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Görlitz wächst

Erstmals seit der Wiedervereinigung leben mehr Menschen in der Stadt als im Vorjahr. Eine historische Zäsur.

© Pawel Sosnowski

Von Sebastian Beutler

Annerose Krause sitzt nun schon seit 1992 über den Görlitzer Zahlen. In ihrem Büro in der Apothekergasse gleich hinterm Rathaus stellt sie in endlosen Excel-Tabellen die neuesten Zahlen für die Stadt zusammen. Die Bevölkerungsentwicklung ist nur ein Aspekt, und ganz offiziell sind die Zahlen auch nicht, dieses Vorrecht verbleibt dem Statistischen Landesamt in Kamenz. Aber stimmen tun die Zahlen von Frau Krause natürlich, denn sie widerspiegeln das Meldeverhalten der Menschen. Amtlich aber hat das Statistische Landesamt eben den Vortritt. Und das hatte nun eine gute Nachricht für Görlitz. Ende 2014 lebten 151 Menschen mehr in der Stadt als ein Jahr zuvor. Bei insgesamt 54 000 Menschen mit Hauptwohnsitz in Görlitz ist das nur ein Wimpernschlag. Aber ein historischer. Jedenfalls, wenn man sich die Zahlen der letzten 30 Jahre vornimmt. Das ist nicht ganz einfach, weil das Statistische Landesamt nur die Daten seit 1990 erfasst. Aber auch in den Jahren davor kehrten viele Menschen der Stadt den Rücken. Damals oftmals aus Protest gegen die Willkür und die Einschränkungen im DDR-Staat. Nach 1990 wegen der beruflichen Perspektiven, die mit der Wiedervereinigung zunächst einmal an der Neiße in den Keller rutschten. In der Spitze schrumpfte Görlitz um knapp 2 000 Einwohner im Jahr. Und selbst wenn die Differenz geringer wurde, seit 1990 verging kein Jahr, in dem die Einwohnerzahl der Stadt nicht sank. Bis 2014. Das ist auch deswegen beachtlich, weil der Flüchtlingsstrom noch nicht dermaßen die Zahlen beeinflusste wie in diesem Jahr. Dass schon bis Ende April die Stadt um weitere 200 Menschen wuchs, zeigt die Folgen deutlich.

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Annerose Krause hat diese Entwicklung in ihren Zahlenkolonnen schon seit geraumer Zeit beobachtet. Als studierte Statistikerin ist es nicht ihre Aufgabe, die Zahlen zu interpretieren, Fotos von ihr in der Zeitung mag sie auch nicht, deswegen müssen wir an dieser Stelle leider auch darauf verzichten. Doch dass ihre Statistiken das Bild der Realität wiedergeben, davon ist sie überzeugt. Die Zahlen zeigen nur, was sie selbst im Alltag verfolgt. Die Überalterung oder eben auch, dass weniger Menschen als noch vor 25 Jahren auf den Straßen unterwegs sind.

Aber was bedeutet all das nun für die Stadt? Das bescheidene Wachstum einerseits, der enorme Aderlass in den vergangenen Jahren andererseits? Eine einfache Antwort gibt es darauf nicht. In einer neuen Serie wird die Görlitzer SZ versuchen, wenigstens einige zu geben. Beispielsweise auf die Frage, was die Stadt richtig gemacht hat. Denn es ist ja nun nicht so, als wenn selbst der bescheidene Zuwachs selbstverständlich wäre. Ein Blick in den Landkreis, der noch immer dramatisch Einwohner verliert, reicht dafür bereits aus. Auch fragen wir danach, was künftig die Görlitzer Stadtpolitik unternehmen und beachten muss, damit aus dem einen Sonnentag vielleicht doch wieder ein Sommer werden kann.

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Annerose Krause hätte jedenfalls nichts dagegen, wenn sie in den nächsten Jahren noch die eine oder andere Jahresstatistik herausgegeben könnte, bei der die Görlitzer Bevölkerungsentwicklung wieder aufwärtsgerichtet wäre. Natürlich ganz wertfrei.