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Gift im Blut

Mehr als 250 000 Menschen erkranken jährlich an einer Sepsis. Die Klinik Bavaria in Kreischa hat sich auf ihre Heilung spezialisiert.

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© Andreas Weihs

Von Andrea Schawe

Kreischa. Die Zahlen sind hoch, Experten gehen von bundesweit 270 000 Patienten im Jahr aus – ähnlich viele Menschen erkranken an Schlaganfällen oder Krebs. Trotzdem ist die Sepsis, die umgangssprachlich Blutvergiftung heißt, weit weniger bekannt. „In unserer Klinik werden sehr viele Patienten behandelt, die eine Sepsis durchlebt haben oder an den Folgen der Erkrankung leiden“, sagt der Neurologe Ulf Bodechtel, Chefarzt des Fachkrankenhauses der Klinik Bavaria Kreischa. Er schätzt, dass etwa zwei Drittel der Patienten, die in dem Fachkrankenhaus aufgenommen werden, an den Folgen einer Sepsis leiden. „Auslöser einer Sepsis sind Keime, zumeist Bakterien, aber auch Viren und Pilze“, sagt Andreas Bauer, Facharzt für Innere Medizin und ebenfalls Chefarzt des Fachkrankenhauses. Oft tritt eine Sepsis im Zusammenhang mit einer schweren Erkrankung oder nach langwierigen Operationen auf. Die Folgen einer Sepsis können ganz unterschiedlich sein – je nach Schwere der Erkrankung. Die Patienten haben meist neurologische Ausfallerscheinungen, Lähmungen und Störungen des Bewusstseins, wenn das Gehirn oder die Nerven mitbetroffen sind. Einige sind wegen Multiorganversagens abhängig von Maschinen, wie Beatmung oder Dialyse.

Die Klinik Bavaria hat sich unter anderem auf die Behandlung dieser Sepsisfolgen spezialisiert. Ziel ist es, die Betroffenen von den Maschinen zu entwöhnen und die motorischen und geistigen Funktionen wieder herzustellen. Damit soll ermöglicht werden, dass sie im besten Fall wieder zu Hause selbstständig leben können. Dazu arbeiten Neurologen und Fachärzte für Innere Medizin mit Therapeuten aller Fachrichtungen eng zusammen. „Wir sind eine Spezialklinik“, sagt Bauer. „Die interdisziplinäre Behandlung ist ein großer Vorteil.“

Ein weiterer Vorteil ist die enge Verzahnung zwischen der Intensivstation und der Rehabilitation. Nachdem die Patienten auf der Intensivstation der Klinik Bavaria von den Maschinen entwöhnt wurden, werden sie meist in die angebundene Reha-Klinik verlegt. „Wir können die Patienten dadurch ohne Informationsverlust dort weiter behandeln“, sagt Bauer. Danach folgt der Wiederaufbau der Nerven und der Muskelkraft, beschreibt Ulf Bodechtel die Behandlung. Mit geschulten Therapeuten lernen die Betroffenen wieder sprechen, essen und laufen. „Mit fortlaufender Behandlung versuchen die Spezialisten dann, die Gedächtnisstörungen zu verbessern.

Sollten während dieser Phase erneute medizinische Probleme auftreten, können die Ärzte schnell reagieren. „Viele Komplikationen können wir direkt im Fachkrankenhaus der Klinik Bavaria abklären und behandeln.“ Nur selten, etwa bei chirurgischen Notfällen, müssen die Patienten in ein Akutkrankenhaus verlegt werden. Die Genesung verläuft individuell sehr unterschiedlich, ist aber auch sehr vom Alter abhängig. „Bis 40 Jahre hat man naturgemäß bessere Chancen, eine Sepsis mit wenigen Folgeerscheinungen zu überstehen oder sogar komplett zu genesen“, sagt der Internist Bauer. Ältere Patienten haben oft bereits zahlreiche Nebenerkrankungen, die mitberücksichtigt und mitbehandelt werden müssen, etwa Herz-, Lungen- oder Nierenerkrankungen. Es zähle, das beste Ergebnis für den individuellen Patienten. „Bei manchen geht es darum, sie wieder in die Arbeitswelt einzugliedern, bei anderen ist es das Ziel, dass sie wieder eigenständig atmen und selbstständig essen können“, sagt Bodechtel. Ein Drittel der Patienten in den Krankenhäusern verstirbt in der Akutphase der Sepsis oder an ihren Folgen. Bei einem schweren septischen Schock sind es sogar 60 Prozent.

Um mehr über die Krankheit und ihren Verlauf herauszufinden, beteiligt sich die Klinik Bavaria an einer Studie der Universität Jena. Kreischa ist Partner des dort ansässigen Zentrums für Sepsisforschung. Seit 2015 erforscht die Uni die Folgen einer Sepsis im Rahmen der „Mitteldeutschen Sepsis Kohorte“, der weltweit größten Studie dazu. Sechs Kliniken mit bis zu 3 000 Patienten sind daran beteiligt.

„Die Forschung hat sich bislang auf die akutmedizinischen Aspekte der Sepsis konzentriert“, sagt Bauer. Repräsentative Langzeitstudien, was danach mit den Patienten passiere, etwa in der Rehabilitation, gibt es bisher kaum. „Wir haben hier in Kreischa die Möglichkeit, die Patienten lange zu begleiten“, sagt Bauer.

Am 18. September findet auf dem Gelände der Klinik Bavaria Kreischa, An der Wolfsschlucht 1-2, eine Veranstaltung anlässlich des Weltsepsistages statt. Dort wird es von 14 bis 17 Uhr Workshops und Vorträge rund um das Thema Sepsis geben.