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Glänzende Geschäfte mit den Henkern

Geschichte. Die Dresdner Bank lässt ihre Verbindungen mit dem NS-Regime untersuchen.

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Von Jürgen Heilig,Berlin

Volkswagen, Degussa, Bertelsmann. Die Liste der klangvollen deutschen Unternehmen, die in den vergangenen Jahren mehr oder weniger freiwillig ihre NS-Verstrickungen von Historikern haben untersuchen lassen, ist durchaus prominent bestückt. Dabei hielten sich aber die Banken bislang zumeist vornehm zurück. Das war beim zweitgrößten Geldinstitut Deutschlands lange nicht anders.

Noch in den 90er Jahren, also ein halbes Jahrhundert nach Ende des Zweiten Weltkrieges, verharmloste die Dresdner Bank ihre dunkle NS-Vergangenheit. Das führte 1997 zu erheblichem öffentlichen und wirtschaftlichen Druck, auch in England und den USA. Daraufhin entschloss sich die Bank, ein vierköpfiges Historikerteam um den damaligen Leiter des Dresdner Hannah-Arendt-Instituts, Klaus-Dietmar Henke, mit Forschungsarbeiten zur eigenen Geschichte zu beauftragen. Das Ergebnis ist rekordverdächtig: 2 374 Seiten, acht Jahre Dauer und 1,6 Millionen Euro Kosten, die die Bank „anstandslos“ bezahlte, wie Henke anerkennend feststellt.

Sogar am KZ-Bau beteiligt

Aber auch der Inhalt der vier jetzt vorliegenden Bände, für die die Wissenschaftler über zwölf Kilometer Akten durchsahen, hat es in sich: Denn wie keine andere private Bank stand die „Dresdner“, damals noch mit Sitz in der „Reichshauptstadt“, dem NS-Regime nahe. Ihren eigenen Leitspruch „Wir sind die Bank der SS“ konnte sie gerade dort nach Kräften verwirklichen.

So war sie etwa in großem Stil und quer durchs Land tausendfach an den so genannten „Arisierungen“ beteiligt, also an den meist zwangsweisen Eigentumsübertragungen jüdischer Kaufleute und Grundstücksbesitzer. Ebenso finanzierte sie der SS die Aufstellung der „Einsatzgruppen“, die im Zweiten Weltkrieg vor allem in Osteuropa die Zivilbevölkerung hinter der Front terrorisierte. Zudem war eine Tochtergesellschaft der Bank direkt am Krematorienbau im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau beteiligt.

Alles Geschäfte, die sich in den Bilanzen der Bank glänzend niederschlugen. Zwischen 1933 und 1945 konnte sie ihr Ergebnis verachtfachen. Zugleich stieg die Eigenkapitalrendite von knapp drei auf über 15 Prozent an. Welcher Teil davon tatsächlich auf die verwerflichen Geschäfte entfällt, ist für die Historiker allerdings nicht mehr nachzurechnen. Eine „offene Mittäterschaft“ an den NS-Verbrechen sei jedoch offensichtlich. Die Bank habe zweifelsohne „schwere historische Schuld“ auf sich geladen, resümiert Herausgeber Henke.

In seinen Grundzügen bestätigt das Forschungsprojekt die lange unter Verschluss gehaltenen „OMGUS“-Berichte der US-amerikanischen Militärverwaltung aus der unmittelbaren Nachkriegszeit. Sie waren Grundlage dafür, dass bei den Nürnberger Prozessen einer der beiden Nazi-Vorstände des Geldinstituts, Karl Rasche, als einziger deutscher Banker zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt wurde. Über ihn kursierte schon zu Kriegszeiten das Bonmot: „Wer marschiert hinter dem ersten Tank? Das ist der Dr. Rasche von der Dresdner Bank!“

Trotzdem kommen die Historiker zu dem Schluss, dass es zwischen der Bank und der SS keine „Verschwörung“ gegeben habe. Motiv sei vor allem pure Geschäftemacherei gewesen. (epd)