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"Wir müssen andere Meinungen zulassen"

Glashüttes Bürgermeister Sven Gleißberg (parteilos) erklärt unter anderem, was er von Protestaktionen und den Morddrohungen gegen einen Kollegen hält.

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Glashüttes Bürgermeister Sven Gleißberg (38) will dafür kämpfen, dass die Glashütter auch am Ende des Jahres Lebensmittel in der Kernstadt einkaufen können.
Glashüttes Bürgermeister Sven Gleißberg (38) will dafür kämpfen, dass die Glashütter auch am Ende des Jahres Lebensmittel in der Kernstadt einkaufen können. © Egbert Kamprath

Herr Gleißberg, seit dem 6. Dezember sind Sie Bürgermeister in Glashütte. Wie fühlt sich das an?

Es war die richtige Entscheidung und ich übernehme gerne die Verantwortung, gemeinsam mit den Bürgerinnen und Bürgern die Zukunft von Glashütte und aller Ortsteile zu gestalten. Ich freue mich, hier im Rathaus gut angekommen zu sein. Ich wurde sehr herzlich von der Verwaltung aufgenommen. Die ersten Themen konnten wir schon erfolgreich angehen. Und viele weitere Themen stehen für das neue Jahr noch bevor.

Kurz vor Weihnachten leiteten Sie Ihre erste Stadtratssitzung. Wie lief das aus Ihrer Sicht?

Die Stadtratssitzung fand unter strikter 3G-Regelung und Maskenpflicht statt. Das hätte ich mir natürlich anders gewünscht. Auch dass wir die Sitzung einkürzen und auf die Fragen und Anregungen aus dem Publikum verzichten mussten, schmerzt natürlich. Wer mich kennt, weiß, dass ich immer gerne im Dialog stehe. Trotz der Bedingungen, die vorherrschten, war ich glücklich, dass alle Stadträte, die es sich einrichten konnten, gekommen waren.

Corona scheint die Gesellschaft zu spalten. Wie nehmen Sie das wahr?

Das nehme ich mit großer Sorge wahr. Ich bin ein Mensch, der versucht, vermittelnd einzuwirken. Man sollte stets im sachlichen Dialog bleiben. Es ist legitim, unterschiedliche Meinungen zu den Verordnungen zu haben. Das gehört zu einer Gesellschaft dazu. Ich werbe dafür, einen Blick zum Beispiel in die Krankenhäuser zu werfen und sich mit Menschen zu unterhalten, die dort tätig sind. Ich habe im Freundes- und Bekanntenkreis Menschen, die dort arbeiten und mir berichtet haben, dass die aktuellen Arbeitsbedingungen dort sehr, sehr hart sind. Die Menschen gehen an ihre Belastungsgrenzen. Und wir alle sollten unseren Beitrag leisten, dass es nicht zu einem Kollaps des Gesundheitssystems kommt.

Die Glashütter Kindertagesstätte Sonnenuhr auf dem Ochsenkopf soll saniert werden. Die Planungen dazu sollen in diesem Jahr vorangetrieben werden.
Die Glashütter Kindertagesstätte Sonnenuhr auf dem Ochsenkopf soll saniert werden. Die Planungen dazu sollen in diesem Jahr vorangetrieben werden. © Karl-Ludwig Oberthür

Was können Sie als Verwaltung tun, um die Spaltung zu überwinden?

Ganz klar mit gutem Beispiel vorangehen und im Dialog bleiben. Wir müssen andere Meinungen zulassen, uns mit gegenteiligen Meinungen auseinandersetzen. Wir müssen einfach in einem sachlichen und konstruktiven Austausch bleiben.

Altenbergs Bürgermeister erhielt eine Morddrohung, Sie auch schon?

So etwas, jede Art von Bedrohungen oder Anfeindungen, ist nicht tolerierbar. Jeder kann seine Meinung über einen Politiker, die aktuelle Landes- und Bundespolitik oder hier den Altenberger Bürgermeister haben. Aber dort wurden ganz klar Grenzen überschritten. Und nein, ich habe derartige Bedrohungen nicht erhalten.

