sich die Gewerkschaft das im aktuellen Rentenversicherungsbericht der Bundesregierung angegebene Versorgungsziel von gesetzlicher und Riester-Rente ausgesucht: 1 450 Euro brutto im Monat. So viel sollte haben, wer 45 Jahre durchschnittlich verdient und dafür Beiträge gezahlt hat. Das wären rund 5,25 Prozent mehr als heute und würde einem Rentenniveau von knapp über 50 Prozent entsprechen.

Gibt es noch weitere gravierende Änderungen?

Ja. Die Renten-Berechnung soll den aktuellen Lebensgegebenheiten angepasst werden. Weil im Schnitt Beschäftigte mit 43 Entgeltpunkten in den Ruhestand wechseln, soll die Standardrente in Zukunft auf 43 Entgeltpunkten und nicht mehr auf 45 Entgeltpunkten basieren. Arbeitnehmer sollen also praktisch sowohl früher als auch mehr Rente bekommen. Das heißt: Die Standardrente von 1 450 Euro soll schon bekommen, wer 43 Rentenpunkte auf seinem Konto gesammelt hat. Heute bekäme er „nur“ 1 .309 Euro. All diese Werte gelten für den Westen. Bis zur Umsetzung soll es ein einheitliches Rentensystem geben.

Was kostet der Spaß, und wer soll das alles bezahlen?

Zur Finanzierung will die IG Metall die Einnahmenbasis schrittweise auf die gesamte arbeitende Bevölkerung ausdehnen und beispielsweise auch Selbstständige, Abgeordnete und Beamte zur Beitragszahlung verpflichten. Zweitens fordert die Gewerkschaft einen höheren Bundeszuschuss und damit mehr Steuergelder – etwa zur Bezahlung der Mütterrente. Drittens regen die Arbeitnehmervertreter eine nach ihrer Ansicht „moderate Beitragssatzanhebung“ an. Ihnen schwebt für das Jahr 2030 ein Korridor von 11 bis 12,5 Prozent jeweils für Arbeitnehmer und Arbeitgeber vor. Im Klartext: Der Beitragssatz könnte 2030 auf 25 Prozent anwachsen. Derzeit liegt der gesamte Beitrag bei 18,7 Prozent. Neue Riester-Förderung würde dann allerdings nicht mehr gebraucht. Dennoch: Alles in allem macht das jährliche Mehrkosten von über 60 Milliarden Euro aus.