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Werden Hallenhäuser zum Welterbe?

Mediterranes Flair an der deutsch-polnischen Grenze - die Laubenhäuser am Görlitzer Untermarkt erinnern an Italien. Hinter den kunstvollen Fassaden verbirgt sich alles andere als architektonischer Standard.

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Anett Böttger

Görlitz. Wer ein Hallenhaus in Görlitz betritt, gerät ins Staunen: eine turmartige, lichte Zentralhalle öffnet sich, der Blick schweift weit hinauf zu prächtigen Gewölbedecken. Verwinkelte Treppen führen nach oben. Die Bauten aus der Zeit der Spätgotik und Frührenaissance gleichen Palästen, in denen Patrizier, Großkaufleute und Fernhändler eine faszinierende Lebens- und Geschäftskultur schufen. Etwa 35 Hallenhäuser sind in der deutsch-polnischen Grenzstadt bis heute erhalten, sagt der Chef der Denkmalschutzbehörde, Peter Mitsching.

Die Stadt möchte mit den zahlreichen historischen Bauten auf die Welterbeliste der Unesco kommen.
Die Stadt möchte mit den zahlreichen historischen Bauten auf die Welterbeliste der Unesco kommen. © dpa
Viele der Hallenhäuser wurden in den vergangenen Jahren aufwendig saniert und werden als Wohn- oder Geschäftshaus genutzt.
Viele der Hallenhäuser wurden in den vergangenen Jahren aufwendig saniert und werden als Wohn- oder Geschäftshaus genutzt. © dpa
Nicht nur die Fassaden sind Blickfänge, auch dieses gold-rote Eingangstor
Nicht nur die Fassaden sind Blickfänge, auch dieses gold-rote Eingangstor © dpa
Im Inneren der Häuser sind beeindruckende Deckengewölbe zu sehen.
Im Inneren der Häuser sind beeindruckende Deckengewölbe zu sehen. © dpa

Mit den einzigartigen Denkmalen will es Görlitz auf die Welterbeliste der Unesco schaffen. Altstadtkerne seien darauf längst überrepräsentiert, heißt es aus Sachsens Innenministerium. Eine Expertenkommission empfahl deshalb die Konzentration auf die Hallenhäuser mit ihrem „außergewöhnlich universellen Wert“. Tatsächlich waren die zwischen 1480 und 1560 entstandenen Bauten vieles in einem: Wohnhaus, Kontor, Lager, Brauhof. „Manche hatten sogar eine Kapelle“, sagt der Historiker Lars-Arne Dannenberg, der an der Görlitzer Bewerbung mitarbeitete. Tief in den Fels gehauene Keller reichten bis zu drei Etagen unter die Erde.

Der Architekt Frank-Ernest Nitzsche sieht in den bürgerlichen Wohnanlagen etwas Monumentales. „Die Häuser entfalten sich nicht in ihrer äußeren Wirkung, sondern erst im Innenraum“, sagt der Bauforscher, der sich seit mehr als 30 Jahren mit diesem architektonischen Phänomen beschäftigt. Von außen ist die ungeheure Tiefe nicht sichtbar. Das Haus etwa, das sich der Kaufmann Hans Frenzel am Untermarkt errichten ließ, reicht 38 Meter ins Grundstück hinein.

Häuser sind individuell gestaltet

Görlitzer Bewerbung

Als Flächendenkmal wollte sich Görlitz ursprünglich mit Altstadt und Gründerzeitviertel um Aufnahme ins Unesco-Welterbe bewerben. Die Unterlagen mit dem Titel „Stadtbaukunst“ reichte die Stadt Anfang 2012 beim sächsischen Innenministerium ein.

Für den Antrag empfahl eine Expertenkommission die Konzentration auf die Hallenhäuser. Die Bewerbung wurde daraufhin präzisiert.

Görlitz ist unter den 32 Bewerbern, die auf Aufnahme in die deutsche Vorschlagsliste hoffen. Die derzeit geltende, sogenannte Tentativliste der Bundesrepublik war 1998 beschlossen worden und wird voraussichtlich 2015 abgearbeitet sein.

Nur dort registrierte Kandidaten können für das weitere Verfahren nominiert werden und danach ihre Anträge bei der Unesco einreichen. Bis zur Entscheidung des Welterbekomitees, das die Aufnahme neuer Stätten beschließt, vergehen dann noch einmal mindestens 18 Monate.

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Nitzsche schwärmt von der riesigen Formenvielfalt. Es gebe große, kleine, schmale, tiefe Hallen, mit engen, hohen Treppenhäusern und breiten Durchfahrten. „Jedes dieser Häuser ist ein individueller Fall“. Die früheren Eigentümer orientierten sich an herrschaftlicher Architektur. Damit vertraute Baumeister wie Conrad Pflüger, der an der Meißner Albrechtsburg mitwirkte, kamen nach Görlitz. Neue Techniken hielten Einzug, etwa zur Konstruktion von Netz- und Schlingrippengewölben.

„Die Häuser waren Handelsplätze“, sagt Nitzsche. Sie standen auf privilegierten Grundstücken, oft am Markt und waren fast immer mit dem Tuchhandel verbunden. Die Zentralhallen mit ihrer lichten Höhe boten Raum, um Waren wirkungsvoll zu präsentieren, etwa indem Tuche über die Geländer hinab gerollt wurden. „Görlitz hat vorrangig von Transithandel und Tuchexport gelebt.“ Durch die Lage an der Handelsstraße Via regia, die Ost- und Westeuropa verband, profitierte die Stadt vom europäischen Wissen- und Kulturtransfer. Die Idee der Hallenhäuser könnten Durchreisende als Anregung mitgenommen haben. Bis nach Italien reicht die Verbreitung von Bauten mit dieser Grundkonstruktion.

„In Görlitz hat sich der Haustyp allerdings außergewöhnlich früh entwickelt“, fand Nitzsche heraus. Erst in der zweiten Hälfte des 16. und im 17. Jahrhundert seien ähnliche Kaufmannshäuser in wichtigen Handelszentren Europas entstanden. Eine Recherchetour durch insgesamt 18 Städte habe dies bestätigt, sagt Nitzsche. Auf der Reise im Herbst 2013 hatte er rund 160 Gebäude in Polen, Tschechien und Süddeutschland besichtigt. Gut erhaltene und mit dem Görlitzer Haustyp vergleichbare Bauten fand der Bauforscher im polnischen Greifenberg. In tschechischen Iglau stieß er auf prächtige überdachte Arkadenhöfe.

Die meisten der Görlitzer Hallenhäuser dienen nach wie vor zum Wohnen. Manche stehen für Besucher offen, etwa als Gaststätte, als Museum wie der Schönhof oder als Verwaltungssitz wie das Biblische Haus. In einigen der Denkmale sind Ferienwohnungen oder Gästezimmer eingerichtet. „Das ist eine Herausforderung“, räumt Martin Vits ein, der die Geschäfte eines Hotels unweit der Peterskirche führt. Viele Verkehrsflächen wie die hohe Halle, breite Treppenaufgänge und Flure ließen sich wirtschaftlich nicht nutzen. Gäste allerdings wählten das Haus wegen der besonderen Atmosphäre oft sehr gezielt aus. Es lockt wohl auch der Reiz, in einem solchen Denkmal zu übernachten. (dpa)