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Jubel

Diese Görlitzer schreiben uns

75 Jahre SZ: Leserbriefe sind nicht mehr so häufig wie einst. Aber es gibt sie noch, die Menschen, die sich auf diese Weise für Görlitz einbringen.

Von links oben: Jürgen Wenske, Rudolf Grzegorek und Heiderose Starke sind treue Leserbrief-Schreiber
Von links oben: Jürgen Wenske, Rudolf Grzegorek und Heiderose Starke sind treue Leserbrief-Schreiber © SZ-Collage

Oft, wenn Jürgen Wenske sich an den Schreibtisch setzt, hat er zuvor die SZ gelesen. Vor allem Beiträge zu alten Gebäuden in Görlitz, Sanierungsvorhaben, Fehlschlägen und Erfolgen treiben ihn um. Wenske war nach der politischen Wende für eine Wahlperiode Mitglied im Görlitzer Stadtrat. Als Person des öffentlichen politischen Lebens kann man ihn aber eher nicht bezeichnen. Dennoch setzt er sich oft für das Görlitzer Stadtgeschehen ein, mit seinem Engagement beim Förderverein des Schlesischen Museums, dem Förderverein Stadthalle, beim Schlesischen Musikfest. Und mit Leserbriefen. Diese sind mit Social-Media-Plattformen wie Facebook seltener geworden. Aber bis heute gibt es Görlitzer, die sich auf diese Weise einbringen.

Kämpfer für die Stadthalle

Jürgen Wenske in seinem Arbeitszimmer. Der Arzt kann zu den meisten Görlitzer Häusern etwas erzählen.
Jürgen Wenske in seinem Arbeitszimmer. Der Arzt kann zu den meisten Görlitzer Häusern etwas erzählen. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Jürgen Wenske kann fast zu jedem Haus in Görlitz etwas erzählen. „Mein Vater war Schornsteinfeger“, erzählt er. Oft waren sie gemeinsam unterwegs. Jürgen Wenske stammt aus Görlitz, kurz vor Kriegsende 1945 floh die Familie. „Wir kamen bis in die Nähe von Plauen und haben mitbekommen, wie die Stadt bombardiert wurde.“ Artilleriebeschuss in der Nähe. „Wir bekamen Angst. Das ist mir bis heute gegenwärtig.“ Zurück gen Osten. „Wir kamen nur an kaputten Städten vorbei. Wir waren so glücklich, dass Görlitz dieses Schicksal nicht ereilt hat“, erzählt Wenske. „Deshalb bin ich so bitter, wenn ich heute Gebäude verfallen sehe, deren Erhalt vor 76 Jahren gelang.“ 1945 erlebte er in Görlitz auch eine Typhusepidemie mit. Als Ministrant sah er, wie in der Nikolaikirche in Görlitz die Särge gestapelt waren. „Darum ist der gegenwärtige Lockdown für mich kein Problem.“

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Jürgen Wenske war Allgemeinmediziner. Viele Jahre praktizierte er in Bad Muskau als Hausarzt, dann im St.-Carolus-Krankenhaus in Görlitz. „Ich habe beides gern gemacht. Als Landarzt hat man es mit einem breiten Spektrum der Fachgebiete zu tun.“ Es sei auch anstrengend, „man kommt nur selten zur Ruhe. Es war beides eine erfüllende Zeit.“ In Bad Muskau verfolgte er den Wiederaufbau des Schlosses.

Eine ähnliche Entwicklung wünscht er sich für die Stadthalle. „In der Stadthalle war ich zum ersten Mal als Kind.“ Bei einer Theater-Spielzeit-Eröffnung zur Revue „Auf der grünen Wiese“. Handball und Volleyball hat er dort gespielt, als Schüler der Annenschule mit dem Chor auf der Bühne gestanden. Dass es nicht so recht vorangeht mit der Stadthalle, das ärgert ihn.

Glauben und Medizin geht für ihn zusammen

Es geht bis unters Dach. Das Haus in der Nikolaivorstadt von Görlitz hat schon Rudolf Grzegoreks Vater gehört. „Er war Fleischermeister.“ Und auch er schwamm schon ein bisschen gegen den Strom. Seinen Namen eindeutschen zu lassen, lehnte der Vater im Nationalsozialismus ab. Zu den Revoluzzern habe er selbst, sagt Grzegorek, nie gehört. Aber sehr wohl zu den Menschen, die sich sehr für das, was um sie herum geschieht, interessieren.

Unterm Dach mit Fotos von Menschen, die ihn beeinflussten und vielen Büchern schreibt Rudolf Grzegorek an die SZ.
Unterm Dach mit Fotos von Menschen, die ihn beeinflussten und vielen Büchern schreibt Rudolf Grzegorek an die SZ. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Ganz oben unterm Dach – hier schreibt Rudolf Grzegorek regelmäßig Leserbriefe an die SZ. Umgeben von sehr vollen Bücherschränken. Es gibt eigentlich nichts, was es nicht gibt. Aktuelle medizinische Werke sind auch dabei, für die älteren Ausgaben gibt es einen Extra-Raum. Grzegorek ist Arzt im Ruhestand. „Eigentlich wollte ich Geschichte oder Jura studieren“. Aber die Familie war evangelisch geprägt. Jugendweihe machte er nicht. „Medizin konnte ich aber studieren, da konnte man ja politisch keinen Schaden anrichten.“ In Berlin studierte er die ersten zwei Jahre, absolvierte die klinischen Semester an der medizinischen Akademie Carl-Gustav-Carus in Dresden.

