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"Görlitz sollte wieder Verkehrsknotenpunkt werden"

Anneliese Karst führt die Geschicke vom "Aktionskreis für Görlitz". Sie spricht über ihre Ziele, den Verein und was sie sich von Görlitzern wünscht.

Anneliese Karst ist die neue Vorsitzende des Vereins Aktionskreis für Görlitz.
Anneliese Karst ist die neue Vorsitzende des Vereins Aktionskreis für Görlitz. © Martin Schneider

Es ist eine der ersten Veranstaltungen in Görlitz, bei der Anneliese Karst als Vorsitzende des Vereins "Aktionskreis für Görlitz" auftritt. An diesem Mittwochabend werden ab 19.30 Uhr die Preisträger des Projektwettbewerbs "Wir sind Görlitz" zum 950. Stadtgeburtstag geehrt. Im Stadthallengarten Görlitz kann jeder dabei sein.

Anfang Juni übernahm Frau Karst den Vereinsvorsitz. Doch eine Unbekannte ist die 74-jährige Görlitzerin in der Stadt bei weitem nicht. Schon einmal war sie in diesem Verein aktiv, trat dann aus beruflichen Gründen kürzer und aus dem Verein aus - nur um wenig später vehement für die Sanierung der Görlitzer Stadthalle zu kämpfen. Wir sprachen mit Anneliese Karst über ihre Ziele, den Verein und warum sie an die Ur-Görlitzer appelliert.

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Der Meridianstein an der Stadthalle zeigt den 15. Meridian an.
Der Meridianstein an der Stadthalle zeigt den 15. Meridian an. © André Schulze

Anneliese Karst überlegt es sich anders

Frau Karst, seit Anfang Juni dieses Jahres sind Sie die Vorsitzende des Aktionskreises für Görlitz. Warum tun Sie sich das an und geben von Ihrer Zeit als Rentnerin so viel ab?

Oh, da muss ich etwas ausholen. Zum Aktionskreis habe ich eine intensive Bindung. Bei meiner Arbeit als Abteilungsleiterin bei Siemens hatte ich nicht nur Verantwortung für das Tagesgeschäft, sondern auch viele Zusatzaufgaben, sodass ich im Ehrenamt beim Verein kürzertrat. Schließlich ging ich ein halbes Jahr nach dem Eintritt ins Rentenalter in den Ruhestand. Doch der war mir zu wenig, ich engagierte mich für die Sanierung der Görlitzer Stadthalle. Seit einigen Jahren bin ich wieder Mitglied im Aktionskreis.

Dessen langjähriger Vorsitzender Rainer Müller nahm mehrmals Anlauf und wollte mich vom Vereinsvorsitz überzeugen. Ich lehnte jedes Mal ab. Als der neue Vorstand sich Anfang Juni konstituierte, besprachen wir zunächst alle Themen. Als es um den Vereinsvorsitz ging, erinnerte ich mich an meine eigene Berufstätigkeit und dachte: Da sitzen vier Vorstandsmitglieder, die mitten im Berufsleben stehen und nicht so viel Zeit haben. So entschloss ich mich, den Vorsitz für die nächsten vier Jahre zu übernehmen.

Denn der Verein liegt mir am Herzen. Er ist nicht nur einer der bekanntesten in Görlitz, sondern in ihm arbeiten einflussreiche Menschen mit, die schon viel bewirkt haben und mit ihrem Tun noch längst nicht am Ende sind.

Fühlen sich Ur-Görlitzer abgeschreckt?

Das ist ein gutes Stichwort. Es hat den Anschein, dass der Aktionskreis für Görlitz sich in den letzten Jahren immer mehr zum Sammelbecken von Neu-Görlitzern entwickelte. Gebürtige Görlitzer zogen sich zurück oder interessieren sich erst gar nicht für ein Mittun im Verein.

Ja, es stimmt, im Verein waren und sind viele Menschen aktiv, die nicht in Görlitz geboren wurden und erst nach der Wende an die Neiße kamen. Ein elitärer Verein sind wir deswegen aber nicht. Viele Zugezogene aus den Altbundesländern zogen hierher und suchten eine Möglichkeit, sich ehrenamtlich einzubringen. Und fanden den Aktionskreis für Görlitz.

Für die Vereinsarbeit ist es von Vorteil, wenn sich hier Persönlichkeiten engagieren, die in ihrem Beruf Verantwortung tragen und Einfluss in der Stadtgesellschaft haben. Da ist manches vielleicht einfacher und schneller zu organisieren. Nun ja, es kann natürlich auch sein, dass der Verein damit einige gebürtige Görlitzer verschreckt hat, mitzuarbeiten.

Aber grundsätzlich wollen wir auf einer großen, breiten Bühne spielen. Der Aktionskreis ist ein Verein für alle, die sich für Görlitz engagieren. Dabei ist es gleich, woher jemand kommt und wie alt er ist. Wobei es gut und wünschenswert wäre, wenn mehr jüngere Menschen aktiv mitwirken.

Wie der Aktionskreis zu Geld kam

Mitunter wird der Aktionskreis für Görlitz als "Überverein" gesehen, andere Vereine begegnen ihm mit Skepsis. Wie wollen Sie das abbauen?

Vielleicht resultiert diese Meinung noch daher, dass der Verein in seinen ersten Jahren ziemlich viel Geld für Projekte eingeworben hatte und daher als ein "reicher" Verein galt. Ich denke da beispielsweise an das Unternehmen Shell, das eine größere Summe für den Muschelminnabrunnen gab. Diese Anlage mitten in der Stadt stand damals unter Kritik der Görlitzer, man solle doch lieber Häuser sanieren und Wohnungen bauen, hieß es. Wir hatten ja die Brunnensanierung angeregt. Oder ich denke an eine Richterin in Stuttgart, die damals eine große Summe für Görlitz bestimmte, die als Ordnungsgeld gezahlt wurde und nach Görlitz ging.

