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Glühwein im Berliner Morgenland

© Symbolfoto: dpa

Der Weihnachtsmarkt soll in Berlin aus religiösen Gründen in Wintermarkt umbenannt worden sein – ein Aufreger auch bei Pegida, nur eben dicht neben der Wahrheit.

Von Peter Heimann, Berlin

Anfang Dezember erzählte Pegida-Agitator Lutz Bachmann bei seiner montäglichen Ansprache eine irre Geschichte „von der stückchenweisen Abschaffung christlichen Kulturgutes in unserer Gesellschaft“. In Berlin, klärte er auf, „wurde zum Beispiel der Weihnachtsmarkt umbenannt in einen Wintermarkt, um religiöse Gefühle nicht zu verletzen“. Ein Aufreger, kommunikativ und propagandistisch ein Volltreffer. Es sei nur eine Frage der Zeit, war dann die fast zwangsläufige Schlussfolgerung, „bis unser Dresdner Stollen, Glühwein und Pulsnitzer Lebkuchen umbenannt werden“.

Die Botschaft ist ebenso klar wie einleuchtend: Diese Spinner kapitulieren vor dem Islam und mopsen uns jetzt sogar Tannenbaum, Weihnachtsmann sowie Glühwein mit und ohne Schuss. Die Geschichte hat nur einen Haken: Sie liegt dicht neben der Wahrheit – das ist alles totaler Quatsch.

In Berlin gibt es zur Weihnachtszeit nicht den einen Markt, sondern über 80 große und kleine, traditionelle und alternative Weihnachtsmärkte. Sowohl Kunsthandwerkliebhaber als auch all diejenigen, die einfach nur gemütlich durch die weihnachtlich geschmückten Straßen in den einzelnen Stadtbezirken und Zentren von Berlin schlendern möchten, sich auf den Duft von Mandeln und Glühwein freuen und Lust auf Weihnachten haben, kommen nicht zu kurz.

Die größeren Märkte sind am Roten Rathaus, am Alexanderplatz, an der Gedächtniskirche, auf dem Gendarmenmarkt, am Spandauer Rathaus und so weiter. Kein einziger Weihnachtsmarkt ist umbenannt worden oder hat sich gar „aus religiösen Gründen“ umbenennen müssen. Aber: Es gibt auch einen Wintermarkt. So wie es einen Lichtermarkt, einen Sternenmarkt, eine Winterwelt oder einen Markt der Kontinente gibt – allesamt Ausdruck der Vielfalt in einer weltoffenen Stadt, ohne dass dies die kulturelle Tradition gefährdet.

Das „Winterfest am Mehringplatz“ gibt es seit 2012 – ganz freiwillig. Zum ersten Mal dagegen findet in diesem Jahr ein „Kreuzberger Wintermarkt“ statt. Den Namen und das Konzept haben auch diese privaten Veranstalter aus freien Stücken gewählt. Aus zwei Gründen, wie ihre Sprecherin Ines Schilgen der SZ sagte: Zum einen wolle man am selben Ort auch einen Frühjahrs-, einen Sommer- und einen Herbstmarkt durchführen.

Zum Zweiten wolle man dem hippen Publikum in der Umgebung was anderes bieten als üblich. Der Kreuzberger Wintermarkt sei nur ein etwas anderer Weihnachtsmarkt. „Er möchte in seiner Präsentation und Produktauswahl auch Menschen ansprechen, die auf Weihnachtsrummel nicht so viel Wert legen. Klassische Weihnachtsmarkt-Attribute fehlen nicht gänzlich, aber wurden stark zurückgenommen.“ Und für alle, die trotz alledem doch noch den Kalifen im Hintergrund vermuten: Es gibt hier sogar Glühwein und Lebkuchen – neben vielen alternativen Angeboten, die zur kalten Jahreszeit passen.

Und noch etwas: Laut Veranstalter hat das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg keinerlei Druck auf Namensgebung oder sonst etwas ausgeübt – entgegen anderslautender Berichte. Der Berliner Boulevard zitiert immer mal wieder eine Entscheidung des Bezirksamtes (von 2007), wonach man grundsätzlich keine Genehmigungen für Veranstaltungen von Religionsgemeinschaften im öffentlichen Raum erteilen wolle. Dabei vergisst man aber immer darauf hinzuweisen, dass es sich um Veranstaltungen mit „religiöser Selbstdarstellung“ handele. Bezirksamts-Sprecher Sascha Langenbach zur SZ: „Ich kann alle beruhigen, das Abendland bleibt weiter bestehen, genauso wie die Weihnachtsmärkte in Friedrichshain-Kreuzberg, in diesem Jahr und auch in den nächsten Jahren. Wie die kommerziellen Märkte sich nennen, ist uns total egal.“