Ob es im Studium war oder später im Berufsleben – „ich hatte eigentlich immer gute Lehrer.“ Viele Jahre war er in Görlitz Heimarzt und mit einem Oberarzt und einer Psychologin für die sechs städtischen Feierabend- und Pflegeheime zuständig. Eine Stelle, die es nach der Wende nicht mehr gab. Grzegorek arbeitete als niedergelassener Arzt. 2008 ging er in den Ruhestand. Einerseits sei der Abschied ihm nicht allzu schwer gefallen, erstens wegen der Gebührenordnungen und Bürokratie. Zweitens belastete ihn eine Depression. „Ich hoffe, meine Patienten haben es zuletzt nicht allzu sehr zu spüren bekommen.“ Aber zumindest fragen manche noch heute nach seinem Rat.

So ganz hat ihn das Arzt-Dasein andererseits nie losgelassen. Auch seine Tochter ist Ärztin in Chemnitz. Die evangelische Prägung ließ ihn nie los, obwohl er aus der Kirche austrat. Sich selbst sieht er als liberalen, evangelischen, unierten Christen. Rudolf Grzegorek ist etwa Mitglied in der Gesellschaft für Glaubensreform und im Freundeskreis der Marienpflege Ellwangen, hat sich 2018 mit dafür eingesetzt, dass Kirchenmusikdirektor Reinhard Seeliger den Landesverdienstorden erhielt.

„Ein bisschen was möchte man eben doch weitergeben.“ In seinen Leserbriefen äußert er sich oft zu medizinischen Themen. Auch in der Corona-Krise. „Ich bin immer für Sachlichkeit, dafür den Stand der Wissenschaft zu akzeptieren. Und dass es klügere Menschen gibt als einen selbst.“ Querdenker gibt es auch unter Ärzten. Etwas, das ihn sehr umtreibt. „Es gibt Dinge und Regelungen, die ich auch nicht gut nachvollziehen kann.“ Und bei der Besorgung von Impfstoff, Masken und Schnelltests habe die Politik geschlafen. „Was mich aber entsetzt, ist das Misstrauen dieser Tage gegenüber den Erkenntnissen von Virologen, Epidemiologen und Intensivmedizinern. Dann muss man sich mal vor Augen halten, dass sie in dieser Pandemie in weiten Teilen recht behalten haben.“

Von ihr steckt viel in Görlitz

Im Klingewalder Garten kommt zusammen, was das Ehepaar Starke ausmacht. Eine Finnhütte steht dort – Heiderose Starkes Mann war Holzbauer. Umgeben von viel Grün – Heiderose Starke war Landschaftsarchitektin. Die Außenanlagen der Neubaugebiete in Königshufen, Rauschwalde und Weinhübel hat sie zu DDR-Zeiten geplant, kurz nach der Wende die Außenanlagen des Helenenbades, in Teilen der Ochsenbastei stecken ihre Ideen. In der Stadthalle Görlitz baute sie mit ihren Kollegen sechs mal eine eigene Welt auf, für die Niederschlesische Haus- und Gartenmesse. Für ihre Gestaltung des Pontegartens erhielt sie zusammen mit der Stadt Görlitz 1996 den ersten Preis beim Garten-Landeswettbewerb.

Heiderose Starkes Handschrift steckt nicht nur in ihren Leserbriefen, sondern auch in vielen Grünanlagen der Stadt.
Heiderose Starkes Handschrift steckt nicht nur in ihren Leserbriefen, sondern auch in vielen Grünanlagen der Stadt. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

In Görlitz machte sie ihre Ausbildung zur Gärtnerin bei der Gärtnerei Thiel. Zentnerweise Kohlen täglich zur Beheizung der Gewächshäuser zu karren – „die Winter waren für mich eine schwere Zeit.“ Danach ging sie zum Studium nach Erfurt, mit Reißbrett, Gummistiefeln und Federbett. Über Umwege kam sie nach Görlitz zurück und arbeitete über Jahrzehnte für das Wohnungsbaukombinat. Nach der politischen Wende wurde daraus eine GmbH, „aber nach zehn Jahren gingen wir pleite. Es waren zu schwere Bedingungen.“

Wenn man so lange hier gelebt hat, „kann man schon was erzählen.“ Zum Beispiel in Leserbriefen. Ein Thema für Heiderose Starke aktuell: die Sanierung der Blockhausbrücke. Dafür braucht es eine Behelfs-Fußgängerbrücke. Sie soll später weiterverwendet werden und die Holzbrücke im Kidrontal – einst geplant von Heiderose Starke – ersetzen. 75.000 Euro kostet die Ersatz-Brücke dann noch für die Stadt. „Das ist etwas, das kann ich nicht verstehen. Diese Brücke muss ohnehin für die Blockhaussanierung gebaut werden.“ Ist der Preis nicht bereits in enthalten? „Das sind Dinge, da muss ich zu Stift und Papier greifen.“

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