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So wohnt es sich in der Görlitzer Bahnpost

Das denkmalgeschützte Gebäude ist saniert. Wolfgang Späth ist einer der ersten, die hier ins betreute Wohnen zogen. Er ist ein Rückkehrer in doppeltem Sinn.

Wolfgang Späth wohnt in der ehemaligen Bahnpost in Görlitz. Der Pflegedienst Advita baute das Gebäude um und bietet betreutes Wohnen an.
Wolfgang Späth wohnt in der ehemaligen Bahnpost in Görlitz. Der Pflegedienst Advita baute das Gebäude um und bietet betreutes Wohnen an. © André Schulze

Niemals hätte sich Wolfgang Späth vor Jahren vorstellen können, einmal in der alten Bahnpost auf der Görlitzer Bahnhofstraße seinen Lebensabend zu verbringen. Seit Mitte Juli wohnt der 79-Jährige in dem sanierten Gebäude und nutzt die Vorteile des betreuten Wohnens. Alles hier ist neu. Nur eine Sache kannte er schon.

Wolfgang Späth erinnert sich vor allem beim Mittagessen daran, wenn er unter dem Kronleuchter im Speisesaal sitzt. "Hier hatte früher der Chef der Bahnpost sein Büro und ich musste manchmal hin, wenn es etwas zu besprechen gab. Da saß ich dann unter dem großen Leuchter ", erinnert sich der Senior und gibt zu bedenken, dass der alte Chef zumindest in Gedanken heute beim Mittagessen oft dabei ist. 

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Lucia Posselt, Anne Krems und Mandy Zagorski gehören zum Team von Advita in der alten Post am Bahnhof. 
Lucia Posselt, Anne Krems und Mandy Zagorski gehören zum Team von Advita in der alten Post am Bahnhof.  © Archivfoto: André Schulze
Hier ein Foto von der Sanierung der alten Post an der Bahnhofstraße in Görlitz, aufgenommen vom gegenüberliegenden Parkhaus.
Hier ein Foto von der Sanierung der alten Post an der Bahnhofstraße in Görlitz, aufgenommen vom gegenüberliegenden Parkhaus. ©  Archivfoto: Nikolai Schmidt
Die alte Bahnpost steht unter Denkmalschutz. Die Sanierung stellte das vor besondere Herausforderungen. 
Die alte Bahnpost steht unter Denkmalschutz. Die Sanierung stellte das vor besondere Herausforderungen.  © Nikolai Schmidt
Advita-Marketing-Chef Uli Schuppach und die Leiterin der Görlitzer Niederlassung Anne Krems stehen auf einem der wenigen Balkone an der Straßenseite.
Advita-Marketing-Chef Uli Schuppach und die Leiterin der Görlitzer Niederlassung Anne Krems stehen auf einem der wenigen Balkone an der Straßenseite. © Nikolai Schmidt
Beim Tag der offenen Baustelle in der Bahnpost Görlitz  zu Jahresbeginn herrschte großer Andrang. Mehr als 1.300 Leute wollten wissen, was hier entsteht.
Beim Tag der offenen Baustelle in der Bahnpost Görlitz  zu Jahresbeginn herrschte großer Andrang. Mehr als 1.300 Leute wollten wissen, was hier entsteht. © Advita

Von Görlitz aus in den Irak und nach Berlin

Späth ist gebürtiger Görlitzer. Er wuchs in Rauschwalde auf, besuchte dort die 13. POS. Später ging er zur Post, wurde Fernmeldemonteur, qualifizierte sich zum Diplom-Ingenieur. Er heiratete, bekam einen Sohn und eine Tochter. Mittlerweile hat er fünf Enkel und zwölf Urenkel. Der Sohn lebt in Rheinland-Pfalz, die Tochter in Holtendorf.

Sie war es schließlich, die ihren Vater auf die neue Wohnstätte in der alten Bahnpost aufmerksam machte. Der advita-Pflegedienst sanierte das Gebäude umfassend und richtete hier neben einer Wohngruppe für Menschen mit Demenz mehrere Wohnungen im betreuten Wohnen ein.

Wolfgang Späth lebte die letzten Jahrzehnte  in Berlin. Es hatte ihn dorthin verschlagen, nachdem er noch zu DDR-Zeiten fast drei Jahre lang im Irak gelebt und gearbeitet hatte. "Ich hatte keine Westverwandtschaft, und nach gründlicher Überprüfung durch die Stasi wurde ich für würdig befunden, im nichtsozialistischen Ausland zu arbeiten", erzählt Späth. Er arbeitete als Messtechniker am Neubau einer Eisenbahnstrecke im Irak mit.