Wo stehen Sie in Bezug auf die Verordnungen?

Ich weiß, dass wir handeln mussten, weil sonst das Gesundheitswesen zu kollabieren drohte. Ich stehe daher hinter dem überwiegenden Teil der Verordnungen, weil uns schlichtweg nichts anderes übrigbleibt, als Kontakte zu minimieren, um Ansteckungen zu verhindern. Und ja, ich bin mittlerweile auch dreifach geimpft, teste mich aber dennoch zusätzlich jeden Tag, um auch meine Mitmenschen zu schützen.

In Glashütte gab es montags schon mehrere Spaziergänge – als stiller Protest gegen die Corona-Verordnungen. Was halten Sie von solchen Aktionen?

Was ich sagen kann, dass es bisher sehr zivilisiert war und auch Abstände eingehalten wurden. Ich habe nicht wahrgenommen, dass es ein politischer Protest war oder in irgendeiner Form Aggressionen eine Rolle gespielt haben. Ich wünsche mir, dass es bei einem stillen und friedlichen Protest bleibt und das nicht politisch unterwandert wird. Falls es in irgendeiner Form zu Konflikten kommen sollte, würde ich versuchen, zu vermitteln. Darüber habe ich auch die Polizei informiert. Aber eigentlich wünsche ich mir nichts sehnlicher, als dass wir alle diese schwere Zeit bald hinter uns haben und einfach nur optimistisch nach vorne blicken können.

Die Glashütter Uhrenmeile. Hier schlägt das Herz der Industriestadt Glashütte. Allerdings nicht so kräftig, wie vor der Pandemie.
Die Glashütter Uhrenmeile. Hier schlägt das Herz der Industriestadt Glashütte. Allerdings nicht so kräftig, wie vor der Pandemie. © SAE Sächsische Zeitung

Glashütte lebt mit und von der Uhrenindustrie. Hatten Sie schon Gespräche mit den Geschäftsführern der Hersteller?

Es gab bereits Kontakte bezüglich meines Amtsantritts und zur Zusammenarbeit in der Stiftung, die das Glashütter Uhrenmuseum trägt. Zur aktuellen wirtschaftlichen Situation der Firmen hatte ich noch keine detaillierten Gespräche. Diese werden aber noch stattfinden. Ich bin erst mal sehr froh, dass das Bundeskabinett die Glashütte-Verordnung zum Schutz der Herkunftsbezeichnung Glashütte bestätigt hat. Das war ein wichtiger Meilenstein für die deutsche Handwerkskunst und die Uhrmachertradition in Glashütte.

Die Uhrenfirmen sind wichtige Steuerzahler. Lässt sich schon abschätzen, wie sich die Einnahmesituation entwickelt?

Uns liegen Erkenntnisse zu den möglichen Steuereinnahmen vor. Ich würde mir wünschen, dass diese optimistischer wären. Corona hat den Firmen schon teilweise sehr zugesetzt.

2021 rechnete die Stadt mit Einnahmen von 3,8 Millionen Euro. Im Vergleich zu den Vorjahren war das wenig. Was ist 2022 zu erwarten?

Die Gewerbesteuern bleiben auf einem niedrigen Niveau. Nach den aktuellen Zahlen müssen wir sogar davon ausgehen, dass uns das Jahr 2022 noch mehr abverlangen wird und wir den Gürtel bei Investitionen noch enger schnallen müssen. Wir werden dazu in den nächsten Wochen in den Dialog mit dem Stadtrat treten. Ich bin daher sehr froh, dass wir in den letzten Jahren einen soliden Haushalt hatten und mir mein Vorgänger einen finanziellen Boden an Eigenmitteln übergeben hat. Damit können wir durch diese Durststrecke kommen und bleiben dennoch handlungsfähig.

Bahnen sich schwierige Entscheidungen an?

Wir versuchen, die Belastungen für die Bürgerinnen und Bürger so gering wie möglich zu halten und in erster Linie nach Sparpotenzialen zu suchen und vor allem Prioritäten bei künftigen Entscheidungen zu setzen.