SZ + Dippoldiswalde
Merken

Brachialer Kirchenraub in Glashütte

Über 200 Jahre alte Einbruchsspuren führen auf die Fährte des legendären Räuberhauptmanns Lips Tullian.

 8 Min.
Teilen
Folgen
Lips Tullian als Edelmann.
Lips Tullian als Edelmann. © Repro: Matthias Schildbach

Von Matthias Schildbach

Dass Kirchenraub kein Phänomen längst vergangener Zeiten ist, zeigte der jüngste Vorfall in Geising. Ein Mitglied der Kirchgemeinde hatte am Morgen untrügliche Zeichen eines gewaltsamen Einbruchs vorgefunden. Der Verdacht bestätigte sich im Innern. Das gewaltsame Vorgehen der Täter und der Verdacht einer Serienmäßigkeit lässt Parallelen zu spektakulären Einbrüchen in Kirchen erkennen, die über 200 Jahre zurückliegen.

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts war der Name des Räuberhauptmanns Lips Tullian in Sachsen in aller Munde. Zu den bevorzugten Zielobjekten gehörten die Wohnungen gut betuchter Dresdner Einwohner, Rittergutssitze auf dem Land - und Kirchen.

Eine geradlinige Verbrecherkarriere

Lips Tullian, Phillipp Mengstein oder Elias Erasmus Schönknecht, wie immer er auch wirklich hieß, bediente sich vielerlei Identitäten. Er soll um 1672 im Raum Straßburg in Lothringen geboren sein. Nach seiner Fahnenflucht kam er erstmals in Prag mit dem Milieu der Diebe, Hehler und Kleinkriminellen in Kontakt. Er schloss sich einer Diebesbande an, machte Karriere und kam wohl um 1699 in Sachsen an. Die Räuberbande manifestierte sich, fand im noch ungefestigten sächsischen Justiz- und Strafverfolgungssystem der Zeit eine hervorragende Grundlage, sich zu etablieren und von nun an stieg er ganz groß ins Geschäft ein.

Vor allem in den Jahren 1709 und 1710 unternahm die inzwischen bis zu vierzig Mann starke Räuberbande, die sich eines ausgeklügelten Unterstützungsnetzwerkes bediente, teils beutestarke Raubzüge. Zentrum ihres Agierens war die Gegend um Bobritzsch und Klingenberg, wo sie sich gut getarnter Verstecke, schützender Identitäten und Alibis bedienten.

Geschickt ausgekundschaftet

Am 24. August 1710 wurde die Stadtkirche zu Glashütte zum Objekt der Begierde. Die Kirche war damals noch vom Friedhof umgeben, der in etwa die Ausmaße der heutigen unbebauten Fläche um die Kirche bis hin zur Straße hatte. Bandenmitglieder hatten bereits im Vorfeld getarnt als Gottesdienstbesucher das Innere der Kirche in Augenschein genommen. Als sich an jenem Abend zwischen 10 und 12 Uhr abends ein heftiges Sommergewitter über der Stadt entlud, merkte keiner der Stadtbewohner, wie sich dunkle Gestalten an der Kirche zu schaffen machten.

Aus einer Scheune hatten sich die Räuber eine Leiter geholt. Hinter der Kirche, wo der steile Hang etwas die Sicht verdeckt, stieg einer durch ein aus dem Fenster gebrochenes Blatt ins Gebäude ein. Er zog die Leiter hinauf und stellte sie im Innern ans Fenster, um wieder hinabzusteigen. Dann öffnete er von innen seinen Komparsen die Kirchentür.

Einbruchsspuren bis heute sichtbar

Noch heute lässt sich der Weg der Tullian-Bande in die Glashütter Kirche völlig schlüssig nachvollziehen. Die Fenster auf der Rückseite bieten guten Sichtschutz, das Fenstergesims einen halbwegs sicheren Stand.

Als die Bande in die Kirche gelangt war, ging es an die massive und schwer gesicherte Sakristeitür. Hinter ihr wurden die Kirchenschätze aufbewahrt. Kelche, Kerzenständer, Schmuck- und Dekorationsgegenstände aus Silber, Gold und bares Geld!