Eigene Wohnung, aber Betreuung wenn nötig

Vor einiger Zeit bemerkte der Senior, dass er in Berlin in seiner Wohnung auf Dauer wohl nicht mehr allein zurechtkommen würde. "Im Frühjahr hatte ich meinen zweiten Herzinfarkt, Prothesen in beiden Kniegelenken sorgen für mangelnde Beweglichkeit - naja, ich werde eben älter", sagt er. In Berlin hörte und sah er sich nach einem Platz in einem betreuten Wohnen um. Alles viel zu teuer, winkt er ab. Schließlich stellte ihm seine Tochter mehrere Angebote in Görlitz vor. Späth entschied sich für eine reichlich 50 Quadratmeter große Wohnung in der alten Bahnpost. "Meine gute Rente reicht dafür, für ein paar zusätzliche Leistungen und Annehmlichkeiten bleibt noch was übrig", sagt er.

Dazu gehört, dass er sich einen schnellen Internetanschluss leistet. "Mit 100 M/Bit bin ich dabei. Hier liegt Glasfaser bis in jede Wohnung", berichtet der Senior. Als ehemaliger Fernmeldetechniker bekommt er 30 Prozent Rabatt auf alle Leistungen der Telekom. "Also gar kein Problem, beim Surfen kommt mir die Geschwindigkeit sehr entgegen."

Ruhig, aber mitten in der Stadt

In seiner Wohnung mit Blick ins Grüne Richtung Bahngleise und trotzdem mitten in der Stadt fühlt er sich sehr wohl. "Es ist sehr ruhig, denn hier fährt ja kaum noch ein Zug", sagt er und schwärmt von seinem sechs Meter langen Balkon. Der Hausmeister half ihm beim Aufhängen der Lampen. "Demnächst will ich noch ein paar schöne Sachen, die ich aus dem Irak mitgebracht habe, an den Wänden anbringen", erzählt der Mann und hofft dabei wieder auf die hausmeisterliche Hilfe, denn "auf die Leiter steige ich nicht mehr". Überhaupt freue er sich über die schnelle und unbürokratische Unterstützung, die hier im betreuen Wohnen angeboten werde. So fand er tatsächlich einen neuen Hausarzt und eine nahegelegene Physiotherapie.

Frühstück und Abendbrot richtet er sich selbst her, meist mit seiner guten Freundin Karin Bonig. Beide  gingen schon zusammen in Görlitz zur Schule, gründeten mit jeweils anderen Partnern eine Familie, verloren sich aber nie aus den Augen. So war es kein Wunder, dass auch Karin Bonig aus Berlin zurück nach Görlitz kam und jetzt direkt neben Wolfgang Späth in einer eigenen Wohnung lebt.

Zum Mittagessen fahren sie beide mit dem Aufzug ins Erdgeschoss. Dort befindet sich die Küche. "Hier wird täglich frisch gekocht, da gibt es kein Fertigessen", hebt der 79-Jährige hervor. Er schätzt das sehr und sagt, dass es ihm, seit er hier wohnt, jeden Tag geschmeckt habe.

Mit dem Fahrrad unterwegs

Wenn Wolfgang Späth und Karin Bonig das schöne Sommerwetter nicht auf dem Balkon genossen, waren sie mit dem Rad unterwegs. Bis zum Berzdorfer See sind sie schon geradelt, "zurück mit dem Zug, trotz der elektrischen Unterstützung bei meinem Rad", erzählt der Senior und berichtet, dass er ohne die Hilfe eines jungen Fahrgastes auf der Rückfahrt von Hagenwerder die Fahrräder nicht in den Zug bekommen hätte. Zu groß sei der Höhenunterschied zwischen Bahnsteigkante und Zugeinstieg gewesen. Wie sperrig das Leben manchmal sein kann, hatte Wolfgang Späth schon fast vergessen, denn in seinem neuen Wohnhaus, der alten Bahnpost, ist alles behindertengerecht.

Langweilig ist es dem Senior bislang noch nie gewesen, seit er in seine Geburtsstadt zurückgekehrt ist. Berlin zu verlassen, fiel ihm nicht schwer. Und in der alten Bahnpost in der Bahnhofstraße, die er schon so lange kennt, fühlt er sich heimisch und wohl.

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