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Gewerkschaften heizen Amazon ein

Verdi findet Verbündete in Polen und Tschechien. Dort will der Internet-Versandhändler fünf neue Verteilzentren errichten. Auch als Drohkulisse im Streit um einen Tarifvertrag?

© dpa

Von Michael Rothe

Vor 25 Jahren hätten Ostdeutsche beim Griff nach Solidarnosc-Prospekten Kopf und Kragen riskiert. Auch für die damals als konterrevolutionär abgestempelte polnische Gewerkschaft war es undenkbar, mal Partner bei einer Konferenz in Dresden zu sein. Jetzt war Solidarnosc da. Ihre Flyer auch. Gestern im NH-Hotel am Altmarkt. Die Zeiten ändern sich.

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Gut zwei Jahrzehnte nach der Wende rücken nicht nur Staaten in der EU, sondern auch Arbeitnehmervertreter zusammen. Jetzt eint sie im Gewerkschaftsrat Elbe/Neiße die Sorge, der US-Versandhändler Amazon könnte in Mitteleuropa amerikanische Zustände einführen. „Tariflose Dumpinglöhne und Kameraüberwachung wollen wir nicht haben“, sagt Markus Schlimbach, stellvertretender DGB-Vorsitzender in Sachsen. Daher berieten nun die hiesige Gewerkschaft Verdi und ihre grenznahen Partner in Tschechien und Polen.

Mitten im Endlosstreit um Tarifverträge und Lohnplus in Deutschland platzte die Nachricht, dass Amazon in Polen drei und in Tschechien zwei Versandzentren bauen will. Da machen sich nicht nur 1.200 feste, 800 befristete Mitarbeiter und 2.000 Saisonkräfte im Verteilzentrum Leipzig Gedanken. Seit Oktober wächst in Wroclaw (Breslau) das mit 95.000 Quadratmetern größte Verteilzentrum Osteuropas. 2014 soll es fertig sein (ein zweites folgt) und 2.000 langfristige und 3.000 Saisonjobs bringen. Jubel vor Ort – wie in Posen (Poznan) sowie in Prag und Brno (Brünn) in Tschechien.

Ähnlich hatte man sich 2006 in Leipzig gefreut, als der Versandriese eingestiegen war – nicht zuletzt wegen Steuererlass und niedrigerer Löhne als im Westen. Mittlerweile ist die Euphorie verflogen. Seit Mai hat Verdi in Leipzig und Bad Hersfeld bereits achtmal zu Streiks aufgerufen. Im Schnitt hat sich jeder fünfte Festangestellte an den Aktionen beteiligt. Verdi ist zufrieden, sieht die Belegschaft immer mutiger. In Leipzig sei man mit zwei Gewerkschaftern gestartet, jetzt wären dort 700 Mitarbeiter organisiert. Ohne Details zu nennen, kündigt Thomas Schneider, Sachsens Verdi-Mann für Amazon in Leipzig, weitere Aktionen in der Adventszeit an. Die könnten auf andere Standorte ausgedehnt werden. Gerade war in Brieselang bei Berlin ein neues Logistikzentrum gestartet.

Amazon-Vorstand: Keine Zeit für Verdi

Das Unternehmen mit Sitz in Seattle und rund 9.000 Mitarbeitern sowie 14.000 Saisonkräften in neun deutschen Versandlagern lehnt Gespräche mit Verdi über einen Tarifvertrag ab und pflegt nach eigener Aussage über Betriebsräte und Mitarbeiterforen „eine direkte Beziehung“ mit seinen Leuten. „Verdi ist nicht Teil dieser Beziehung, deswegen verwende ich nicht viel Zeit für sie“, sagt Amazon-Vorstand Dave Clark in einem Interview.

Noch nimmt Amazon die Drohung für ein heißes Weihnachtsgeschäft nicht ernst. Die bisherigen Streiks hätten keine Auswirkungen auf die Kunden gehabt, heißt es. Verdi schieße laut Clark „ein Eigentor“. Als Kronzeugen führt er die Kinder an, deren Weihnachtsfest nun ruiniert werde.

Für Verdi wiederum ist das „ein Spiel mit den Emotionen und ein Skandal“. Selbst wenn der angekündigte allgemeinverbindliche Mindestlohn mit 8,50 Euro unter dem liegt, was Amazon zahlt, fühlt sich die Gewerkschaft durch die Politik bestärkt. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte vor zwei Wochen in einer Videobotschaft für Tarifverträge im Online-Handel plädiert. Der setzte laut Bundesverband des deutschen Versandhandels 2012 allein mit Waren 27,6 Milliarden Euro um und zählt zu den wachstumsstärksten Märkten. Wichtigste Spieler: Amazon und Otto-Versand, der noch über Kataloge aktiv ist.

Anders als Weltbild, Hessnatur und Otto mit den Töchtern Schwab, Heine, Bonprix und Alba Moda verweigert Amazon Tariflöhne des Versandhandels. Die sehen in den ersten Jahren im Osten 11,39 Euro pro Stunde vor. Amazon sieht Lagern, Verpacken, Sortieren und Verschicken als Arbeiten der Logistik, wo laut Vertrag zwischen 9,19 und 9,61 Euro gezahlt werden. In Leipzig beträgt der Einstiegslohn 9,55 und im dritten Jahr 10,99 Euro. „Zu wenig“, sagt Verdi-Landesbezirksleiter Thomas Voß. Aber: Zalando zahlt noch weniger.

In Tschechien und Polen könnte Amazon noch mehr sparen: bei Netto-Monatslöhnen im Handel von unter 500 Euro. Aneta Bednarova von der tschechischen Handelsgewerkschaft OSPO und Boguslaw Wojtas von der polnischen NSZZ Solidarnosc in Jelenia Gora versichern die Sachsen ihrer Solidarität. Sie wollten Amazon mit Niedriglöhnen und unfairen Arbeitsbedingungen „keine vollendeten Tatsachen schaffen lassen“, sich nicht gegeneinander ausspielen lassen und rechtzeitig wehren. Gemeinsam mit den Deutschen. Gleichwohl sehen Sachsens Verdi-Leute Amazons Ankündigung im Tarifstreit als „Kampfansage“. Und doch werde weiter gestreikt.

Und was gibt den Funktionären die Gewissheit, dass sich die Streiks seit dem Frühjahr nicht totlaufen? „Wenn wir uns bewegen, bewegt sich Amazon“, sagt Thomas Voß und belegt: „Erst war das Unternehmen gegen Betriebsräte, jetzt liebt es sie. Zuschläge wurden verweigert, jetzt haben wir sie. Und jetzt gibt es erstmals Weihnachtsgeld, wenn auch nicht nach Tarif.“ Die Zeiten ändern sich.