Die damalige Aufbruchstimmung im Land schlug sich natürlich in den Aktivitäten des Vereins nieder. Auch wenn sich in mehr als 30 Jahren viel veränderte, eins blieb: Der Aktionskreis will mit anderen, auch kleinen, Vereinen in der Stadt zusammenarbeiten. So wollen wir mit dem Vereinshaus Unterstützung für deren Infrastruktur geben und Projekte wie "950 Jahre Görlitz" auch künftig fördern und umsetzen.

Das Eckhaus am Görlitzer Untermarkt heißt noch heute Europahaus, weil bis August 2018 der Europahaus-Verein dort seinen Sitz hatte. Der Verein ist aufgelöst. Nun ist der Aktionskreis für Görlitz der neue Mieter.
Das Eckhaus am Görlitzer Untermarkt heißt noch heute Europahaus, weil bis August 2018 der Europahaus-Verein dort seinen Sitz hatte. Der Verein ist aufgelöst. Nun ist der Aktionskreis für Görlitz der neue Mieter. © Gabriela Lachnit

Viel Platz im Europahaus

Wie könnte das aussehen?

Indem Vereine zum Beispiel die Angebote in unserem Vereinshaus nutzen. Wir sind ja vom Klosterplatz weg auf den Untermarkt ins Europahaus gezogen. Vereine können den Versammlungsraum nutzen und auch Büroarbeitsplätze mieten, da ist vieles machbar.

Wie glücklich ist der Aktionskreis mit dem Umzug auf den Untermarkt?

Sehr. Es gibt mehr Platz für uns und andere. Das Europahaus ist gut erreichbar und liegt zentraler als die Geschäftsstelle am Klosterplatz. Es kommen hier mehr Görlitzer und Besucher vorbei und auch herein. Wenn der Tourismus wieder richtig in Schwung ist, erhoffen wir uns noch mehr Zuspruch als Anlaufpunkt für Touristen, denn die Geschäftsstelle ist tagsüber besetzt.

Matthias Eisenberg, Star-Organist, und Reinhard Seeliger, Kirchenmusikdirektor, an der Orgel in der Görlitzer Peterskirche.
Matthias Eisenberg, Star-Organist, und Reinhard Seeliger, Kirchenmusikdirektor, an der Orgel in der Görlitzer Peterskirche. © Martin Schneider

Große Projekte mit langem Atem

Welche Vorhaben wollen Sie mit dem Aktionskreis in den nächsten vier Jahren verwirklichen?

Einige, die viel Kraft und wahrscheinlich auch einen langen Atem benötigen. Ich möchte die Bürgerforen, die es in der Vergangenheit unter anderem zum Görlitzer Kaufhaus und zur Stadthalle gab, fortsetzen. Dort sollen die Görlitzer nicht nur informiert werden über Projekte, wir wollen möglichst viele und vor allem Jüngere für's Mitmachen gewinnen.

Welche Art Projekte sollen das sein?

Verschiedene. Eins davon beschäftigt sich mit der jüdischen Geschichte in Görlitz, mit unserem sehr schönen jüdischen Friedhof. In dem Gebäude, das früher als Trauerhalle genutzt wurde und heute der Stadt als Depot dient, könnte ohne große Investitionen ein Gedenkraum hergerichtet werden. Darin kann über die jüdische Geschichte in Görlitz und über Persönlichkeiten, die sich maßgeblich um die Entwicklung der Stadt verdient gemacht haben, informiert werden. Die Friedhofsführungen könnten dann dort starten.

Der jüdische Friedhof befindet sich in der Görlitzer Südvorstadt.
Der jüdische Friedhof befindet sich in der Görlitzer Südvorstadt. © SZ-Archiv

Wie kaum ein anderes Bauwerk prägt die Peterskirche die Silhouette der Stadt. Die Grundsteinlegung zum Chor fand 1423 statt. 2023 jährt sich dieses Ereignis zum 600. Male. Prof. Matthias Eisenberg, der Star-Organist, liegt die Kirche sehr am Herzen und er engagiert sich besonders für die Sonnenorgel. Ich wünsche mir, dass der Aktionskreis zu einer Geldsammlung für das Geläut aufruft. Denn die Peterskirche zu erhalten, ist nicht nur eine Aufgabe der Kirche, sondern aller Görlitzer.

Das Wahrzeichen der Stadt Görlitz ist die Kirche St. Peter und Paul, auch Peterskirche genannt.
Das Wahrzeichen der Stadt Görlitz ist die Kirche St. Peter und Paul, auch Peterskirche genannt. © LausitzNews.de/Thomas Hurny

Schließlich möchte ich, dass wir als Verein die Bürger dazu einladen, sich an der Debatte um die Entwicklung eines Verkehrskonzeptes zu beteiligen. Dazu gehört nicht nur die Parkplatzsituation, sondern eben auch Görlitz als Verkehrsknotenpunkt für die Eisenbahn. Schnelle Verbindungen nach Dresden, Breslau/Wroclaw und Reichenberg/Liberec, die früher der Stadt ihre Entwicklung als wirtschaftliches und kulturelles Zentrum ermöglichten, brauchen wir heute dringend für den Berufs- und Individualverkehr. Der Umstieg auf die Elektromobilität bedeutet ja nicht einen Wechsel vom Benzin- oder Dieselantrieb auf einen E-Antrieb, sondern auch Verzicht auf das Auto überhaupt. Das klappt aber nur, wenn die Eisenbahn mitspielt, diese schnellstens ausgebaut wird und sie mehr Service bietet.

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