Die Räuber drehten von außen die Schlösser ab, hebelten mit einem Balken am steinernen Türstock der Sakristeitür, verbogen den inwendig liegenden schweren eisernen Türriegel. Es nützte nichts, die Tür ließ sich nicht öffnen. Das Gewitter draußen überdeckte das Schlagen und Krachen, das mit dem Zerstörungswerk einherging. Mit brachialer Gewalt verbog man schließlich das Türblatt derart, das der Kleinste der Bande durch den entstandenen Spalt in die Sakristei hineinkriechen konnte.

Ein in die Wand eingelassener Schrank war mit zwei Vorlegeschlössern und einem Riegel versehen. Er stellte für die geübten Diebeshände keine Barriere mehr dar. Die Schlösser wurden erbrochen, die Schranktür war hinüber. Eine Truhe und ein Schrank, ebenfalls mit Schlössern und Riegeln gesichert, waren aufgebohrt und zerstört worden. Selbst einzelne Dielen hatten die Räuber in der Sakristei ausgehebelt, um sich zu vergewissern, dass darunter nicht noch weitere Schätze verborgen sind.

Die Kirche zu Glashütte um 1840.
Rechte: Repro: Matthias Schildbach
Die Kirche zu Glashütte um 1840. Rechte: Repro: Matthias Schildbach © Repro: Matthias Schildbach
Der Weg der Einbrecherbande: Rechts das Einstiegsfenster, links die Tür in die Sakristei. Foto: Matthias Schildbach
Der Weg der Einbrecherbande: Rechts das Einstiegsfenster, links die Tür in die Sakristei. Foto: Matthias Schildbach © Matthias Schildbach
Die 1719 massiv gesicherte Tür in die Sakristei. Hier tobte sich die Tullian-Bande mit brachialer Gewalt aus. Foto: Matthias Schildbach
Die 1719 massiv gesicherte Tür in die Sakristei. Hier tobte sich die Tullian-Bande mit brachialer Gewalt aus. Foto: Matthias Schildbach © Matthias Schildbach
Der Wandschrank in der Sakristei der Glashütter Kirche. Noch heute sind die ausgebesserten Stellen an den Stellen der aufgebrochenen Schlösser zu erkennen. Foto: Matthias Schildbach
Der Wandschrank in der Sakristei der Glashütter Kirche. Noch heute sind die ausgebesserten Stellen an den Stellen der aufgebrochenen Schlösser zu erkennen. Foto: Matthias Schildbach © Matthias Schildbach

Die Schäden an der Sakristeitür, die völlig hinüber war, und dem Türgewände sind heute längst behoben. Überraschend ist jedoch die Betrachtung des Wandschrankes. Die eiserne Schranktür, die es bis heute gibt, ist Jahrhunderte alt und zeigt an zwei Stellen, an denen üblicherweise Schlösser sitzen, zwei ausgebesserte Stellen. Allgemein sieht sie ausgebessert und zurechtgedengelt aus. Kirchenschätze verbirgt sie indes schon lange nicht mehr.

Zur Beute der Räuber gehörten 41 Gulden aus purem Gold, ein vergoldeter Kelch und ein Teller aus Silber, goldene Spitzen von einem Altar-Vorhang, ein kostbares Altartuch von 1664 und andere textile Stücke gingen mit. Viel größer als die materiellen waren jedoch die ideellen Verluste. Wie der damalige Rat der Stadt höheren Ortes berichtete, lag der schmerzlichste Verlust in „einer doppelten mit langen Gliedern silbernen von Herzog Georgen der Knappschaft verehrte Vogel-Königs-Kette nebst einem daran hängenden starken Vogel, der auf dem Kopffe ein vergoldtes Kräntzgen, in den Augen Rubine, auff der Brust einen Pfeil, im Schnabel einen Pfeil, im Schnabel Schlägel und Eisen hatte, und mit beyden Füßen auff einem Ast stunde, samt denen daran hängenden theils vergöldeten theils silbernen Schildern, an die Zwey hundert Thaler werth“ - ein immenses Vermögen, aber vor allem ein unwiederbringliches Stück Glashütter Bergbautraditionsgeschichte. Die Hoffnung, dass die Beute irgendwo auf dem Schwarzmarkt wieder auftauchte, war vergebens. Die Räuber zerlegten die gestohlenen Kunstgegenstände, schmolzen sie ein und wogen das Edelmetall ab, um es als Anteile am Raubzug zu verteilen.

Entsetzen und Faszination zugleich

Der Anblick der Kirche muss am nächsten Morgen, es war ein Freitag, schrecklich gewesen sein. Sicher erregte das offene Fenster und die offenstehende Kirchentür einen ersten Verdacht. Der Anblick der Sakristeitür ließ dann keine Zweifel mehr offen. Binnen kürzester Zeit ging die Nachricht durch die Stadt, drängten Schaulustige in die Kirche und besahen sich das Unheil. Die Respektlosigkeit, die Gotteslästerung und das Ausmaß der Gewalt machten so schnell die Runde, dass in den nächsten Tagen Kutschen aus der Residenzstadt Dresden vorfuhren, um sich den Gewaltexzess in der Kirche zu Glashüte anzusehen. Unter welchen Zeichen stand wohl der erste sonntägliche Gottesdienst, zwei Tage nach dem Raub und im Angesicht der Einbruchsspuren?

Der Kirchenraub zu Glashütte führte binnen weniger Wochen zum Erlass eines „Räuber-Mandatums“ für Sachsen, in dem Kurfürst August der Starke den Räuberbanden den Krieg erklärte. Von nun an wurden die Jäger zu Gejagten. Die Raubüberfälle und Einbrüche ebbten mit einem Mal ab. Die sächsische Justiz verfolgte und ermittelte, wer gefasst wurde, kam unter die Folter. Die Kriminellen gestanden einer nach dem andern, bis das ganze Netzwerk, alle Helfershelfer gefasst waren. Die meisten kamen in den sogenannten Festungsbau nach Dresden und wurden in Ketten gelegt. Tagsüber mussten sie schwere Arbeiten verrichten.

Lips Tullian raubte ein unfassbares Vermögen in seiner Karriere zusammen. Gefunden wurde jedoch nie etwas, kein Schatz, kein geheimes Versteck. Immerhin ermöglichte ihn das Raubgut ein Leben in Luxus, Ausschweifung und Übermut. Er war und blieb jedoch ein Gejagter. 1711 wurde ihm eine Unachtsamkeit in Freiberg zum Verhängnis. Ein Wachposten erkannte ihn, Tullian wurde verhaftet.

In einem einzigartigen Spektakel wurde der Tullian-Bande schließlich der Prozess gemacht. Am 18. März 1715 wurden zwölf Haupträdelsführer zur Dresdner Richtstätte „Auf dem Sande“ geführt. Heute befindet sich hier die Einmündung der Lößnitzstraße in die Königsbrücker Straße. Einer nach dem anderen wurde enthauptet, die Körper danach gebrochen und auf Räder geflochten. Tullian war der Letzte, der an die Reihe kam. Seine finalen Worte sollen ein Eingeständnis gewesen sein, „er wolle jetzo die ihm zuerkannte Strafe willig leiden, tröste sich dabey der Gnade und Barmherzigkeit Gottes und wolle alle diejenigen, welche er in diesem Leben auf einerley Weise beleidiget habe, um Verzeihung gebeten haben.“ So bezeugt es der Bericht der Justizbeamten.

Ob sich die Geisinger Kirchenräuber der Gegenwart einer derart drakonischen Strafe dereinst stellen müssen, sei mit Recht angezweifelt. Was bleibt, ist der Räubermythos, der in jener Zeit entstanden ist. Die Figur des historischen Räubers der Neuzeit zeichnet sich vor dem fantasievollen Auge ab: Stachelbart, breitkrempiger Hut, schwarze Augenbinde. Sie ist bis heute mit einem Hauch von Neid auf selbstbestimmtes Leben, dem Drang zu schnellem Reichtum, aber auch Verfolgung, Brutalität und Rohheit verbunden. Bis heute erzählen wir den Kindern Grimms Märchen, die ohne das Mitspiel von Räuberbanden, Dieben und Schelmen undenkbar wären. Denn Räuber gehen nie als Sieger aus dem Märchen. Stehlen lohnt sich eben nicht.